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«Ich muss mich verändern»

Dario Cologna will seine Karriere nach einer schwierigen Saison überdenken. Vor dem 50er vom Sonntag sagt er aber: «Ich kann siegen.»

Im Skating fühlt sich Dario Cologna (30) «topfit», weshalb er das wichtigste Rennen des Winters gelöst angehen kann. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)
Im Skating fühlt sich Dario Cologna (30) «topfit», weshalb er das wichtigste Rennen des Winters gelöst angehen kann. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Dario Cologna ist in dieser Saison ein Langsamstarter: Erst benötigte er selbst für seine Verhältnisse viel Zeit, bis er zu den Besten zählte. Dann brachen rund eine Woche vor der WM alte Waden­probleme auf und zwangen ihn dazu, auf alle Klassisch-Einsätze in Lahti zu verzichten. Erst Anfang dieser Woche reiste er darum nach Finnland, wo er sich trotzdem entspannt präsentiert. Um wenigstens noch ein bisschen Wettkampfgefühl zu bekommen, startete er daheim an einem nationalen Skating-­Rennen, das er locker gewann. Obschon ihn der Rückschlag zur Improvisation in der finalen Vorbereitung zwang, glaubt er, für die 50 km vom Sonntag bereit zu sein und gewinnen zu können. Cologna aber weiss auch: Es bleibt ihm nur ­dieses eine Rennen, um eine ansonsten eher bescheidene Saison noch ins ­Positive zu drehen.

Sind Sie noch ein Siegläufer?

In meinen besten Wintern musste nicht alles zusammenpassen, damit ich zu den Besten zählte. Das ist momentan anders. Stimmt ein Aspekt nicht, habe ich ­bereits Rückstand. In dieser Saison bin ich im Vergleich mit den Gegnern auf einem zu tiefen Niveau eingestiegen und brauchte Wochen, dieses Defizit wett­zumachen.

Befinden Sie sich im schwierigsten Winter Ihrer Karriere, die ­Verletzungsjahre ausgenommen?

Ja, das kann man wohl so formulieren. Das spricht aber auch für meine konstant guten Leistungen in den vergangenen Jahren. Aber warten wir für eine ­Bilanz bitte noch die 50 km ab.

Hinterfragen Sie sich?

Klar, ich will ja wissen, warum ich mich manchmal schwertat. Trotzdem bin ich gelassen, denn ich habe über die letzten Wochen sehr wohl Fortschritte erzielt.

Es bleibt dabei: Sie siegten zuletzt vor zwei Jahren im Weltcup.

Würde man anhand der bisherigen ­Saisonresultate die Rangliste erstellen, müsste ich hier ja gar nicht antreten. Ich bin aber überzeugt, dass ich siegen kann. Zudem habe ich bewiesen: Ich weiss, wie man an Grossanlässen reüssiert.

Warum werden Sie das 50-km-­Rennen für sich entscheiden?

Weil ich mit dem Glauben an den Sieg ins Rennen gehen muss. Zugleich hilft mir nach den körperlichen Problemen das Wissen, dass ich im Skating topfit bin. Ich kann gelöst starten. Dass ich nicht genau einschätzen kann, wie gut meine Form ist, muss ich aushalten.

Auf einen Endspurt werden Sie sich kaum einlassen, dafür dürfte Ihnen die Topgeschwindigkeit fehlen. Verändert sich Ihr Spielraum?

Es kommt immer darauf an, wer mithalten kann. Aber ich suchte die Entscheidung bei den grossen Siegen nie erst im Finale. Wenn ich vorne dabei bin und mich gut fühle, werde ich attackieren. Das ist schlauer, als abzuwarten. Allerdings haben sich die Rennen entwickelt, sie werden von Beginn an viel schneller gelaufen. Ich erwarte darum keine grosse Gruppe an potenziellen Siegern.

Hatten Sie in Ihren Erfolgsjahren ein bisschen mehr Luft?

Ja. Martin Johnsrud Sundby (der Weltcupführende) hat an der neuen Entwicklung grossen Anteil. Er pusht von Beginn an. Das Windschattenlaufen ist in unserem Sport zwar nicht so entscheidend wie im Radfahren, hilft aber. Insofern hat Sundby mit seinen Frontläufen das Langlaufen sehr geprägt. Ich warte ­lieber ab, damit ich sehe, wie sich ein Wettkampf entwickelt.

Was passiert, wenn man einen wie Sundby im Rennen hat – und selber noch in den Wettkampf finden muss?

