Wie die Chinesen Weltklasse-Athleten formen wollen

Wegen Olympia 2022 in Peking baut China ein Nationalteam auf. Der Zeitplan ist ambitiös – das Projekt wirkt ein wenig verrückt.

Chinesische Schulkinder bewerben 2015 das Skiresort, in dem 2022 die oylmpischen Rennen stattfinden sollen. Foto: Keystone

Chinesische Schulkinder bewerben 2015 das Skiresort, in dem 2022 die oylmpischen Rennen stattfinden sollen. Foto: Keystone

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Gefahndet wurde landesweit. In Turnhallen, Internaten, auf Tartanbahnen, aber auch in Klöstern und sogar in einem Shaolin-Tempel. Keiner sollte unterhalb des Radars fliegen. Auch ein Mönch hätte schliesslich das grösste Talent sein können.

Nach dem Olympiadebakel vor zwei Jahren in Pyeongchang mit einer läppischen Goldmedaille blieb in Chinas Wintersport kein Stein auf dem anderen. Vor allem Skifahrer sollten «produziert» werden. Und so gab es Castings, nicht nur im Riesenreich, auch in Kanada, Japan, Deutschland, Italien, in der Schweiz. Gesucht: China’s next Skistar.

Kandidaten: Fechter, Eisschnellläufer, Leichtathleten

Skifahren hat in China keinen Stellenwert und noch weniger Tradition. Fahrer im Weltcup gibt es keine. An den Olympischen Spielen 2022 in Peking aber soll in jeder Disziplin eine Einheimische respektive ein Einheimischer dabei sein, mindestens. Und so reiste Michael Brunner in die entlegensten Winkel des Landes. Der Deutsche, in den Neunzigern ein passabler Abfahrer, hatte in Garmisch einst ein Après-Ski-Rennen organisiert, chinesische Skilehrer empfahlen ihn für höhere Aufgaben. 500 Sportler wurden ihm präsentiert, Fechter, Eisschnellläufer, Leichtathleten.

Nach diversen Eignungstests blieben 35 übrig – einige davon durften am Fuss der Zugspitze vorfahren. Im Stemmbogen ging es bergab, Brunner aber spricht von wahnsinnigen Fortschritten innert kürzester Zeit, von extrem ehrgeizigen Athleten. Bei drei Castings war auch Willi Zechner dabei, ein 54-jähriger Österreicher, mittlerweile chinesischer Cheftrainer. Er sagt: «Einige haben es tatsächlich ins erweiterte Nationalkader geschafft.»

Die Sache mit der Routine: Einige fahren seit 2016 Ski

Zechner ruft aus Schladming an, eine Autostunde von Salzburg entfernt haben die Chinesen ihre Basis eingerichtet. 18 Frauen und Männer sind übrig geblieben, nächste Saison soll das Kader nochmals um ein Drittel reduziert werden. Den Januar verbrachte Zechner mit seinem Team in China, FIS-Rennen wurden gefahren, damit die Athleten überhaupt in die Nähe der Punkte gelangen, die sie für eine Teilnahme an Veranstaltungen des Weltcups benötigen. Von diesem sind mit Yu Wang, Xiaosong Zhang und Yueming Ni aber selbst die Besten meilenweit entfernt, jedenfalls niveaumässig.

Und so dürften die Ziele bei Olympia bescheiden sein. «Eine anständige Falle machen, sicher runterkommen», so sagt es Zechner. Alles andere wäre illusorisch, bedenkt man, dass sich die Chinesen Anfang Winter selbst bei Jugendrennen in Europa unter ferner fuhren einreihten.

«Gerade bei der Videoanalyse wird es manchmal abenteuerlich.»Willi Zechner,Chinas Cheftrainer

Zechners rechte Hand ist Heinz Peter Platter, ein Südtiroler, der zuletzt die schwedischen Abfahrer betreute. Er war davon ausgegangen, im ersten Training während des Zusehens laut lachen zu müssen. Aber so weit kam es nicht. «Technisch fahren die meisten schon sehr passabel. Was fehlt, ist die Erfahrung – vor allem in den schnellen Disziplinen.» Das mit der Routine ist so eine Sache. Selbst einige Mittzwanziger stehen erst seit sechs, sieben Jahren auf den Ski, andere gar erst seit 2016. «Vielleicht fuhren sie mal drei, vier Tage als kleine Kinder», sagt Platter, «aber wer in der Schule drei Purzelbäume pro Semester macht, ist ja auch noch kein Turner.» Die gängige Trainingslehre, wonach ein Skifahrer bereits vor Beginn der Pubertät geformt wird, wollen die Chinesen ad absurdum führen.

