«Es nützt nichts, vor negativen Gedanken zu fliehen»

Wie verarbeitet man einen Sturz wie den von Marc Gisin? Und provoziert unverarbeitete Angst weitere Unfälle? Sportpsychologe Hanspeter Gubelmann gibt Auskunft.

Stürzte schwer: Marc Gisin bei der Abfahrt in Gröden. Video: SRF

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Dr. Hanspeter Gubelmann, Skifahrer Marc Gisin ist zum zweiten Mal heftig gestürzt: Kann so ein Athlet überhaupt nochmals zurückkommen?
Alle Skirennfahrer(innen) wissen um das Risiko gravierender Stürze in ihrer Sportart. Spitzensportler lernen, damit umzugehen, auch mit Stürzen und Verletzungen. Ob ein Sportler nach einem solchen einschneidenden Erlebnis zurückkehren wird, hängt von der Schwere des Ereignisses, der Qualität der Verletzungsrehabilitation, der mentalen Robustheit des Sportlers und der Qualität langfristiger Unterstützung in Richtung Comeback ab.

Seine Schwester Dominique hatte neun Knieoperationen und wurde dennoch Olympiasiegerin. Kann ihm dieses Beispiel helfen, diesen Rückschlag besser zu überwinden?
Aus der Sicht der Psychologie würde man diesbezüglich von stellvertretenden Erfahrungen und Unterstützung sprechen. Solche helfen bestimmt, können aber den eigenen, insbesondere auch seelischen Genesungsprozess nicht ersetzen.

Sportpsychologe Hanspeter Gubelmann. Bild: Die Sportpsychologen

Wie schafft man es, den negativen Gedanken zu entfliehen?
Es nützt nichts, diesen negativen Gedanken entfliehen zu wollen – sie holen uns alle, eben auch die Spitzensportler, immer wieder ein. Die Auseinandersetzung mit negativen Gedanken nach schlimmen Sturzerfahrungen braucht vor allem Raum und Zeit!

Marc Gisin hatte nach dem letzten Sturz eine traumatische Belastungsstörung. Wie gross ist die Gefahr eines Rückfalls? Und wie überwindet man eine solche?
Hier ist nicht der Ort für Spekulationen! Marc Gisin wird bestimmt eine optimale Akut-Versorgung erhalten, diese geniesst auch im Bereich des Spitzensports absolute Priorität. Die körperlichen Blessuren, die nach Angaben von Swiss-Ski nicht lebensbedrohlich erscheinen, werden verheilen. Aus psychologischer Sicht muss man dem Faktum der Bewusstlosigkeit und dem Grad der erlittenen Gehirnerschütterung besonderes Augenmerk schenken. Der Schlüssel zur erfolgreichen Überwindung dieses erneut traumatischen Ereignisses dürfte in einer langfristigen Begleitung des Athleten liegen. Die Zusammenarbeit mit Fachspezialisten scheint mir angebracht.


Bilder: Der Unfall von Marc Gisin


Gisin gilt als Adrenalinjunkie: Wie gehen solche Leute mit diesen Erfahrungen um? Und wie würde er reagieren, wenn er plötzlich nicht mehr fahren würde – und dieses Adrenalin fehlte?
Adrenalin dürfte weiterhin eine Rolle spielen. Gut möglich aber, dass vorerst andere Themen wichtiger werden. Der österreichische Skispringer Thomas Morgenstern musste nach seinem dritten schlimmen Sturz die Karriere beenden. Er musste einsehen, dass nicht mehr kontrollierbare Angstgefühle weitere verheerende Sturzerlebnisse zur Folge haben könnten.

Schwester Michelle überlegt sich, die Speed-Rennen diese Woche in Val Gardena – auf der gleichen Strecke, auf der Marc verunfallte – auszulassen: Was bedeutet ein solcher Sturz für sie, und wie sehr kann das eine Sportlerin belasten?
Eine solche Aussage stützt die These der Notfallpsychologie, dass gravierende Unfälle auch Auswirkungen auf das Athletenumfeld haben. Insbesondere involvierte Trainer sind gut beraten, sich auch diesbezüglich Gedanken zu machen und das Gespräch mit Betroffenen zu suchen. (fas)

Erstellt: 17.12.2018, 17:00 Uhr

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