Solche Winterspiele sind unsinnig

Die Skifahrer konnten am Wochenende in Südkorea die Absurdität des Olympiaprojekts von 2018 testen. Nur: 2022 wird jenes von China noch grotesker ausfallen.

Baustelle Olympiaabfahrt: Die Strecke von 2018 in Jeongseon. Fotos: Keystone

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Schweizer Sportler verhalten sich oft wie ihr Land: neutral. Zumindest wenn sie sich zu Themen jenseits ihrer Kompetenzen äussern (sollen). Carlo Janka wählte nach seinem erfolgreichen Wettkampfausflug nach Südkorea vom vergangenen ­Wochenende jedoch ­erstaunlich deutliche Worte – dabei hätte er nach ­seinem Super-G-Sieg auf der Olympiastrecke von 2018 Milde ­gestimmt sein können. Der Bündner urteilte allerdings: «Es ist wie immer mit Olympia: ­Irgendwo im ­Nirgendwo wird etwas aus dem ­Boden gestampft. Es sind Machenschaften, bei denen man nicht überall dahinterstehen kann.»

Der Berner Beat Feuz, einer von ­wenigen anderen Swiss-Ski-Fahrern in Jeongseon, verwedelte seine Gedanken gegenüber SRF ebenso wenig, indem er sagte: «Ein Trauerspiel, wenn man ins Skigebiet fährt. Es hat rundherum nichts. Aber als Athlet muss man das ausblenden. Die Strecke ist schön, der Schnee perfekt.» Was Feuz nicht sagte, weil es ihm wohl selbstverständlich ­schien: Er raste auf künstlich erzeugtem Schnee durch die Tore. Naturflocken fallen in dieser Region im ­Nordosten des Landes praktisch keine. 7,3 Zentimeter sind es in Jeongseon im Jahresschnitt. Da nimmt sich die Zone nahe Pyeongchang, in welcher im ­Februar 2018 Langläufer oder Biathleten um Medaillen kämpfen werden, wie ein Paradies aus: 37,1 Zentimeter beträgt der jährliche Durchschnitt dort.

Schnee so weit die Piste reicht

Trotzdem vergab das IOK vor vier Jahren die nächsten Winterspiele in den asiatischen Grossstaat – und antizipierte ­damit die aktuelle Situation. In dieser schneearmen Weltcupsaison glitten die Athleten auf breiten oder dünnen Latten fast immer nur über Kunstschnee. Den Winter benötigt man inzwischen nicht einmal mehr für die Kulisse. Temperaturen um den Nullpunkt reichen, damit Skifahrer über ihre Pisten brausen oder Langläufer über ihre Loipen gleiten können. Ganz geheuer ist dem IOK als Hüter der Ringe dieser Trend zwar noch nicht, darum sind seine Olympiareports ­jeweils mit satten Schneebildern ­gespickt. Den Verlauf der Zukunft aber kennen die Ringmacher natürlich.

Farbig: Auch ein bisschen Kultur gehörte zu den Olympiatestrennen in Südkorea.

Schliesslich haben sie mit der ­Vergabe der übernächsten Winterspiele von 2022 nach Peking den Standard ­gesetzt: Naturschnee erwartet das IOK dann gar keinen mehr, weshalb es seine Mitglieder vor der entscheidenden Vergabe­abstimmung im vergangenen Sommer wissen liess: «Es könnte ausserhalb der Wettkampfstrecken keinen Schnee ­geben, was die visuelle Wahrnehmung dieser Winterspiele beeinträchtigen dürfte.»

Entwicklungshelfer Russi

Vielleicht werden sich die Fernseh­zuschauer – Fans vor Ort werden ohnehin nur wenige erwartet – bereits an die schneelosen Kameraeinstellungen ­gewöhnt haben. Immerhin wird Süd­korea als Annäherung an diesen ­Zustand dienen. Damit wird die Kurskorrektur von IOK-Präsident Thomas Bach grob unterlaufen. Der hatte mit seinem Reformprogramm nachhaltigere, also auch umweltfreundlichere Spiele angestrebt.

Die nächsten beiden Austrager ignorieren seine Ideen gekonnt. Fairerweise muss man anfügen, dass die Südkoreavergabe vor Bachs Amtsantritt ablief. Trotzdem ist ­erstaunlich, wie bescheiden die «nachhaltigen Ideen» von ­Kandidaten sein können, ohne dafür ­bestraft bzw. nicht gewählt zu werden.

Sie sollen Medaillen für das Land liefern: Die Short-Track-Spezialisten.

Die Abfahrts- und Super-G-Strecke der Südkoreaner hämmerte der Urner Bernhard Russi in einen dicht bewachsenen Wald, wo infrastrukturell exakt nichts existierte. Darum sprach Carlo Janka von «Machenschaften» oder Beat Feuz von ­einem «Trauerspiel». Schon jetzt scheint absehbar, dass diese Piste nach den ­Spielen kaum je von Skifahrern ­benutzt werden wird – falls sie je nach Jeongseon kommen.

Der durchschnittliche koreanische Skifahrer ist nämlich von bescheidenem Format und bevorzugt sehr sanft ab­fallende Strecken. Immerhin wird er in einer Region, die kaum bewohnt ist, über ausreichende Übernachtungsplätze verfügen. 5250 werden zu den ­bestehenden und eigentlich ausreichenden hinzukommen, um die erwarteten Journalisten im einen der beiden Olympiacluster im ­Gebirge unterzubringen. Nach den ­Spielen werden Hotelzimmer daraus und wie beim Austragungsvorgänger Sotschi wohl teilweise leer bleiben, wenn der erhoffte Boom ausfällt.

Nachhaltig ist nur das Vogelnest

Im Vergleich mit den Pekinger Spielen aber werden die südkoreanischen tatsächlich als «nachhaltig» in die olympische Geschichte eingehen. Kann man mit viel Optimismus noch erkennen, warum 2018 Pyeongchang erkoren wurde, lässt einen die Vergabe in die chinesische Hauptstadt ratlos – und zweifeln, ob die IOK-Funktionäre das dafür erstellte Dossier überhaupt gelesen sowie Thomas Bachs Reformwünsche ­vernommen haben.

Nachhaltig ist an ­Peking 2022 primär, dass das Vogelnest nach den Sommerspielen von 2008 ein weiteres Mal für die Eröffnungs- und Schlussfeier genutzt werden kann. Alpin- und Nordisch­zentrum, 90 bzw. 160 km von Peking entfernt, muss die Regierung hingegen erst aus dem ­Boden stampfen. Während in Südkorea wenigstens ein Teil dieser ­Anlagen existiert, heisst es im IOK-Report zu Peking fast immer: «müssen noch gebaut werden». Weil die «Schneeregion» zudem äusserst trocken ist, erschwert sich die Produktion von Kunstschnee, falls bis in sechs Jahren nicht ­alternative Methoden entwickelt sind.

Die Kunstschneesportler von 2022 werden sich darüber hinaus wohl mit ­einem bislang unbekannten Phänomen auseinander setzen können: mit miesen Luftverhältnissen. Zumindest in der Chogli-Region, wo die Nordischen starten werden, kann die Luftqualität gar noch bescheidener sein als im notorisch ver­smogten Peking. Was Carlo Janka und Beat Feuz dann sagen würden?

Erstellt: 09.02.2016, 23:23 Uhr

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