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Die Schneemacher von Olympia

Ohne Kunstschnee geht in Südkorea nichts. Ein Schneeforscher im Schweizer Team kann darum über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Es kann ganz schön kalt werden in Südkorea. Im Dezember stürzte die Temperatur an einem Morgen auf dem olympischen Skigelände Yongpyong auf minus 17 Grad. Wenn dann noch ein kräftiger Wind weht, wird es gefühlt klirrend kalt für die Athleten und Zuschauer auf dem Olympiagelände. Für die Eröffnungsfeier sagen die Meteorologen einen ­kalten Tag voraus.

Dabei liegt die Region Pyeongchang so südlich wie Sizilien. Und es fehlt das Hochgebirge, die Topografie ist vergleichbar mit jener des Juras oder des Schwarzwaldes, nur die Hänge sind steiler. Der Start der Männerabfahrt ist auf 1400 Meter über Meer, Langläufer und Biathleten laufen auf gut 760 Meter Höhe. Dazu schneit es nur wenig in Südkorea. Die Bedingungen für Olympische Winterspiele sind eigentlich alles andere als ideal.

«Mehr als 90 Prozent sind technischer Schnee», sagt Fabian Wolfsperger. Der Schneeexperte des Schweizerischen ­Lawinenforschungsinstituts (SLF) in ­Davos studiert für Swiss Olympic seit drei Jahren die klimatischen Verhältnisse in Südkorea. «Die Winter sind kurz, aber kalt und trocken», sagt er. Vor allem im Januar. Winde aus dem Norden bringen kalte kontinentale Luftmassen in den Süden. Im Februar sei das Klima vergleichbar mit jenem in Davos. Die Temperaturen liegen im Durchschnitt um knapp minus 5 Grad Celsius. Gut 32 Zentimeter Schnee fallen insgesamt im langjährigen Durchschnitt während der Zeitperiode, in der die Olympischen Winterspiele und die Paralympics stattfinden.

Kalt genug für Kunstschnee

Das war anders an den letzten Winterspielen in Sotschi 2014. Da lag viel Schnee, aber es war wärmer. Es gab keinen Tag während der Spiele, an dem die Temperatur unter dem Nullpunkt lag. Es waren die wärmsten Winterspiele der Geschichte. Immerhin, so Wolfsperger, sei es in Pyeongchang kalt genug, um den notwendigen Schnee maschinell zu produzieren. So konnten zum Beispiel je nach Witterung 120 Schneekanonen und Schneelanzen eingesetzt werden, um ­allein für die Abfahrtsstrecke rund 550 000 Kubikmeter Kunstschnee zu produzieren.

Die Südtiroler Firma Technoalpin war für den grössten Teil der Schnee­produktion für die Ski- und Snowboardbewerbe verantwortlich. In Südkorea seien die Voraussetzungen für die Schneeproduktion etwas schwieriger, unter anderem wegen der hohen Luftfeuchtigkeit, ist vom Schneekanonenhersteller zu erfahren. Je höher die Luftfeuchtigkeit, desto kälter muss die Lufttemperatur dafür sein, Schnee zu produzieren. Denn sobald das Wasser-Druckluft-Gemisch die Schneekanone verlässt und versprüht wird, gibt jeder einzelne Wassertropfen Wärme durch Verdunstung an die kältere Umgebungsluft ab und kühlt sich ab. Je höher die Luftfeuchtigkeit, desto geringer die Verdunstung und damit die Abkühlung der Wassertropfen. Das heisst, es muss entsprechend kalt sein für die Schnee­produktion.

Dafür sind gewöhnlich die Nordwestwinde aus Sibirien verantwortlich. Doch liegt das Datum für die Olympischen Spiele nicht ideal. «Der Februar ist die Übergangszeit in den milden März», sagt SLF-Forscher Fabian Wolfsperger. Das heisst: Auch wenn der Februar durch die kalte Nordwestströmung geprägt ist, so nahmen tendenziell laut einem Klimabericht des Organisations­komitees in den letzten Jahren die Südwestlagen zu. Das heisst: Warme und feuchte Luft dringen nach Korea, treiben die Temperatur hoch und können Regen bringen.

Gute Prognosen

Das hat zwar kaum Auswirkungen auf die Schneeproduktion. Trotzdem sagt Wolfsperger: «Der Februar könnte heimtückisch werden.» Der Wissenschaftler meint damit allerdings die Beurteilung von Beschaffenheit und Oberflächentemperatur des Schnees für den Wettkampf. Das ist sein Job in den nächsten Wochen. Die Qualität der Wetterprognosen sei entscheidend, sagt er. Der Wissenschaftler ist bereits seit vier Tagen im Auftrag von Swiss Olympic in Pyeongchang. Er hat in den vergangenen Tagen mobile Wetterstationen entlang der Loipen installiert. Die Sensoren messen die Temperatur der Schneeoberfläche und der Luft, registrieren unter anderem die Sonneneinstrahlung, die Luftfeuchtigkeit und die Windgeschwindigkeit.

Wolfsperger kann damit die Daten der Wetterprognosen prüfen, welche der Berner Wetterdienst Meteotest liefert. Er füttert schliesslich ein spezielles Computermodell mit diesen Informationen, um die Eigenschaften der Schneedecke vorauszusagen. Der Wissenschaftler war in den letzten zwei Jahren je eine Woche in Südkorea, um das Schnee­deckenmodell mit den Prognosen von Meteotest laufen zu lassen und je nachdem anzupassen: «Das hat gut funktioniert.» Das Computermodell war bereits in Sotschi erfolgreich im Einsatz. Auch vor einem Jahr bei einem Biathlon­wettkampf der Frauen in Südkorea ­waren die Prognosen bei ersten Testläufen zutreffend.

Tückische Verwandlung

Dennoch bleibt die Aufgabe eine Herausforderung. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Natur- oder Kunstschnee handelt. Wolfsperger erklärt das an einem Beispiel: Neuschnee reflektiert die Sonnenstrahlung bis zu 95 Prozent. Bei Altschnee jedoch, der bereits mehrmals schmolz und wieder gefror, liegt die Reflexion nur noch bei 50 Prozent. Das heisst, der Schnee wird aufgewärmt, weil ein grosser Teil der Sonnenstrahlung gespeichert wird. Die Folge: Eine winterliche, trockene Schneedecke verwandelt sich in eine nasse. Diese Prozesse sind zum Beispiel in der Langlaufloipe bedeutsam, da sie in vielen Abschnitten der Sonne ausgesetzt sind. Die Abfahrtspiste hingegen liegt an einem Nordhang, der weniger stark bestrahlt wird. Aber die Bedingungen ändern sich im Tagesgang in Südkorea stark, weil das Land so tief im Süden liegt – ­morgens ist der Schnee hart gefroren, am Mittag aufgeweicht.

Das alles muss der Computer berücksichtigen. Deshalb wird der Forscher bis zum ersten Wettkampf sein Modell nochmals sorgfältig austesten. Seine Daten sind in den nächsten drei Wochen im Schweizer Team gefragt. Die Serviceleute der Langläufer und Biathleten werden unter anderem anhand seiner Prognosen die Ski präparieren. Die Langlaufkonkurrenzen zum Beispiel sind jeweils am späten Nachmittag bis zum Abend. Wolfsperger informiert die Serviceleute jeweils am Abend des Vortages. Sind die Voraussagen unsicher, bereitet der Servicemann verschiedene Varianten vor. Wolfsperger ist zuversichtlich. «Wir machten in Sotschi 35 Prognosen und ­lagen in zwei Fällen etwas daneben», sagt er. Das soll diesmal nicht mehr vorkommen.

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