Ein Leben am Limit

Sie ist Abfahrts-Weltmeisterin. Sie trainiert mit Männern. Sie hat eine eigene Champagner-Linie. Und sie will an die Olympischen Sommerspiele – als Ruderin. Gestatten: Ilka Stuhec.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mama habe Recht behalten, sagt Ilka Stuhec. Mit allem. Die Mama, Skilehrerin und früher Rennläuferin, hatte ihre Tochter abbringen wollen vom Gedanken an die Profikarriere. Aus Sorge und wegen schlechter Erfahrungen, weil die Schwester nach einem fürchterlichen Sturz aufhören musste.

Daher predigte sie immer wieder: Ilka, du wirst oft weg sein von zu Hause und deine Freunde kaum mehr sehen. Du wirst dich verletzen und schlimme Schmerzen spüren. Und vor allem wirst du einen viel zu dicken Hintern kriegen.»

Stuhec lacht laut, als sie dies erzählt, und Mutter Darja verdreht am Tisch nebenan die Augen. Beide sind dankbar für den sturen Kopf der Fahrerin, welche nicht hören wollte, aber umso intensiver fühlen musste. Denn als es kaum noch jemand erwartet hatte, am wenigsten wohl Ilka Stuhec selbst, stand sie auf der Sonnenseite des Lebens.

Den Winter 2016/17, sie bezeichnet ihn als magisch. Abfahrts-Gold an der WM in St. Moritz, sieben Weltcupsiege und sechs Podestplätze, Gewinn der kleinen Kristallkugeln in der Abfahrt und Kombination – aus einer von vielen wurde eine der ganz Grossen.

Mit den Anästhesisten per Du

Geprägt haben Ilka Stuhec jedoch die tiefen Täler, welche sie durchlaufen musste. Dem Anästhesisten in der Klinik habe sie schon vor Jahren das Du angeboten, sagt sie, halb im Ernst, halb im Scherz. Sechsmal musste die Slowenin ihr Knie operieren lassen, sie verpasste mehrere Saisons, war nahe dran, den Bettel hinzuschmeissen.

Stuhec erwähnt die vielen dunklen Tage, die sie erlebt habe. Es gab solche, an denen sie fast nur weinte. 2009 warf sie der heimische Verband mangels Ergebnissen aus allen Kadern. Danach war es ausgerechnet die Mutter, die als Antreiberin wirkte. Stuhec sagt: «Sie hat mich gerettet.»

Die Bildung eines Privatteams, wie es die einstige Dominatorin und Landsfrau Tina Maze vorgemacht hatte, blieb als letzter Ausweg. Die Mama war nun Trainerin, sie suchte Sponsoren und präparierte die Ski, kochte und chauffierte die Tochter durch Europa. Es wurde so viel, dass sie unter der Last beinahe zusammenbrach.

«Der Weltcup-Zirkus an sich ist und bleibt nun mal eine Blase.»Ilka Stuhec

Für Entlastung sorgte Anja Sesum, heute Konditionstrainerin, Therapeutin, vor allem aber beste Freundin. Sie ist eine alte Bekannte, die Stuhec auf einer Party nach vielen Jahren wieder traf. Spontan verabredeten sich die Frauen zum Zelten, eine Woche lang verbrachten sie auf engstem Raum und spürten: Es könnte funktionieren.

Stuhec schätzt ihre Begleiterin. «Jemanden bei mir zu haben, mit dem ich meine Emotionen teilen und über die relevanten Dinge des Lebens sprechen kann, tut gut. Der Weltcup-Zirkus an sich ist und bleibt nun mal eine Blase. Sehr vieles, auch zwischenmenschlich, bleibt an der Oberfläche.»

«Beinahe durchgedreht»

Ein Trainer ist mittlerweile zum Team gestossen, ein eigener Servicemann auch. Sie hatten weniger zu tun, als ihnen lieb war im letzten Winter, weil das Schicksal wieder einmal übel mitspielte. Im Oktober 2017 stürzte Stuhec, abermals riss das Kreuzband. Olympia verfolgte sie vor dem Fernseher. Riesig sei der Frust gewesen, «ich bin beinahe durchgedreht».

Die Schuld am Unfall gibt sie sich selbst, weil der Mensch immer noch mehr wolle, wenn er etwas erreicht habe. «Dann wird man übermütig, reizt die Grenzen aus – und es passiert so etwas.» Erst vor Wochenfrist kehrte sie in den Weltcup zurück, nach 621 Tagen Pause. In Lake Louise resultierten die Ränge 6, 10 und 14 sowie die Gewissheit, nach wie vor mithalten zu können.

