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Der verbliebene Zwilling

Fredy Fuchs lenkte 42 Jahre lang mit Viktor Gertsch die Lauberhorn-Rennen. Nun ist er nach dem Tod des Ehrenpräsidenten die letzte lebende Legende des Klassikers.

Er klopfte auch einmal auf den Tisch: Rennleiter Fredy Fuchs. Foto: Raisa Durandi
Er klopfte auch einmal auf den Tisch: Rennleiter Fredy Fuchs. Foto: Raisa Durandi

Fredy Fuchs kramt in der Tasche seiner Strickjacke und zieht ein eng bedrucktes Blatt hervor. Einige Zeilen hat er mit Leuchtstift grün markiert. Es sind seine Notizen, die ihm an der Trauerfeier von Viktor Gertsch in Interlaken Stütze waren. Erst hatte er nichts sagen wollen. «Aber zum Glück habe ich es gemacht, zur Verarbeitung.» Fuchs erzählt von den anderen Rednern, die ihre Gedanken an den Verstorbenen abgelesen hatten. Das war für ihn keine Option. «Fuchs Fredy verabschiedet sich nicht auf Hochdeutsch», sagt er am Schluss unserer Begegnung. Entsprechend habe er sich konzentrieren müssen, um nicht von den Emotionen übermannt zu werden. Ganz am Ende passierte es doch. Der 79-Jährige schämt sich nicht dafür.

Fuchs ist der Zurückgebliebene der Lauberhorn-Zwillinge. Sein jahrzehntelanger Compagnon Viktor Gertsch ist Ende November gestorben. Gertsch hatte von Geburt weg einen Zwillingsbruder. In Fredy Fuchs erwuchs ihm ein zweiter. «Die Wengener sagten jeweils: Er und ich halbiert, das wäre die beste Mischung», sagt Fuchs.

Plötzlich die Ehefrau im Schoss

Zusammen übernahm das Duo 1970 die Leitung der Lauberhorn-Rennen. Gertschs Vater Ernst sah im Sohn den Nachfolger als Präsident. Und in Fuchs dessen Partner und Rennleiter. «Wir fingen einfach an. Und am Montagmorgen nach den Rennen begann die Planung für das nächste Jahr. Wir hätten doch nie gedacht, dass wir das 42 respektive 44 Jahre machen würden», sagt Fuchs jetzt beim Café crème.

In jungen Jahren waren Gertsch und er selber Rennen gefahren, und so schon damals regelmässig miteinander unterwegs. Gertsch war dabei, als an einem Frühjahrsrennen in Saas-Fee in der engen Gondel plötzlich eine junge Dame auf Fuchs’ Schoss sass – sie wurde später dessen Frau. Sie wusste damals noch nichts vom Lauberhorn, über das sie, so Fuchs, später sagte: «Das ist für dich kein Hobby, sondern eine Krankheit!» Fuchs war 32, Gertsch 28, als sie ins Lauberhorn-OK kamen. Warum das so lange gut ging mit den beiden? «Viktor war der netteste Mensch, den ich in meinem Leben kennen gelernt habe. In den 42 Jahren hatten wir nie Krach.

Meinungsverschiedenheiten, ja. Aber wir sagten uns nie ‹wüst›», sagt Fuchs. Die beiden fuhrwerkten gemeinsam, stemmten dieses Rennen fast im Alleingang – nachdem es in ihren ersten drei Jahren an der OK-Spitze hatte abgesagt oder andernorts durchgeführt werden müssen.

«Im vierten Jahr kam die grosse Wende. Die Schweiz lechzte nach dem Lauberhorn. Wir hatten einen Zuschauerrekord – und als i-Tüpfelchen gewann Collombin. Von da an ging es jedes Jahr ‹obsi›. Das Rennen wurde zum Selbstläufer, ob die Schweizer gut waren oder nicht», sagt Fuchs. Und es wuchs und wuchs. Von knapp 200'000 Franken Budget auf die heute 6,5 Millionen.

