«Ich bin die Sonne, um die alle in meinem Umfeld kreisen»

Die Italienerin Sofia Goggia, Olympiasiegerin in der Abfahrt, mag den Wettkampf mehr als das Skifahren, hatte in diesem Jahr zwei schwere Autounfälle und sagt, sie sei eine Egoistin.

21. Februar 2018, Tag des grossen Triumphs: Sofia Goggia wird in Pyeongchang Olympiasiegerin in der Abfahrt. Foto: Tom Pennington (Getty Images)

21. Februar 2018, Tag des grossen Triumphs: Sofia Goggia wird in Pyeongchang Olympiasiegerin in der Abfahrt. Foto: Tom Pennington (Getty Images)

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Wie war das mit Dominique Gisin?
Meinen Sie 2013 in Lake Louise?

Genau.
In der Abfahrt riss mein Kreuzband, ich sass am Flughafen im Rollstuhl. Ich wusste, wer Dominique war, aber wir hatten nicht viel miteinander zu tun. Sie kam zu mir und sagte: «Gib mir dein Ticket, ich gebe dir meins.» Sie hatte Business, ich Economy. Sie sagte: «Hast du ein Business-Ticket und eine Athletin ist verletzt, musst du das Gleiche für sie tun.»

Kam es dazu?
Vor zwei Jahren gab es in Lake Louise eine solche Situation mit der Norwegerin Maria Therese Tviberg. Ich wollte die Tickets tauschen, ihr Flug ging aber einen Tag früher. Die nächste Gelegenheit werde ich ergreifen. Ich bin eine glückliche Frau, privilegiert. Mein Sponsor sagt: Teile auch mit denen, die dafür sorgten, dass du hier bist.

Wer brachte Sie so weit?
Viele Leute. Vor allem aber ich selber. Es gibt Menschen, die mich antreiben und motivieren, aber würde ich das Feuer nicht in mir tragen, wäre es um mich geschehen. Also bin ich in erster Linie mir selber dankbar, weil ich weiss, wie viel ich investiert habe dafür. Natürlich muss ich auch vielen anderen Danke sagen: Ein Haus ist schliesslich aus zahlreichen Steinen gebaut.

«Es gab Essen, mein Vater wollte mir den Löffel in den Mund schieben. Ich schrie:
‹Ich! Ich!›»

Aber Sie sind die Bauherrin.
Ich bin 27, gewachsen als Mädchen, als Frau, als Person. Ich habe früher immer versucht, die Sicherheit in den Leuten um mich herum zu finden. Nun habe ich die Stärke in mir selber gefunden. Ich benötige die anderen, um das Beste zu zeigen, den Servicemann, die Trainer. Aber niemand kann die Schritte in meinem Leben gehen ausser ich.

Wie egoistisch sind Sie?
Es gibt viele Formen von Egoismus. Bittet mich jemand, etwas zu tun, das ich nicht will, bin ich egoistisch genug zu sagen: Nein. Aber es wäre auch egoistisch, würde ich Ja sagen. Das würde ich nämlich nur tun, weil ich nicht diejenige sein will, die diese Person enttäuscht. Ich bin Egoistin. Ja, das bin ich. Das heisst nicht, dass ich andere nicht respektiere. Aber: Will ich etwas nicht tun, dann respektiere ich zuerst mich.

Stimmt es, dass Ihr erstes Wort «Ich» war?
Ja. Es gab Mittagessen, mein Vater wollte mir den Löffel in den Mund schieben. Da schrie ich: «Ich! Ich!» Ich packte den Löffel und schob ihn selber in den Mund. Jetzt bin ich Topathletin, bin ich die Sonne, um die alle in meinem Umfeld kreisen wie Planeten. Ich muss im Zentrum stehen. Würde ich jemand anderen dorthin stellen, wäre das sinnlos.

Sie galten im italienischen Team früher als Einzelgängerin. Wie ist es heute?
In diesem Jahr versuche ich, es gut zu haben im Team. Wobei auch das egoistisch ist: Ich bin es ja, die es gut haben will. Im Weltcup muss jede liefern, es geht um Hundertstel. Also muss ich das tun, was das Beste ist für mich.

«Gut haben»: Sofia Goggia (4. von rechts) und das italienische Team. (Bild Christian Bruna/Keystone)

Sie sprachen vom Feuer. Woher kommt das?
Von einer flachen Piste, die die Skigebiete Foppolo und Carona im Veltlin verband, drei Sessellifte je. Ich war sechs und im Skiclub. Sonntags machten wir mit anderen Kindern jeweils ein Rennen, wer als Erstes drüben ist. Es gab keinen Sonntag, an dem ich nicht gewann. Das Feuer entstand dort, aus den Träumen und den Visionen. Die Frage war nur, ob ich auch gewillt bin, alles zu geben, um dorthin zu kommen.

