Für das liebe Vaterland

Nordkorea dürfte an den Winterspielen in Südkorea mit einem Team dabei sein. Qualifiziert ist allerdings nur ein Eislaufpaar.

Sie haben sich offiziell für die Spiele in Südkorea qualifiziert: Die Paarläufer Ryom Tae-ok und Kim Ju-sik. Foto: Joosep Martinson (Getty Images)

Sie haben sich offiziell für die Spiele in Südkorea qualifiziert: Die Paarläufer Ryom Tae-ok und Kim Ju-sik. Foto: Joosep Martinson (Getty Images)

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In einem Monat beginnen bereits die Winterspiele in Südkorea. Bislang aber hat sich das Ausland noch sehr bescheiden mit dem Anlass befasst. Nun sorgen die Spiele von Pyeongchang plötzlich für globale Schlagzeilen. Denn die Nord- und Südkoreaner sind zusammengesessen mit dem Resultat, dass ein nord­koreanisches Team beim Erzfeind dabei sein dürfte. Dafür ist das Internationale Olympische Komitee gerne bereit, seine abgelaufene Anmeldefrist zu vergessen. Schliesslich sind auch die modernen Olympiafunktionäre davon beseelt, «das Fest der Jugend» möglichst allen Ländern zugänglich zu machen, also auch Nordkorea.

Dabei mag das Land politisch isoliert und durch die vielen Wirtschaftsembargos geschwächt sein. Es kann trotzdem eine erstaunliche Erfolgsbilanz an Olympischen Spielen vorweisen. Seit es 1964 in Innsbruck erstmals teilnahm, hat es 56 Medaillen gewonnen, davon 16 goldene. Sport hat in der nordkoreanischen Propaganda darum wie in vielen totalitären Ländern eine wichtige Funktion: Er soll nach aussen die Potenz des Landes darstellen – und nach innen dank der eigenen Helden für Zusammenhalt sorgen. Dass die besten Athleten des Landes als «Botschafter im Trainingsanzug» gelten, versteht sich da von selbst.

Die «Betreuer» im Hintergrund

Schliesslich sind sie auf die Gnade des Regimes angewiesen. Reist eine nord­koreanische Sportequipe ins Ausland, sind «Betreuer» stets dabei. Sie sorgen ­gerade an Grossanlässen dafür, dass der Austausch der Sportler mit Kollegen und Kolleginnen eher sporadisch ausfällt. Diese Delegationsbegleiter haben bislang tadellos gearbeitet. Obschon nordkoreanische Olympioniken seit 1972 an Sommerspielen teilnehmen – von 1984 in Los Angeles und 1988 in Seoul abgesehen –, sind zumindest offiziell praktisch keine Athleten abhandengekommen. Man geht davon aus, dass ansonsten ihre Familien büssen würden.

Wobei die Indoktrination von früh auf fruchtet. Zu den blumigsten Verneigungen vor dem eigenen Diktator setzte Jong Song-ok einst an, die Marathon-Weltmeisterin von 1999. Der «Stimme Koreas» sagte sie nach ihrem Titel: «Beim Laufen habe ich an den grossen Staatsführer des koreanischen Volkes, Genosse Kim Jong-il, gedacht. Das hat mich sehr ermutigt und ist die Quelle meiner Kraft geworden.» Dieser nutzte seine sportlichen Diener, die alle «für das liebe Vaterland» antreten, auch ­selber: Ri Ho-jun, 1972 in München im Schiessen der erste Olympiasieger des Landes geworden, führte Kim Jong-il ins Schiessen ein – und soll ihm später als Bodyguard gedient haben.

Die Apparatschiks sind mit den Jahren beweglicher geworden, was sich auch in den Auftritten der nordkoreanischen Sportler wie an Ryom Tae-ok und Kim Ju-sik offenbart. Die Paarläufer sind als einzige Winterathleten für die kommenden Spiele qualifiziert. Der 25-Jährige und die 18-Jährige erkämpften sich Ende September an der Nebelhorn-Trophy im bayerischen Oberstdorf den dritten Rang und damit einen Platz an den Spielen.

Zuvor war ihnen vom Regime gar ein zweimonatiges Vorbereitungslager in Montreal bei Startrainer Bruno Marcotte ermöglicht worden. Marcotte musste seinen temporären Schützlingen (plus Adabeis) sowohl Hotel wie Transportmöglichkeiten besorgen. Denn die Sportler verfügten weder über eine ­Kreditkarte noch über Führerausweise. Viel konnte Marcotte trotz des intensiven Coachings nicht über deren Leben erfahren – weil sie kaum Englisch konnten und ihre Lebensumstände zudem gerne ausklammerten.

Unpolitische Sportler

Allgemein geht man davon aus, dass nordkoreanische Topathleten in der Hauptstadt zusammengezogen werden und dort unter der Woche leben und trainieren, teilweise von ausländischen Coachs geführt. Primär im Fussball ­haben immer wieder Ausländer gewirkt. Derzeitiger Nationaltrainer ist der Norweger Jörn Andersen. Er sagt zu seinem Engagement: «Ich will den Fussball ändern, nicht die Politik.» Trotzdem glauben viele Athleten (und Politiker), dass ein nordkoreanisches Team an den baldigen Spielen gerade politisch guttäte, weil damit die Bedrohungslage für sie sinken würde. Sie glauben: Staatsführer Kim Jong-un werde doch niemals prominente Landsleute beschiessen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2018, 12:14 Uhr

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