Joggen? Unmöglich! Sagt Gisin, sagt Svindal, sagt Vonn

Chronische Schmerzen sind ein Massenphänomen im Skisport. Selbst bei 13-Jährigen. Warum Langzeitschäden dennoch selten vorkommen.

Stürze wie der von Aksel Svindal 2016 in Kitzbühel und die erlittenen Verletzungen sind häufiger Ursache für Langzeitschäden als reine Abnützung. Foto: Joe Klamar (AFP)

Stürze wie der von Aksel Svindal 2016 in Kitzbühel und die erlittenen Verletzungen sind häufiger Ursache für Langzeitschäden als reine Abnützung. Foto: Joe Klamar (AFP)

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Vreni Schneider will vom Tisch aufstehen. Hört sich nach nichts an, ist aber viel. Über eine Stunde ist die 54-Jährige gesessen für das Gespräch, das Knie schmerzt. Schneider lehnt sich leicht zurück, ein kleiner Anlauf, schwingt sich hoch. Schneider war einst die beste Skifahrerin der Welt, sie verschob Grenzen, mental, körperlich, führte ein Leben über dem Limit. Heute tut vieles weh.

«Es hat gar keinen Knorpel mehr im Knie, das reibt jetzt», sagt sie. Die Schulter schmerzt wie verrückt, einmal konnte sie die Hände nicht mehr bewegen, Gicht oder die Nerven? «Abnützung», sagt sie. Es sind die Kehrseiten der Medaillen – bei ihr waren es sechs goldene, drei silberne, zwei bronzene, gewonnen an WM und Olympia. Die Quittung ist happig.

Am Wochen­ende sind Aksel Svindal und Lindsey Vonn zurückgetreten, zwei der ganz grossen Skifahrer. Nicht freiwillig. Es ging nicht mehr, der Körper. Das Knie zwinge ihn dazu, sagte Svindal. Vonn befand: «Mein Körper ist gebrochen und nicht mehr zu reparieren. Er brüllt mich an zu stoppen.»

«Ein Nicht-Athlet hätte ein steifes Gelenk. Ein einstiger Sportler zuckt nur mit den Schultern.»Walter O. Frey, Teamarzt bei Swiss-Ski

Und noch so eine Geschichte: Dominique Gisin ist Abfahrtsolympiasiegerin 2014. Markus Ryffel, Organisator des Frauenlaufs in Bern, wollte sie einladen zum Event. Er bekam eine Absage, es geht nicht, das Knie. Joggen? Unmöglich, sagt Gisin. Sagt Svindal. Sagt Vonn.

So ist das gängige Bild des zurückgetretenen Skirennfahrers. Sein Körper ist malträtiert von Tausenden Schlägen auf die Gelenke, geschunden vom Malochen im Kraftraum, zertrümmert von Dutzenden Stürzen.

Video: Vonn stürzt im Super-G schwer

«Schäden, die den normalen Alltag beein­­trächtigen, rühren meist von Stürzen her»: Lindsey Vonn stürzt über ein Tor. Video: SRF (5. Februar 2019)

Besuch bei Walter O. Frey, Chefarzt bei Swiss-Ski. Ex-Skirennfahrer sollen alles Sportinvaliden sein? Er sagt: «Ich kenne praktisch keinen. Vielleicht muss der eine oder andere einmal auf eine Bergtour verzichten.» Sonst? Kaum Einschränkungen. Die Aussage erstaunt. Frey hat eine Erklärung. Das liege nicht daran, dass frühere Skirennfahrer keine Blessuren aus ihrer Aktivzeit davongetragen hätten, sondern daran, «dass sie gelernt haben, mit dem Schmerz zu ­leben. Sie sind als Aktive der­massen auf ihre Aufgabe konzentriert, dass sie solche Begleiterscheinungen schlicht akzeptieren.» Diese Mentalität bleibe ihnen über den Sport hinaus erhalten.

Enorm deformierte Knie

Frey hat manche Röntgenaufnahme von Knien gesehen, die enorme Deformationen aufweisen, «man würde sagen: Dieses Knie ist kaputt. Ein Nicht-Athlet hätte auch längst ein steifes oder künstliches Gelenk. Ein ehemaliger Spitzensportler dagegen zuckt nur mit den Schultern und sagt: Ich kann alles tun.» Nach der Karriere fällt die extreme körperliche Belastung weg, die Schmerzen sind entsprechend geringer.

