Eher wird das Matterhorn versetzt

Stehen die Lauberhornrennen vor dem Aus? Dass der Anlass aus finanziellen Gründen verschwinden wird, ist absurd.

Institution Lauberhornrennen: Die Veranstaltung kämpft mit finanziellen Problemen – verschwinden wird sie dennoch nicht. (Bild: KEYSTONE/Anthony Anex)

Institution Lauberhornrennen: Die Veranstaltung kämpft mit finanziellen Problemen – verschwinden wird sie dennoch nicht. (Bild: KEYSTONE/Anthony Anex)

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Das Spektakel am Lauberhorn ist lanciert, das Ski-Fest im Berner Oberland steigt. Ein Mythos wird 90, eine Institution, nicht wegzudenken aus dem Weltcupkalender. Sagenumwoben der Berg, der sich vom Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau erhebt. Auf seiner Schulter wird am Samstag zur Abfahrt gestartet. Diese hat schon viele Geschichten geschrieben. Und bald soll keine neue mehr dazukommen?

Es ist die Woche des grossen Jubiläums im autofreien Touristendorf. Und es ist die Woche der grossen Schlagzeilen. «Lauberhorn droht das Aus!» «Lauberhorn-Boss schlägt Alarm!» So lauteten zwei davon. Klingt nicht nach grossem Fest, klingt nach Untergangsstimmung. Der Grund: Der Anlass schreibt rote Zahlen, die Reserven sind aufgebraucht, Hilfe muss her.

Vom Schweizer Skiverband erhofften sich die Organisatoren mehr Geld aus den TV- und Marketingeinnahmen, die nicht mehr über Vermarkter Infront, sondern über Swiss-Ski laufen. Es gab keine Einigung, die Parteien streiten vor dem Sportgericht CAS in Lausanne um die Verteilung.

Fakt ist: Wengen hat ein Finanzproblem.

OK-Präsident Urs Näpflin spricht von einer «normalen Auseinandersetzung unter Partnern», von «Polemik», die entstanden sei, er sagt: «Ich habe keine Angst um die Rennen.» Andere sagen, der Kampf würde erbittert geführt, viel Geschirr sei zerschlagen worden. Fakt ist: Wengen hat ein Finanzproblem.

Das Budget liegt bei 8,7 Millionen Franken, und Verluste gibt es selbst dann, wenn wie im vergangenen Jahr die Tribünen und Hügel voll sind. 270'000 Franken fehlten in der Kasse. Das, weil die Ausgaben stetig steigen. Die FIS verlange Investitionen in die Sicherheit, die Infrastruktur, sagt Näpflin. Beschneiungsanlagen, immer modernere Zeitmessung, Datenleitungen, das alles verschlingt Geld. Die Verbreiterung der Haneggbrücke kostete 400'000 Franken.

Es ist Zeit, solche Prinzipien zu überdenken.

Auf der anderen Seite ist das OK nicht bereit, etwa die Fläche unter dem Hundschopf zu vermarkten, wie es in Kitzbühel mit der Hausbergkante geschieht. Es ist Zeit, auch solche Prinzipien zu überdenken.

Aus TV und Marketing erhalten die Veranstalter schon jetzt rund zwei Millionen. Es gibt den Ticketverkauf, die VIP-Pakete, Sponsoren, Lauterbrunnen und Region, die zahlen, die Jungfraubahn wendet 1,8 Millionen auf, Militär und Zivilschutz leisten 3000 Diensttage. All das reicht aber nicht. Deshalb der Gang vor das Gericht, das in den nächsten Monaten entscheiden soll.

Würde das Urteil zuungunsten der Veranstalter ausfallen, würden sich diese an die öffentliche Hand wenden. Sie wünschten sich ohnehin einen höheren Beitrag von der Region, sagt Näpflin. Vom Kanton Bern fühlt er sich gar «diskriminiert». «Wiederkehrende Anlässe werden anders behandelt als einmalige. Hat die Tour de France eine Etappenankunft oder geht es um die Eishockey-WM, stehen diese Veranstaltungen in Konkurrenz zu anderen Standorten. Deshalb greift der Kanton tief in die Tasche. Wir dagegen stehen als selbstverständlich da und von Gott gegeben.»

Der Event generiert eine geschätzte Wertschöpfung von 30 Millionen Franken.

Die Lage mag ernst sein, allerdings nutzt Näpflin die gebotene Plattform in dieser Woche auch geschickt. Die Dramatik, die mancherorts mitschwingt, ist schlicht übertrieben. Der Event generiert eine geschätzte direkte und indirekte Wertschöpfung von 30 Millionen Franken. Es ist nicht vorstellbar, dass die Region und der Kanton die Rennen fallen lassen. Zudem lockt die Abfahrt in der Schweiz Jahr für Jahr mehr Zuschauer vor den Fernseher als alles andere. Die Bilder, die in die Welt gehen, sind unbezahlbar.

Wie diese Zeitung schon im Dezember schrieb, macht sich zwar auch Zermatt Hoffnungen auf eine Männerabfahrt. Dafür müsste aber wohl ein Schweizer Weltcuport weichen, also Adelboden oder Wengen. Dass es das Lauberhorn wäre, ist undenkbar. Zu gross die Tradition, die Verankerung, die Wertschöpfung, zu eingespielt die Organisatoren. In Zermatt müsste alles erst aufgebaut werden. Allfällige Veranstalter sähen sich einer riesigen logistischen Herausforderung gegenüber. Eher würde wohl das Matterhorn ins Berner Oberland versetzt, als dass die Lauberhornrennen ins Wallis ziehen. Findet auch Näpflin.

Erstellt: 17.01.2020, 21:00 Uhr

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