Mögen Sie das Skifahren oder nur den Wettkampf?
Mein Bruder, drei Jahre älter als ich und Ingenieur von Beruf, hat viel mehr Leidenschaft fürs Skifahren. Ich habe die Passion einzig, weil ich Rennen fahren kann und weil es nichts gibt, was mich aufgeregter macht, als die Startnummer überzustreifen. Zu wissen, welche Arbeit ich geleistet habe, um dieses Spiel spielen zu können, das ist, was mich befriedigt. Ohne Rennanzug würde ich nach zwei Tagen in der Skihütte auf Sie warten.

Als jüngere Athletin hatten Sie einige Verletzungen. Gab es ­Momente des Zweifelns?
Als ich nach Lake Louise 2013 so lange verletzt war, hasste ich die ganze Welt. Ich brauchte zwei Jahre, um das Gleichgewicht zu finden. Dann begann ich, mich besser zu spüren auf der Piste, es kam das erste Podium, es kamen die Medaillen an Weltmeisterschaften und Olympia.

Was veränderte Olympia-Gold?
Es gibt ein erstes Ich und ein zweites Ich. Das zweite Ich ist die Rolle, die ich habe: Jeder sieht mich als Olympiasiegerin, ich bekomme Anerkennung von allen möglichen Leuten. Jeder will ein Foto mit mir. Aber das ist nur Fake. Ich bin noch immer ein normales Mädchen. Ich darf mich mit dieser Rolle nicht identifizieren.

Besondere Beziehung zu Olympia: Sofia Goggia. (Bild Jean-Christophe Bott/Keystone)

Geniessen Sie die Rolle auch?
Manchmal gar so sehr, dass ich eben den Fehler mache, mich mit ihr zu identifizieren. Mein Vater sagte: Wenn du dich darüber definierst, was du hast, und nicht darüber, wer du bist, dann verlierst du deine Seele. Wie viele Leute haben viel Geld und haben ihre Seele verloren, weil sie sich über ihre Arbeit definieren? Sie sind nicht glücklich. Ich bevorzuge es, glücklich zu sein.

Lieben Sie Ihr Leben?
Natürlich gibt es Zeiten, in denen es nicht läuft, alles auf mich einprasselt. Aber diese Situationen kann es nur dann geben, wenn ich nicht konsequent meinem Weg folge. Nun bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich die Schönheit überall sehe, in jedem kleinen Augenblick. Und ich mag es auch, wenn es hart ist, ein Ziel zu erreichen. Das Leiden macht den Erfolg erst süss. Ich schäme mich für die Zeiten, in denen ich nicht liebte, was ich tat.

Ihren ersten grossen Auftritt hatten Sie an der WM 2013 in Schladming, als Sie im Super-G völlig überraschend auf Rang 4 fuhren. Welche Einstellung hatten Sie damals?
Ich war furchtlos. Ich gewann zwei Wochen davor im Europacup eine Abfahrt. Manche sagten: «Hey, du fährst nach Schladming!» Ich lachte nur, ich wusste nicht einmal, was dort sein soll. Noch nie war ich ein ­Speedrennen im Weltcup gefahren – erst recht nicht an einer WM. Doch dann kam es tatsächlich dazu.

Wie war es?
Es war seltsam, es hing Nebel über der Strecke, es gab Unterbrüche, zwei Stunden dauerte es, bis ich ins Starthaus konnte. Das war intensiv, meine erste WM, ich hörte die Leute um mich, die sagten: Bleib konzentriert, mach dein Rennen, ich spürte Druck. Dann sah ich, wie Lindsey Vonn stürzte und verletzt abtransportiert wurde. Wie Anna Fenninger am Tor vorbeifuhr. Und ich sagte mir: Wieso sollte ich Druck haben? Ich bin doch ein Niemand! Die haben den Druck.

Das war der Schlüssel?
Ich visualisierte in meinem Kopf das Universum, all die unzähligen Planeten, ich sah, wie klein die Erde ist, und dann bin ich erst noch eine von sieben Milliarden Personen darauf. Und fahre nur Ski. Diese Haltung war die Beste. Spüre ich Druck, denke ich: Ich bin doch so winzig.

Wie lebt es sich als Winzling?
Das ist wunderbar. Ich kann tun, was ich will.

Sie sprachen von Lindsey Vonn. In den letzten Jahren waren Sie im Zweikampf mit ihr. Wie haben Sie das erlebt?
Ich erinnere mich an 2015, Val-d’Isère, ich wartete nach der Besichtigung auf Lindsey. Ich fragte sie nach einem Foto, es war so emotional und sie derart bescheiden. Ich kam ihr danach skifahrerisch immer näher, es kamen die Spiele von Pyeongchang. Sie war auf Top-Niveau, ich gewann. Es war ein grossartiges Duell. Ich durchlebte einen Wandel.

Inwiefern?
Sie war schon immer mein Idol, eine Ikone – und dann eine Gegnerin auf Augenhöhe. Als sie 2010 in Vancouver Abfahrts-Gold gewann, obwohl sie angeschlagen war, sagte ich: Diese Frau bringt mich zum Träumen.