Fuchs wurde bereits vor der definitiven Übergabe von Vater Gertsch eingefuchst, oft fügte er seinen Ausführungen ein «Sag das dann dem Vik» an. Denn der Sohn befand sich noch auf einer zweijährigen Weltreise. Er wollte Englisch lernen und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, arbeitete als Skilehrer oder half beim Holzschlag. In Sydney, so erzählt Fuchs, hatte Gertsch bei einem Weiterflug Übergepäck. Also schnallte er sich kurzerhand die Skischuhe an und bestieg damit – ungeachtet der irritierten Blicke der Mitpassagiere – so das Flugzeug.

Das Rennen stets nebenher

Fuchs muss selber schmunzeln, wie bei so vielen Episoden dringt der «gesunde und feine Humor» durch, der Gertsch auszeichnete. In seinem Abschiedsjahr als OK-Präsident 2014 besuchten die beiden wie immer in der Vorwoche die Weltcupkollegen in Adelboden. Es wurde des Nachts sehr spät respektive früh. Als am anderen Morgen eine Gruppe Adelbodner Gertsch fragte, wie es um seine Gesundheit stehe, antwortete dieser: «Als wir aufstehen wollten, merkten wir, dass wir noch gar nicht im ‹Nest› waren.»

Während Gertsch der feinsinnige Conférencier war, nie um einen Spruch verlegen, klopfte Fuchs auch einmal auf den Tisch. «Viktor hatte ein ausgeprägtes Harmoniebedürfnis. Deshalb war es eher ich als Rennleiter, der die Leute wenn nötig in den Senkel gestellt hat.»

Sie beide leiteten die Organisation der Lauberhorn-Rennen nebenher, Gertsch führte das Sportgeschäft der Familie mitten im Dorf, Fuchs war Wintersportchef der Wengernalpbahn. Zu schaffen machte den beiden vor allem der Todesfall von Gernot Rainstadler 1991, Fuchs überlegte sich danach den Rücktritt. Doch er blieb bis 2012, ehe ihm die Gedanken an alles, was schieflaufen könnte, zu viel wurden. Er trat zurück, Gertsch blieb noch zwei Jahre. «Die Zeit nach meinem Rücktritt machte ihm mehr zu schaffen als nach seinem eigenen», sagt Fuchs. «Er sagte zwar nichts, aber es war eine Art ‹Du fehlst mir!› im Kleinen. Nicht wie jetzt bei mir im Grossen!»

Gertschs Körper vermochte sich zuletzt nicht mehr zu erholen von fünf Operationen in kurzer Folge. Seinen Humor verlor er aber selbst im Krankenbett nicht. «Du rauchst seit 55 Jahren. Aber ich bin der mit dem Loch in der Lunge», sagte er scherzend zu Fuchs, als der ihn nach einer Lungen-OP besuchte.

Obwohl Fuchs sehr wohl wusste, dass es nicht allzu gut stand um seinen Freund, verdrängte er den Gedanken an dessen mögliches Ableben. «Er fehlt mir jetzt wirklich, Josi», sagt Fuchs irgendwann im Gespräch zu Josef Zenhäusern. Der einstige Swiss-Ski-Präsident hat sich am Tisch dazugesellt. In den vergangenen 15 Jahren war er ebenfalls im Lauberhorn-OK engagiert.

Später, beim Spaziergang durchs Dorf, grüsst Fuchs Leute links und rechts: die Gemeindepräsidentin von Wilderswil, den Pfarrer des englischen Skiclubs. Plötzlich hält ein Mann in Skiausrüstung und mit Sack und Pack an. Es ist Pirmin Zurbriggen. «Wie geht es dir?», fragt er einfühlsam. «Wenn ich dich sehe, gut», gibt Fuchs zurück, sie geben sich die Hand. Kurz darauf kommt Beni Giger daher, der TV-Regisseur der Abfahrt. Er sagt: «Die Piste wäre gut. Fehlt nur das Wetter.» Fuchs antwortet: «Wir sollten jetzt Vik sagen, dass er da oben ein wenig daran schräubelt.»

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