Das ist mühsam. Dann konzentrierst du dich am besten auf dich und darauf, möglichst ökonomisch zu laufen. Wenn du dich gut fühlst, ist ein hohes Tempo ­hingegen von Vorteil. Es minimiert die ­Gegnerzahl.

Kann man sagen: Wenn Cologna bei Massenstarts an der Spitze fehlt, kommts schlecht?

Dann bin ich mir meiner Sache ent­weder sehr sicher oder habe tatsächlich Mühe. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie merken: Heute bin ich zu schwach? Dann versuche ich, mich anzutreiben, aber die Regel ist simpel: Sobald du in einem Massenstartrennen den Kontakt verlierst, bist du chancenlos. Heikler ist die Situation, wenn die Ski nicht laufen.

Wie bleibt man da positiv?

Uh, das ist schwierig …

… warum dann nicht aussteigen?

Das ist eine Typfrage. Ich steige nie aus. Auch an die Rennhärte muss man sich gewöhnen. Klar, freut es mich nicht, wenn ich weit reise und nach wenigen Wettkampfminuten abgehängt werde oder schon in der Sprintqualifikation scheitere. Ein Einsatz aber ist qualitativ immer hochwertiger als ein wettkampfnahes Training.

Sie sind nun seit acht Jahren ­Weltklasse. Haben Sie weitere acht Jahre in sich?

Kaum. Ich will schliesslich fähig sein, Rennen zu gewinnen.

Wo müssen Sie zulegen, um konkurrenzfähig zu bleiben?

Ich muss mich verändern, das haben die letzten Monate gezeigt. Was ich sagen kann: Ich habe Höhentrainings integriert, nun folgt das neue grosse Laufband am Trainingsstützpunkt in Davos, primär für technische Einheiten. In der Erholung sehe ich Potenzial. Die Detailfragen stehen allerdings noch aus.

Warum im Sommer nicht über längere Zeit mit dem Besten trainieren, also dem Norweger Sundby?

Daran habe ich schon gedacht. Trainiere ich stets mit meinen Teamkollegen, fehlt ein bisschen der internationale Leistungsvergleich. Ich stelle dann jeweils erst in den ersten Weltcuprennen fest, wozu ich wirklich fähig bin. Für die Spiele vom nächsten Winter werde ich meinen Umfang im Sommer reduzieren, um für jede Einheit frischer zu sein. Man muss wissen: Ich habe meine Gesamtzahl an Trainingsstunden seit 2009 um fast 200 Stunden pro Jahr gesteigert.

Nochmals die Frage: Warum nicht mit dem Besten trainieren?

Es wäre möglich, sich den Norwegern für Trainingskurse anzuschliessen. Ich fühle mich aber sehr wohl im Schweizer Team und habe keine solchen Pläne.

Finden zwischen den Topathleten immerhin Diskussionen über ­Technik oder Formaufbau statt?

Eigentlich nicht.

Müsste diese professionelle Neugier nicht vorhanden sein?

Die Neugier ist schon da. Aber direkt zu einem ausländischen Topathleten zu gehen? Nein, das tun wir Langläufer nicht.

Will man nicht wissen, wie Sundby in den letzten Jahren vom ­durchschnittlichen zum führenden ­Athleten wurde? Fragen kann man ihn, mehr als ablehnen wird er nicht.

Es ist kein Geheimnis, wie Sundby trainiert. Aber nicht für jeden Athleten passt dasselbe Training. Er macht sicher vieles richtig, viele andere allerdings auch. Bis heute hat Sundby beispielsweise nicht herausgefunden, wie er bei Grossanlässen Einzelgold gewinnen kann. Auch hatte er Probleme neben der Loipe.

Spielen Sie auf seine Sperre wegen der Saison 14/15 an, als man ihm viel zu hohe Dosen eines Asthmamittels nachweisen konnte?

Ja, das war für unseren Sport ein Tiefschlag und für mich eine Enttäuschung.

Hat sich Ihr Norweger-Bild ­verändert?

Schon ein bisschen. Auch ich orientiere mich an den Besten, und im Langlaufen sind dies nun einmal die Norweger. Lange konnten wir sagen: Seht, selbst die Schnellsten sind alle sauber. Nun haben sie aber zwei positive Tests (der zweite betrifft die letztjährige Dominatorin Therese Johaug). Nur schon die Zweifel sind schädlich für unseren Sport.

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