«Ich finde die Kritik überzogen»

Dario Cologna ärgert vor dem Start der Tour de Ski, wie man seine Leistungen beurteilt. Sein Ziel: der Sieg.

Ab dem Neujahrstag hat Dario Cologna dank der Tour de Ski viel Zeit, sich und seine Gegner ans Limit zu bringen. Foto: Gepa

Ab dem Neujahrstag hat Dario Cologna dank der Tour de Ski viel Zeit, sich und seine Gegner ans Limit zu bringen. Foto: Gepa

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Sie sagten einst: «Ich weiss, was ich brauche, um in Form zu kommen.» Gilt Ihre Aussage nach diesem ­ersten Saisondrittel mit grossen Schwankungen noch?
Absolut.

Wie lautet Ihre etwas ausführlichere Antwort?
Ich glaube in der Vergangenheit oft ­bewiesen zu haben, dass ich mich zum Saisonhöhepunkt in eine wirklich gute Form bringen kann. Diese Fähigkeit verlernt man nicht über ein paar Wochen.

Wie ist dann zu erklären, dass Sie nach guter Vorbereitung so viele schwache Resultate ­lieferten?
Ich finde die Kritik an meinen Leistungen generell überzogen. Natürlich habe ich mir einen besseren Start ­erhofft. Aber ich bin jetzt seit acht Saisons stets an der Spitze dabei. Da liegt ein solcher ­Einstieg doch einmal drin, immerhin holte ich auch einen dritten und vierten Weltcup-Rang. Nur scheinen bei mir ­andere ­Massstäbe zu gelten. Sobald der Cologna einmal nicht gewinnt, heisst es, er laufe bescheiden. Bei anderen wäre man in der Beurteilung deutlich zurückhaltender.

Ein bisschen haben Sie zu dieser Erwartungshaltung schon beigetragen, immerhin ­prägten Sie den Weltcup über ­mehrere Jahre.
Ich behaupte auch nicht, zufrieden mit meinen bisherigen Resultaten zu sein. Ich sage nur, man solle die Perspektiven wahren. Ich eröffnete den Winter auch schon früher manchmal mit eher ­bescheidenen Ergebnissen.

Inwiefern sind die Form­schwankungen der letzten zwei Saisons auch auf den Trainer­wechsel zurückzuführen?
Ich erkenne da keinen Zusammenhang. Natürlich braucht man zu ­Beginn ein ­wenig Anpassungszeit. Aber ich habe auch schon vor Ivan Hudac (dem jetzigen Distanzcoach um die Cologna-Gruppe) viel Einfluss auf meine Trainingsgestaltung genommen. Es wäre darum billig, die Schuld an den Schwankungen Ivan zuzuschieben. Dafür bin schon ich verantwortlich. Hinzu kommt, wie mein Verlauf zeigt: Eine gute Vor­bereitung muss nicht automatisch auch zu guten Resultaten führen.

Setzen Sie andere Reize als in ­jungen Jahren, um Ihren Körper zu fordern?
Nein, ich bin in dieser Hinsicht ein ­Gewohnheitstyp und mit dem, was ich tue, ja auch erfolgreich gewesen. Da ­riskiert man keine Brüche. Was sich über die Jahre änderte, ist mein jähr­licher Trainingsumfang. Ich habe ihn sukzessive auf rund 900 Stunden im Jahr gesteigert. Entscheidend bleibt ­dabei zu spüren, was dein Körper braucht. Viele Topathleten neigen dazu, immer noch mehr trainieren zu wollen. Dieser Tendenz stehe ich kritisch gegenüber. Man muss im ­Gegenteil auch ­einmal «Stopp» sagen und sich ausruhen können. Pausieren im richtigen Moment ist mindestens so wichtig wie Trainieren.

Ertragen Sie gewisse Einheiten nicht mehr – benötigen dafür andere vermehrt?
Ja und nein. Im Prinzip trainiere ich ähnlich wie in jüngeren Jahren. Seit meiner Fussverletzung (am rechten Knöchel vor den Spielen 2014) bin ich in Bezug auf Sprünge eingeschränkt. Zudem würde ich in der Vorbereitung auf den Winter gerne mehr rennen, als ich kann. Aber meine Waden verhärten bei zu ­vielen Laufkilometern rasch, also muss ich ­behutsam vorgehen.

