Estelles letzte Linie

Die Snowboard-Weltmeisterin Estelle Balet starb heute in einer Lawine. Sie war der aufstrebende Star der Freeride-Szene.

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Am Wochenende postete Estelle Balet noch das Bild auf Facebook, das ihre Passion so treffend festhält: weisse Berge, blauer Himmel, eine einsame Spur ins Tal. Dazu den Kommentar: «Can’t wait for more filming next week.»

Nun ist sie bei den erwähnten Dreharbeiten gestorben, als sie in eine Lawine geriet. Offenbar befuhr sie als zweite Person einen steilen Hang am Gipfel des Le Portalet (VS), als sich ein Schneebrett löste und sie mitriss.

Schneebretter sind die grösste Gefahr abseits der Piste. Sie gelten als weisse Tretminen: Bereits das Zusatzgeweicht eines einzelnen Sportlers kann eine ganze Schneeschicht über weite Strecken zum Kollabieren bringen, die dann bei genügend Hangneigung (mindesten 30°) abrutscht. Einmal in einem Schneebrett drin, sind die Chancen zu entkommen gering: schon der Absturz mit den Schneemassen kann verheerend sein und schliesslich bedeutet die Verschüttung nach Stillstand der Lawine eine sehr ernste Gefahr, die häufig tödlich endet. Estelle Balet konnte noch aus den Schneemassen befreit werden, doch es gelang nicht mehr, sie zu reanimieren. Auch ihre Sicherheitsausrüstung - Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS), Helm und Airbag - konnte das Unheil nicht abwenden.

Balets letzte Abfahrt bei der Freeride World Tour 2016

Estelle Balet war 21 Jahre alt. Im vergangenen März gewann sie als jüngste Athletin aller Zeiten die Freeride World Tour (FWT) - die Königsklasse der Freerider. Daraufhin wurde sie zur Walliser Sportlerin des Jahres ausgezeichnet. Sie stammte aus Vercorin, einem Dorf in der Nähe des Val d'Annivier.

Balet war auf dem besten Weg, dem Snowboarden wieder zur alten Popularität zu verhelfen, hatte sich die Freeride-Szene zuletzt doch zusehends um Skifahrer gedreht. 1996 war das Verbier Xtreme, das Steckenpferd der FWT, noch ausschliesslich ein Snowboard-Wettkampf. 2004 durften dann auch Skifahrer mitmachen, mit nachhaltigen Konsequenzen: Die FWT wird heute stärker mit Skifahren verbunden als mit der Disziplin ihres Ursprungs, dem Snowboarden. Die Ski-Runs gelten oft als flüssiger, eleganter, spektakulärer.

Auch Balet fuhr in ihrer Kindheit Skirennen, hatte durchaus Aussicht auf eine Karriere, tauschte dann aber die Ski gegen das Snowboard. Sie übernahm den angelernten Fahrstil der angehenden Rennfahrerin: ihre Linien waren unzimperlich und direkt, als orientiere sie sich an unsichtbaren Slalomstangen. In ihrem Winning Run Anfang April am bis zu 60° steilen Bec des Rosses stand sie bei schwierigen Schneebedingungen fünf solide Sprünge über Felsen jeweils mit sauberen Landungen.

Auf ihre Ziele in Zukunft angesprochen, sagte sie in einem Interview: «Ich will die gleichen Linien fahren wie die Männer.» Sie stand somit für ein Revival des Snowboardens, das von jungen, unerschrockenen Frauen massgeblich mitgeprägt wurde.

Trotz des grossen Spektakels ist Freeriden eine von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtete Sportart - die Szene kreist mehr oder weniger um sich selber, Profisportler leben von Sponsorenverträgen und Nebenjobs im Sommer. Doch auf der Leinwand faszinieren die steilen Linien ein breiteres Publikum. Es ist daher üblich, dass die Athleten auf der ganzen Welt Filme drehen, stets auf der Suche nach der besten Linie in die Tiefe.

Betrug, Mafia, Stress und Spione: Lernen Sie die schmutzigen Geheimnisse des Fussballs kennen. Eine Web-Doku zum Sammeln. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.04.2016, 20:26 Uhr

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