Erfolgreicher Hass

Die deutsche Eisschnellläuferin Claudia Pechstein nimmt zum siebten Mal an Olympia teil. Die 45-Jährige war wegen angeblichen Dopings gesperrt. Das Fehlurteil beherrscht ihr Leben.

«Für mich gibt es nur Siegen oder Sterben»: Claudia Pechstein, die Dauerkämpferin. Foto: Jan Haas (Keystone)

«Für mich gibt es nur Siegen oder Sterben»: Claudia Pechstein, die Dauerkämpferin. Foto: Jan Haas (Keystone)

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Mit wem man auch über Claudia Pechstein reden will: Die Angefragten willigen nur unter einer Bedingung ein – ­anonym zu sprechen. Denn die erfolgreichste Wintersportlerin Deutschlands teilt ihre Welt in Freund und Feind. Wer sich mit Namen kritisch zur neunfachen Medaillengewinnerin an Spielen äussert, wird von ihr im Minimum geschnitten. Im Maximum prescht ihr Lebenspartner Matthias Grosse vor, staucht den Unliebsamen zusammen oder bedroht ihn verbal gar, wie zwei Politiker es ­erlebt haben wollen. Grosse weist das von sich. Wie auch immer: Claudia Pechstein, die zum siebten Mal an Olympischen Spielen dabei sein wird und dabei zu den Favoritinnen zählt, polarisiert.

Trotzdem schlug sie der Deutsche Olympische Sportbund neben vier anderen Kandidaten als Fahnenträgerin der Pyeongchang-Delegation vor. Öffentlichkeit und Olympiaathleten verfügen über je 50 Prozent der Wahlstimmen. In einer Woche wird das Ergebnis bekannt. Seither wird wieder einmal eine Debatte über die Pechstein geführt, weil als ­Kriterium für diese Ehrenaufgabe genannt ist: Vorbildfunktion.

Die Athleten sollen gemäss Sportbund durch ihre Persönlichkeit und ­Haltung für einen fairen und manipulationsfreien Leistungssport auffallen. Pechstein aber attackiert nicht nur ­regelmässig unliebsame Personen, seien es Teamkollegen, Trainer oder nationale bis internationale Sportfunktionäre, sie war wegen angeblichen Dopings zwischen 2009 und 2011 gesperrt.

Die Sanktion der Internationalen Eislauf-Union (ISU) war schon damals ein Politikum. Allein anhand eines auffälligen Blutwerts verurteilte sie Pechstein. Kurz nach dem Entscheid, den die Athletin vor dem Internationalen Sportgericht angefochten hatte, passte die Welt-Anti-Doping-Agentur die Vorgaben beim sogenannt indirekten Beweisverfahren an. Gemäss der neuen Richtlinien hätte Pechstein nicht gesperrt werden dürfen. Die Bundespolizistin wurde darauf sowohl von ihrem Arbeitgeber wie dem Deutschen Olympischen Sportbund freigesprochen. Ihr Mutterverband aber, der sie sanktioniert hatte, schwieg.

Prozessieren fast ohne Ende

Darum hat Pechstein neben dem Sport quasi eine zweite Karriere lanciert: ein Leben im Rechtsstreit. Sie führte seit 2011 so viele Prozesse, dass man den Überblick zu verlieren droht. Zuletzt scheiterte Pechstein vor dem deutschen Bundesgerichtshof mit einer Schadenersatzklage über 4,4 Millionen Euro gegen die Eislauf-Union. Nun bleibt ihr der Europäische Gerichtshof als letzte Instanz. Dass sie zwischenzeitlich auf regionaler Ebene mit ihrer Klage durchgekommen war, passt in diese bewegte Vita einer Dauerkämpferin, die der «Welt am Sonntag» jüngst sagte: «Für mich gibt es nur Siegen oder Sterben.» Und betreffend ISU-Funktionäre: «Ihr Existenz­vernichter kriegt mich nicht klein!»

Der Hass gegen alles, was sie als feindlich ausmacht, treibt sie an. Das ist keine Interpretation ihres Lebens. Das nennt Pechstein selber in Interviews als zentrale Motivation. Ihren Kampfgenossen hat sie im Partner gefunden, dessen Lebenslauf sich mindestens so schillernd anhört: Wie Pechstein wuchs Grosse im Osten Deutschlands auf. Er studierte in der UdSSR, agierte als Kraftsportler und Berufsmilitär. Nach dem Mauerfall verdingte er sich als Kloputzer, Türsteher, Disco-Chef, machte sich zum Immobilienbesitzer mit mehreren Unternehmen. Nach Pechsteins Sperre schrieb er ihr einen Brief, bot sich als Ansprechpartner an und ist seit 2010 an ihrer Seite.