Zechner spricht denn auch von einer immensen Herausforderung. Die Sprache ist das Hauptproblem, auch wenn stets ein Dolmetscher zur Verfügung steht. Die Übersetzer aber sind nicht skiaffin, exakte Korrekturen daher schwierig anzubringen. Weshalb Zechner von «Hausecken-Kommunikation» spricht. Er sagt: «Gerade bei der Videoanalyse wird es manchmal abenteuerlich.» Wobei es schon lange genug gedauert habe, für solche Dinge überhaupt ein Bewusstsein zu schaffen.

Kritik ist untersagt – so steht es in den Verträgen

Zum Staff gehören auch chinesische Physiotherapeuten und Ärzte, stets wird den sogenannten Leadern im Riesenreich rapportiert. Damit gemeint sind etwa Chinas Alpinchef und der Wintersportverantwortliche. «Was sie sagen, das gilt», meint Platter. «Egal, was für Pläne wir haben.»

Zechner und Platter sind erst seit letztem Sommer dabei, auch der Rest der Crew ist neu. Was schief lief bei ihren Vorgängern wissen sie nicht – so sagen sie es zumindest. Ohnehin werden die beiden einsilbig bei bestimmten Themen – etwa wenn es um Menschenrechtsverletzungen geht im bevölkerungsreichsten Staat der Welt, ums Geld, um Arbeitsmethoden. Zurückhaltung ist angebracht, so steht es in den Verträgen, so wollen es die Vorgesetzten. Kritische Voten sind ebenso verboten wie das Veröffentlichen der allermeisten Fotos und Videos. Als gäbe es halt doch etwas zu verbergen.

Klingt wie Tour de France fahren ohne Training. Oder Fremdsprache lernen in 30 Minuten.

Wie auch immer: Ein bisschen verrückt wirkt das Projekt schon, aus Anfängern Profis zu machen in einer technisch wie physisch äusserst anspruchsvollen Hochgeschwindigkeitssportart. Klingt wie Tour de France fahren ohne Training. Oder Fremdsprache lernen in 30 Minuten. Abnehmen in zwei Tagen.

Kooperation mit Norwegen – und auch mit Swiss-Ski

Die Zeit drängt – und wie. Nächstes Jahr bereits sollen Chinesen an der WM in Cortina starten. Es sei zu spät begonnen worden mit allem, bemängelt Platter dann doch noch. Wobei sich die Wintersport-Laien zu helfen wissen: Es gibt etwa eine Kooperation mit Norwegen, Wachs- werden gegen Tischtennisexperten getauscht. Auch mit Swiss-Ski besteht seit 2017 eine strategische Kooperation. Wie nachhaltig das Ganze ist, wird sich zeigen. Fast jeder Vertrag läuft nach Olympia aus. «Es wird darüber hinaus weitergehen», sagt Zechner, sagt Platter. Sie müssen es sagen.

Erstellt: 12.02.2020, 11:35 Uhr

Wie das Coronavirus den Weltcup beeinflusst

Österreich statt China, Saalbach statt Yanqing heisst es für die Speedfahrer in dieser Woche. Wegen des Coronavirus mussten die Testrennen auf der Olympiapiste von 2022 abgesagt werden, womöglich wird Yanqing nächsten Winter nachträglich in den Kalender integriert. Die Piste oberhalb Pekings soll attraktiv und technisch anspruchsvoll sein, das sagt nicht nur Didier Défago, gemeinsam mit Bernhard Russi Architekt der Strecke.
Noch im Oktober lagen die Organisatoren weit hinter dem Zeitplan zurück, es drohte ein Fiasko. Doch nun wären die Chinesen bereit gewesen für die Weltcup-Premiere – erfahrene Pistenarbeiter aus Sotschi, aber auch Maschinen­führer aus Italien und Schweden wurden akquiriert. Für das freie Skifahren soll das Gelände bis auf weiteres nicht zugänglich sein.
Rund um Chinas Nationalteam sind die Sicherheitsvorkehrungen wegen des Coronavirus enorm. Die Fahrer wurden eine Zeit lang komplett von Touristen abgeschirmt, täglich gab es Gesundheitstests, auffällige Werte wurden keine festgestellt. Dem Epizentrum kam die Equipe gemäss Cheftrainer Willi Zechner ohnehin nie näher als gut 1000 Kilometer. Er sagt: «Es bestand überhaupt keine Gefahr.» Die meisten Skigebiete in China sind derzeit dennoch geschlossen. Die Athleten trainieren in den nächsten Wochen ohnehin in Europa. (phr)

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