«Würde ich nicht grüssen, käme Shiffrin nicht zu mir und fragte: ‹Wie gehts?› Das gab es noch nie.»

Sie besuchten Sie in ihrem Haus in Vail.
Das war in der Olympiasaison. Es war gewaltig. Italienische Häuser haben Gestelle, die sind voll mit Büchern. Lindsey hat Gestelle – voll mit Kristallkugeln.

Doch die Goldmedaille von Pyeongchang hängt bei Ihnen.
Eine kleine Stimme in meinem Kopf sagt mir: Hey, du hast ihr Olympiagold geklaut. Lindsey ist riesig, gigantisch, aber in meiner kleinen, bescheidenen Welt habe ich auch etwas erreicht.

Haben Sie ein Regal für Pokale?
Als ich mein Haus bauen liess, nahm ich als Erstes die kleine Kristallkugel für den Sieg im Abfahrtsweltcup 2017/18 mit – das Regal wurde danach erstellt.

Wäre auch Platz für die grosse Kristallkugel?
Zurzeit nicht.

Ist der Gesamtweltcup ein Ziel?
Nichts ist unmöglich, aber Mikaela Shiffrin ist eine Maschine.

Wie ist Ihre Beziehung zu ihr?
Wir haben keine Beziehung. Ich sage Hallo, sie sagt Hallo. Würde ich nicht grüssen, käme sie nicht zu mir und würde fragen: «Wie gehts?» Das gab es noch nie.

Weshalb nicht?
Das ist ihr Charakter. Sie ist nicht schüchtern, es ist einfach ihre Art, mit Leuten umzugehen. Sehe ich etwa die Österreicherinnen, gehe ich zu ihnen, habe Spass, mache Blödsinn, Witze. Es ist noch nie passiert, dass jemand zu mir kam und ich nicht zumindest grüsste. So bin ich erzogen worden, so bin ich als Mensch.

Ist es möglich, im Weltcup Freundinnen zu finden?
Vielleicht nicht die besten. Aber es ist schon verrückt, wie viel von meinem Leben ich teile mit den anderen Fahrerinnen. Wir sind 150 Tage im Jahr zusammen in diesem Wahnsinn unterwegs.

Definitiv eine beste Freundin: Sofia Goggia mit Hündin. (Quelle Instagram)

Im April hatten Sie einen schweren Autounfall. Ein Zeichen zu grosser Belastung?
Ich hatte Glück: Der Moment für mich zu gehen war noch nicht gekommen. Ich geriet von der Strasse ab, rumpelte die Böschung hinunter und landete auf dem Dach eines Lieferwagens auf der Strasse darunter. Es war das einzige Auto, das unterwegs war. Das war kein Zufall, Zufälle gibt es nicht. Es war ein Zeichen, dass ich stoppen muss.

Was?
Ich hatte eine schwierige Phase, persönlich und im Job, viele Probleme, ich war am Limit. Aber darüber möchte ich nicht reden.

Anfang November hatten Sie noch einen zweiten Unfall.
Das war ein Massencrash, ich war im Sandwich.

Haben Sie nun Angst im Auto?
Nein. Ich sass in dem Auto, rund um mich all die explodierten Airbags, und ich wusste: Ich muss nach Mailand an einen Anlass. Bleibe ich diesem fern, kommen schnell Gerüchte auf. Ich lieh ein Auto aus und fuhr nach Mailand.

Verarbeiten Sie so: So schnell wie möglich zurück ins Auto oder auf die Ski nach einem Unfall?
Stürze ich auf der Piste, schliesse ich die Augen, stelle mir die Szene noch einmal vor wie in einem Video, nehme einen Radiergummi und radiere alles aus. Ich kann den Unfall aus meinem Gehirn löschen.

Sie sind ein Kopfmensch, haben begonnen, Politik zu studieren. Warum haben Sie aufgehört?
Ich habe nicht aufgehört, ich zahle noch immer die Gebühren. Einfach für nichts. Als würde ich das Geld dem italienischen Staat geben. (lacht) Ich würde gerne studieren, mehr lesen. Doch je näher ich der Spitze komme, desto klarer muss der Kopf sein für den Job. Aber Kultur bekomme ich nicht nur an der Universität vermittelt, möchte ich sie erleben, schlag ich ein Buch auf.

Sie wollten erst Philosophie studieren. Lesen Sie Bücher der grossen Philosophen?
Ich bin interessiert an den Gedanken von Nietzsche, Sokrates, Platon, der modernen Philosophen. Jeder hat eine andere Perspektive, die mich meinen Blick, meine Vision schärfen lässt. So bekomme ich geistig immer mehr Pfeile in den Köcher, die ich zu gegebener Zeit abschiessen kann.

Aber Sie haben keine Zeit, deren Bücher zu lesen.
Ich habe eine App, die mir die Bücher während der Reisen vorliest. Ich mag das nicht so sehr, wie selber ein Buch in der Hand zu halten und zu lesen. Aber es ist besser als nichts.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

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Erstellt: 12.12.2019, 19:07 Uhr

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