«Kommt sie an den Berg, geht die Sonne auf.»Martin Cater über Ilka Stuhec

Morgen im Super-G von St. Moritz könnte es noch besser laufen. Mit dem Dorf, mit der Piste, Stuhec verbindet derart gute Erinnerungen damit, dass sie gar nicht anders kann, als «strahlend durch die Gegend zu laufen».

Das Lachen, es ist Stuhecs Markenzeichen. «Kommt sie an den Berg, geht die Sonne auf», sagt Martin Cater, der gelegentlich mit der 28-Jährigen trainiert, und sich auf leichten Pisten sputen muss, um zwei Sekunden Vorsprung ins Ziel zu retten. Der slowenische Speedspezialist steht ebenfalls bei Stöckli unter Vertrag, beim Schweizer Skifabrikanten gilt Stuhec als Vorzeigeathletin. Rennsportleiter Bernhard Matti bezeichnet sie als perfekte Botschafterin, weil sie stets freundlich und eloquent auftrete. Womit die Parallelen zur kratzbürstigen Maze, bis zu ihrem Rücktritt im Januar 2017 Stöcklis Aushängeschild, enden.

Als beste Entscheidung ihres ­Lebens bezeichnet Stuhec den spontanen Markenwechsel vor zwei Jahren. Und sie spricht vom Antrieb, es besonders gut machen zu wollen für die Mit­arbeiter. Nach einem Podestplatz wird im Werk in Malters am Montagmittag jeweils ein Apéro spendiert.

Die Ilka-Linie

Den Schaumwein könnte die Athletin selbst liefern, in Slowenien hält sie eine Beteiligung an einer Firma, die Champagner produziert. Eine «Ilka-Linie» ist lanciert worden, und Stuhec sagt, sie liebe Champagner, weil er in allen Lebenslagen helfe. «Beim Feiern und beim Trösten, nach Erfolgen und Tiefschlägen. Ich kenne beide Seiten auf extreme Art und Weise, weil ich mich Gefahren und hoher Belastung aussetze, mir dadurch aber auch wunderschöne Dinge ermögliche. Es ist ein Leben am Limit.»

Ein paar gute Jahre sollen noch vor ihr stehen, mindestens, und doch denkt sie bereits ans Leben nach der Karriere. Stuhec studiert Wirtschaft, sie interessiert sich für den Beruf der Vermarkterin, der Athletenmanagerin. In Relation zum Risiko, welches eingegangen werden müsse, und zur Wertschöpfung eines Weltcup-Rennens seien die meisten Skifahrerinnen unterbezahlt, hält sie fest. Und glaubt, dereinst Türen öffnen zu können.

Gleichfalls reizt sie ein auf den ersten Blick bizarres sportliches Projekt: Die 28-Jährige liebäugelt mit einer Teilnahme an den Olympischen Spielen 2020 – als Ruderin. Seit vier Jahren trainiert sie auf dem Wasser, im schweren Doppelzweier erreichte sie im Herbst an internationalen Rennen über kurze Distanzen in ­Österreich und ihrer Heimat zwei zweite Ränge. Stuhec selbst spricht von einem Hirngespinst, «aber vielleicht versuche ich es». 

Die Mama hat schon versucht, ihr die Idee auszureden.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.12.2018, 21:49 Uhr

Artikel zum Thema

Lara Gut fährt im Weltcup als Lara Gut-Behrami

Die Schweizer Skifahrerin und der Fussballer haben im Sommer geheiratet. In Lake Louise wird Gut nun zum ersten Mal mit ihrem neuen Namen starten. Mehr...

Wendy Holdeners schmerzhafter Amerika-Auftakt

Die Schweizerin erleidet im Training in Killington eine Verletzung am Kinn. Beat Feuz setzt derweil ein Ausrufezeichen. Mehr...

Wird das ein Riesenteam?

Über sieben Jahre sind seit dem letzten Schweizer Podestplatz im Riesenslalom vergangen. Doch vor dem Auftakt in Sölden herrscht Aufbruchstimmung.   Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Rochen statt Rentier: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Taucher gesellt sich zu den Bewohnern des Ceox-Aquariums in Seoul. Südkorea ist das einzige ostasiatische Land, das Weihnachten als nationalen Feiertag anerkennt. (7. Dezember 2018)
(Bild: Chung Sung-Jun/Getty Images) Mehr...