An den Südkorea-Spielen wird Grosse als offizielles Teammitglied teilnehmen, weil es Pechstein nur noch im Duo gibt und sie weiter dermassen schnell läuft, dass man lieber das Tandem mitnimmt, als es zu vergraulen. Ohne Grosse, sagt Pechstein, hätte sie ihren «Kampf» wohl aufgegeben. In ihrer Biografie, martialisch «Von Gold und Blut – mein Leben zwischen Olymp und Hölle» getitelt, hat ihr Manager dieses Leben auf dem Eis nacherzählt. Auffallend dabei ist: Pechstein, die von klein auf zu den Besten im Eisschnelllauf gehörte, mag es hart: ­indem sie vom Trainer angebrüllt wird, damit sie auch wirklich ihr Limit erreicht oder in extrem hohen Umfängen ihre Belastungsgrenze spürt. Frauen kommen in ihrem Athletinnenleben so gut wie keine vor, weil sie es mit ihnen schlicht nicht kann. Entsprechend trainiert sie in einer privaten Gruppe in ­Berlin, angeleitet von einem Coach, ­angetrieben von Trainingspartnern aus mehreren Nationen.

Ihre Hatz nach «Gerechtigkeit» hat sie arm gemacht. Das Haus ist verpfändet, das Ersparte weg, der Polizeilohn fliesst in anstehende Anwalts- und Prozesskosten. Nur dank Spenden über 70'000 Euro konnte sie das Prozessieren phasenweise aufrechterhalten. Ohne das Zutun von Partner Grosse hätte Pechstein als Spitzenathletin längst aufhören müssen. Ihre Sponsoren der goldenen, unverfänglichen Zeiten hat sie verloren.

Revanche an Thomas Bach

Wird sie im Hummer von Grosse pilotiert, prangt gross der Name seiner Dachfirma auf dem Geländewagen. Pechstein wird seine Hilfe auch nach den Spielen benötigen, wie schnell sie dort auch immer übers Eis gleiten wird. Zwar wird sie am 22. Februar 46-jährig, ans Aufhören aber denkt sie nicht. Ihre anhaltenden Erfolge sind für Pechstein schliesslich der immerwährende Beleg dafür, dass sie niemals betrogen hat.

In diesen Zusammenhang passt die Fahnenträgerinnen-Episode. Als unübersehbare Vorläuferin könnte sie an IOK-Präsident Thomas Bach vorbeimarschieren. Er führte in der Zeit ihrer Sperre den Deutschen Olympischen Sportbund an – und schaute untätig zu, wie sie weggesperrt wurde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.02.2018, 14:46 Uhr

Olympische Winterspiele

Ein Japaner zum 8. Mal dabei – Rekord

Wenn sich Noriaki Kasai über seine Sprungski legt, staunen selbst die jungen Springer. Denn der 45-jährige Japaner pflegt noch immer einen sehr aggressiven Stil. Seit er 1992 an Olympia debütierte, hat er jedes Mal am Grossanlass teilgenommen. Diesen Februar kann Kasai seine achten Spiele zelebrieren. Damit macht er sich zum Wintersportler mit den meisten Teilnahmen. 2014 in Sotschi sicherte er sich im Team Bronze sowie im Einzel Silber. Nun scheint das Mitmachen das Maximum seiner langen Karriere zu sein.

Dass er sich bald alleiniger Olympia­rekordhalter nennen darf, hängt mit Ole Einar Björndalen zusammen. Der norwegische Biathlet hätte es in Südkorea ebenfalls zum achten Auftritt an Olympia gebracht, scheiterte als 44-Jähriger aber an seiner Form bzw. den Teamkollegen. Ohne Dopingsperre von 2009 bis 2011 nähme wohl auch Eisschnellläuferin Claudia Pechstein ihren achten olympischen Anlauf. Nun folgt sie mit sieben Starts knapp hinter dem Skispringer.

Unerreicht bleibt für Kasai wie Pechstein die olympische Langlebigkeit von Ian Millar. Der Springreiter aus Kanada ist mit 10 Teilnahmen die Nummer 1 aller Olympiastarter. Aus Schweizer Sicht kann Simon Ammann zur bisherigen Leaderin Christine Stückelberger aufschliessen. Die Dressurreiterin partizipierte an sechs Spielen. Ammann wird in Bälde ebenfalls auf diese Zahl kommen. Der vierfache Olympiasieger, mittlerweile 36-jährig, war seit 1998 immer dabei, wenn das «Fest der Jugend» anstand. (cb)

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