Nun mussten Sie versuchen, innert weniger Wochen Ihre Form markant zu steigern, damit Sie die Tour de Ski gewinnen können. Haben Sie diesen Aufschwung hinbekommen?
Ich trete zumindest an, um die Tour zu gewinnen. Ob ich allerdings gut genug bin, den bislang dominanten Sundby (den im Weltcup führenden Norweger Martin Johnsrud Sundby) zu bezwingen? Ich weiss es nicht.

Wird die Formsteuerung mit dem Älterwerden schwieriger – oder einfacher, weil Sie erfahrener sind?
Also alt fühle ich mich noch nicht. (lacht) Im Ernst: Auch wenn die jüngste Phase ­gegen meine Aussage spricht, wird das Steuern einfacher. Ich kenne meinen Körper viel besser und weiss, was ich wann für Trainings benötige. Eine ­exakte Wissenschaft aber ist die Formsteuerung nicht. Damit man punktgenau sein Maximum erreicht, benötigt man auch ein bisschen Glück.

Bereits die 2. Etappe dieser Tour, ein Massenstartrennen über 30 km, könnte vorentscheidend sein, vor allem wenn Sundby von Beginn an forcieren sollte. Würden Sie dann ­mitlaufen?
Wenn es mein Anspruch ist, die Tour zu gewinnen, werde ich nicht passiv laufen können.

Das heisst?
Dass ich wohl versuchen würde, sein Tempo mitzugehen. Aus den vorangegangenen Austragungen weiss ich, dass man zum Schluss der Tour kaum mehr viele Plätze gutmachen kann. Insofern ist der Start sehr wichtig.

Was spricht dafür, dass Sie den bisher überragenden Sundby schlagen können?
Das ist eine etwas fiese Frage, denn mir ist schon klar: Im Vergleich zu Sundby bin ich der Aussenseiter. Ich muss ver­suchen, möglichst lange an ihm dranzubleiben und damit hoffen, dass er einen Fehler begeht – und ich diesen aus­nutzen kann.

Erstellt: 30.12.2015, 22:54 Uhr

Jubiläum mit Schweizer Auftakt

Bündner Kampf um Kunstschnee

Der grüne Winter hat die Organisatoren der 10. Tour de Ski ins Schwitzen gebracht. Kunstschnee in Massen liess sich in den letzten Wochen nicht produzieren. Die Bündner auf der Lenzerheide, wo die Jubiläumstour morgen beginnt, reagierten mit deutscher Hilfe: Sie organisierten zusammen mit Swiss-Ski einen Kunstschneeproduzenten, der dank ­einer neuen Technik auch bei (vielen) Plusgraden eine weisse Unterlage liefern kann. Allerdings vermag er erst relativ geringe Mengen herzustellen und ist teuer. Darum musste das OK auch auf konventionelle Art zu künstlichem Schnee kommen.

Der Kraftakt der ­letzten Tage zahlte sich aus, Stadion und Strecke sind bereit, gar für das Massenstartrennen über 30 km (à sechs Runden). Weil Oberstdorf, die folgende Tour-Station, wegen Schneemangels nur verkürzte Etappen bieten kann, gewinnen die drei Rennen in der Schweiz an Bedeutung, vor allem die 30 km vom Samstag.

Im Gegensatz zu den früheren Tour-Austragungen fehlt das lange Teilstück über rund 30 km von Cortina nach ­Toblach. Der italienische Skiverband vermochte die Fernsehkosten nicht ­aufzubringen. Gewohnt endet die Tour hingegen mit dem spektakulären «Bergkraxeln» zur Alpe Cermis. Total müssen bzw. dürfen die Athleten acht Rennen in zehn Tagen ­absolvieren.

Dario Cologna strebt seinen vierten Triumph nach 2009/11/12 an, startet nach einem schwierigen Weltcupbeginn aber als Aussenseiter. Favorit ist der Norweger Martin Johnsrud Sundby, der schon die letzten beiden Austragungen gewann. (cb)

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