Fahren! Siegen! Um jeden Preis

Die Bedingungen bei der schwierigsten Abfahrt im Ski-Weltcup waren grenzwertig, die Folgen fatal – und die Gewinner auf der berühmt-berüchtigten Streif unerwartet. Etwa Beat Feuz.

Der heimliche Sieger: Beat Feuz nach seiner Fahrt auf den zweiten Platz in Kitzbühel. Foto: Keystone

Der heimliche Sieger: Beat Feuz nach seiner Fahrt auf den zweiten Platz in Kitzbühel. Foto: Keystone

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Die Bilder werden so schnell nicht verschwinden. Nicht aus den Köpfen der Zuschauer. Nicht aus den Köpfen der Athleten. Nicht aus den Köpfen der Organisatoren.

Die Bilder von Georg Streitberger. Von Hannes Reichelt. Von Aksel Svindal. Wie sie über die Hausbergkante geflogen kommen und zur Kurve in die eigentlich schwierigste Passage dieser spektakulären Abfahrt von Kitzbühel ansetzen wollen: in die Traverse kurz vor dem Zielschuss. Wie es sie dann in der Kompression zusammenstaucht, alle genau gleich. Wie sie alle in die Sicherheitsnetze geschleudert werden.

Streitberger und Reichelt, die beiden Österreicher, werden mit dem Helikopter abtransportiert, der eine mit einem Riss des vorderen Kreuz­bandes und des Aussenmeniskus im rechten Knie, Reichelt mit einer ­Knochenprellung im linken Knie. Er ist wohl auch dank des Airbags glimpf­licher davongekommen.

Bitteres, jähes Ende für Svindal

Svindal, der sich mit 33 in der Blüte seines Schaffens befindet, bis zu diesem Sturz noch besser fährt als zu seinen besten Zeiten, serienweise siegt und im ­Gesamtweltcup führt, ist zwar der Einzige, der aufsteht und laufen kann. Nur die Nase blutet, aber später folgt im Spital in Innsbruck die wahre Diagnose – es ist die gleiche, die Streitberger gestellt wurde: Riss des vorderen Kreuzbandes und des Meniskus im rechten Knie. Saisonende.

Svindal war mit der Nummer 19 gestartet. Manch einer hatte da schon genug. Peter Schröcksnadel etwa, Präsident des österreichischen Ski­verbandes. Er forderte den sofortigen Abbruch. Markus Waldner, Renn­direktor des internationalen Verbandes FIS, entschied mit seinem Team anders – vorerst. Elf weitere Fahrer liess er noch auf die Streif, genau so viele, wie es braucht, damit das Rennen gewertet werden kann. Dann war Schluss.

Eine fragwürdige Entscheidung. Eine scheinheilige auch. Wenn die Sicht so schlecht war, wenn die Stelle so gefährlich war, hätte sofort abgebrochen werden müssen. Wenn nicht, wieso sollten nicht auch die Fahrer nach der Nummer 30 starten dürfen? Zumal es gerade dann aufklarte? Erst später war die Sicht wieder diffus.

Es ging wohl viel mehr darum: Man wollte in diesem Winter ohne Weltmeisterschaft und Olympische Spiele unbedingt beide Abfahrtsklassiker über die Bühne bringen. Um fast jeden Preis.

In Wengen hatten sich einige Fahrer durch Nebel kämpfen müssen. Oder waren nach Unterbrüchen ohne Chance auf die Strecke geschickt worden, weil Schnee gefallen war. Und die Begründung, die Hannes Trinkl, bei den Männern zuständig für Abfahrt und Super-G, für den späten Abbruch auf der Streif lieferte, war nicht über alle Zweifel erhaben. «Ich konnte und wollte die Verantwortung für die jungen Fahrer nicht übernehmen, die nach der 30 gekommen wären», sagte der Österreicher. Und für die davor?

Die stete Gratwanderung

Die Betreuer der US-Amerikaner machten ihrem Unmut Luft. Einzig die Trainer und die Athleten hätten zu entscheiden, ob sie das Risiko eingehen wollten. Wäre allerdings danach noch etwas passiert: Waldner und Trinkl wären erst recht am Pranger gestanden.

Waldner befindet sich in seinem Job auf steter Gratwanderung: Spektakel ja, aber wie viel? Sicherheit der Fahrer hier, Interessen der Veranstalter und der FIS dort. Zu beneiden war der Südtiroler in den letzten zwei Wochen nicht.

Eine Frage des Alters aber, mit der er und Trinkl den Abbruch erklärten, war es in Kitzbühel nicht. Mit Streitberger, Reichelt und Svindal stürzten drei der Erfahrensten, ein 34-, ein 35- und ein 33-Jähriger. Es war eine Frage von Abnützungserscheinungen auf der Piste. Vor allem aber eine Frage der Fahrweise. Gerade bei Reichelt und Svindal. Die wie in Wengen alles riskierten, obwohl die Bedingungen erneut schlecht waren. Die im unteren Teil noch mehr das Limit suchten, weil bei ihnen oben starker Gegenwind blies. Die immer siegen wollen – auch das: um jeden Preis. Der war am Samstag hoch.

So waren für einmal andere Gewinner. Der Südtiroler Peter Fill etwa, der die Hahnenkammabfahrt erstmals gewann. Vor allem aber Beat Feuz. Nur viereinhalb Monate nach dem Teil­abriss der Achillessehne stand der 28-Jährige auf dem Podest – in seinem dritten Rennen der Saison. Ab Mitte Dezember hatte er wieder auf Schnee trainiert. Bis zur ersten Testfahrt vor elf Tagen am Lauberhorn war er nie auf Abfahrtsski gestanden. Dann wurde er auf seiner Lieblingspiste Elfter.

Feuz, der Aussergewöhnliche

Und nun das: Rang 2 in Kitzbühel. Auf der schwierigsten Strecke, die seinem Körper, seinem nach elf Operationen geschundenen linken Knie vor allem, zusetzt. Mit der er nie richtig zurechtkam, auf der er nie besser als Sechster war. «Unglaublich» fand nicht nur er seine wundersame Rückkehr. Er bewies einmal mehr, dass er ein aussergewöhnlicher Fahrer ist. Einer mit seltenem Gespür für Schnee und Gelände.

Für Feuz zahlte sich das Risiko aus, er nutzte die für diese Verhältnisse günstige Startnummer 12. Wie das auch Carlo Janka tat (10), der Dritter wurde. Sie sorgten dafür, dass erstmals seit dem Dreifach-Triumph durch Franz Heinzer, Daniel Mahrer und Xavier Gigandet 1992 mehr als ein Schweizer auf dem Kitzbühel-Podest stand. Es waren zudem die ersten Top-3-Plätze für das Männerteam in dieser Saison.

Es war die Erlösung für die Abfahrtsmannschaft, bei der die zehn besten Fahrer des Vorjahres zurücktraten, angeschlagen sind oder – zumindest zu Beginn der Saison – verletzt fehlten. Als Marc Gisin mit der Nummer 27 auch noch auf Rang 5 fuhr, machte das den Schweizer Festtag in Tirol perfekt.

Mit ihnen freuen mochten sich nach dieser Art Spektakel aber nur wenige.

Überfliegerin Vonn und Slalom, Seite 21

Erstellt: 25.01.2016, 07:44 Uhr

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