Es war Ende 2018 in Lake Louise, Kanada. Svindal sass in einem Sessel im Hotel. Der 36-Jährige hatte eine Vorbereitung hinter sich, während der er sich oft fragte, ob er sich nicht das Leben danach zur Hölle macht, wenn er weiter Ski fährt. Also simulierte er das Nichtstun. Er fuhr wohl viel Velo, Kniebeugen oder Training auf Ski aber fielen weg. «Ich wollte sehen, was passiert, wenn ich den Körper zwei, drei Monate lang nicht belaste.» Und: Er erholte sich. Für ihn hiess das: weitermachen.

Es ist WM in Are, Svindal ist zurückgetreten. An einem Tisch im Pressecenter sitzt Christian Schlegel. Er ist Teamarzt der Schweizer vor Ort, drei bis vier Wochen im Jahr ist er im Skizirkus dabei, seit fast zwei Jahrzehnten. Er teilt die Einschätzung von Walter O. Frey, Schäden, die den normalen Alltag beein­­trächtigen, gebe es selten. Aber es gebe sie, und sie rührten meist von Stürzen her, selten seien es reine Abnützungserscheinungen. «Knorpelschäden, Meniskus- und Kreuzbandverletzungen. Aber erstaunlich ist: Häufig sind die Beschwerden weniger schlimm als bei Leuten, die nie einen Unfall hatten, aber an Arthrose leiden.»

Athleten müssten nach der Karriere fit bleiben, um den Folgen vorzubeugen, «Rumpf und Becken trainieren, Übungen für die Basiskraft machen», sagt Schlegel. Auch Joggen, am besten leicht bergauf, Velo fahren, «damit alles durchbewegt wird. Aber einen Marathon zu laufen, ist für kaum einen empfehlenswert.»

Beat Feuz läuft nicht rund

Das wird auch Beat Feuz nie tun. Der Abfahrer sagt, er belaste instinktiv mehr über das rechte als über das häufig operierte linke Bein, «die Hüfte leidet darunter». Der Emmentaler läuft nicht rund. Schlegel sagt: «Wenn einer wie Feuz über längere Zeit Schmerzen an derselben Stelle hat, verändert sich das Bewegungsmuster. Es wird versucht, dieses mittels Physiotherapie zu beheben, zu 100 Prozent wird man das aber kaum hinbringen.»

Bilder: Feuz' grösste Erfolge

Schmerzen sind Feuz’ stete Begleiter. Doch die kennt nicht nur er, es ist ein Massenphänomen im Skirennsport. Verblüffend ist: Es betrifft nicht nur Athleten im gestandenen Sportleralter, sondern auch ganz junge. Sie würden derzeit Daten sammeln über 13- und 14-jährige Alpinfahrer, sagt Walter O. Frey. Fast die Hälfte der 200 Athleten hat dauernd Schmerzen, ohne verletzt zu sein. Frey sagt: «Die Frage ist: Trainieren sie falsch, zu viel, oder gehört der Schmerz schlicht dazu?» Schlegel, der Arzt an der WM, nennt drei Prinzipien, die er bei ­Athleten anwendet, die unter Schmerzen leiden. 1. Training ­anpassen, etwa durch Reduktion von Sprungserien, Meiden von Spielsport wie Fussball. 2. Spezifische Kraftübungen für Gelenke oder Rücken, Beweglichkeitstraining. 3. Medikamentöse Behandlung primär über natürliche Substanzen zum Aufbau von Knorpel. «Und im Extremfall: Schmerzmittel.» Die meisten würden aber so lange wie möglich darauf verzichten, sagt Frey, «sie brauchen den Schmerz als Leitplanke». Nur ist diese Leitplanke ziemlich verschoben.

Vreni Schneider würde es nochmal gleich machen

Auf der Suche nach Massnahmen gegen die Verletzungsflut, die Ursprung der Schmerzen ist, tun sich die Verantwortlichen schwer. Es gibt den Airbag, der beim Aufprall Nacken, Schulter und Rücken schützt. «Man versuchte auch, beim Skibau die Taillierung zu ändern, damit die Fahrer in den Kurven rutschen, statt auf der Kante fahren», sagt Schlegel. Die Energie würde seitlich verpuffen und nicht in den Körper schiessen. «Doch zeigte dieser Versuch keine Wirkung, im Gegenteil haben Rückenprobleme zugenommen.» Es werde auch an Bindungen getüftelt, die erkennen, wann ein Verletzungsrisiko besteht, «denn viele Athleten verletzen sich auch ohne Sturz». Doch es wird dauern, bis Massnahmen umgesetzt werden. Bis dahin müssen die Rennfahrer mit ihren Schmerzen leben.

Vreni Schneider steht an der Tür des Büros ihrer Skischule. Zum Abschied sagt sie: «Es mag wehtun. Aber ich würde alles wieder genau gleich machen.»

Erstellt: 12.02.2019, 09:30 Uhr

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