Marco Odermatt, der Aufsteiger mit genialem Instinkt

Der 22-Jährige gewinnt in Beaver Creek den Super-G und damit sein erstes Weltcuprennen. Er kann einer werden, wie ihn die Schweiz lange nicht mehr hatte.

Die Siegesfahrt von Marco Odermatt. (Video: SRF)

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Er hat es versucht. Die Augen und Ohren zu verschliessen und so zu tun, als bekäme er nichts mit. Aber es funktionierte nicht. In den letzten Monaten hat Marco Odermatt registriert, wie alles extremer geworden ist, der Druck, vor allem aber die Erwartungen von den Zuschauern, den Journalisten, Sponsoren, ja sogar den Kollegen. Er hätte deswegen nervös werden können. Vielmehr aber tankt er daraus Energie. Er sagt: «Offenbar glaubt man an mich. Ich tue das auch.»

Marco Odermatt ist ein Name, der für Sehnsüchte steht, für Träume. Er soll einer werden, wie ihn die Schweiz lange nicht mehr hatte: einer, der Saison für Saison in mehreren Disziplinen weit vorne steht. Diese Hoffnung besteht seit Januar 2018, als Odermatt an der Junioren-WM in Davos fünfmal Gold gewann. In der Abfahrt. Im Super-G. Im Riesenslalom. In der Kombination. Mit dem Team.

«Er nahm gewaltiges Risiko, Respekt!»Konkurrent Matthias Mayer

Keine zwei Jahre später ist der noch immer erst 22-Jährige oben angekommen, ausgerechnet im Super-G, in dieser Disziplin hat er gerade einmal zehn Weltcuprennen bestritten. In Beaver Creek war er der Schnellste, auf einer sehr schwierigen Strecke und mit der wenig vorteilhaften Startnummer 2. Er hatte keine Möglichkeit, den Kurs anhand der Fahrten der Konkurrenz zu studieren. Beinahe wäre ihm dies zum Verhängnis geworden; im oberen Teil fuhr Odermatt auf Teufel komm raus, schied beinahe aus.

«Er nahm gewaltiges Risiko, Respekt!», sagte Matthias Mayer, der Dritte. Zweiter wurde Aleksander Kilde, der Norweger lag eine Zehntelsekunde zurück. Ohne seinen groben Fauxpas kurz vor Schluss hätte er wohl gewonnen. Mauro Caviezel wurde Fünfter und bestätigte einmal mehr, dass ihm der Schnee in Übersee behagt. Erstaunlich schwer tat sich Beat Feuz, dem Emmentaler reichte es nur für Rang 15.

Mehr Muskeln, mehr Speed

Doch all das verkam zur Randnotiz - wegen Odermatt. Marcel Hirscher höchstpersönlich hatte einst posaunt, der Schweizer könne alles erreichen, wirklich alles. Papa Odermatt, der früher 100 Paar Ski pro Winter für den Junior bearbeitet und stets darauf geachtet hatte, dass bei diesem trotz sportlicher Extrem belastung die sozialen Kontakte nicht zu kurz kamen, mochte die Aussage nicht. Er nannte sie «einen dummen Spruch, der unnötig Druck erzeugt». Vielleicht aber war Hirscher tatsächlich überzeugt von dem, was er sagte. Technisch fährt Odermatt brillant, das hat er bereits letzte Saison mit zwei Podestplätzen im Riesenslalom gezeigt. Sein genialer Instinkt zeichnet ihn aus, «vielleicht habe ich genau deswegen gewonnen», sagte er.


Bilder: Der erste Weltcup-Sieg von Marco Odermatt


Zuletzt hat der Nidwaldner investiert ins Speedtraining, ein paar Kilo Muskelmasse zugelegt. Und doch kam der Coup überraschend, «nie hätte ich gedacht, dass ich im Super-G schon so weit bin». Wegen einer im März erlittenen Meniskusverletzung nahm er das Training erst im Juli auf, zuvor war er mit Kollegen nach Singapur und Indonesien gereist. Er gewann Abstand, schaltete ab - und füllte den Energiespeicher.

Als Bub wollte Odermatt von Beruf «Samichlous» werden.

Als Bub wollte Odermatt von Beruf «Samichlous» werden, ein passenderes Datum als den 6. Dezember hätte er sich für den Premierensieg nicht aussuchen können. Nun wird er noch stärker im Rampenlicht stehen. Odermatt kommt gut an bei den Leuten. Weil er sympathisch wirkt und bodenständig. Er ist einer wie du und ich, selbstbewusst zwar, aber nie überheblich. Und vor allem immer authentisch. Auf «irgendeine Geissart» sei es ihm aufgegangen, meinte Odermatt in seinem unverkennbar urchigen Dialekt. Und vergass dabei nicht, die Leute daheim im Public Viewing zu grüssen.

Immer mal wieder unterhält sich Odermatt mit seiner Mentaltrainerin Monika Wicki-Hess, der Cousine der zweifachen Weltcup-Gesamtsiegerin Erika Hess. Mit seinem Triumphzug an der Junioren-WM habe er Geister gerufen, sagte er einmal. Die meisten hat er nun vertrieben.

Erstellt: 07.12.2019, 08:30 Uhr

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