«Ich musste egoistischer werden»

Corinne Suter hat sich eine gewisse Lockerheit zugelegt – und hält nicht viel davon, ihren Sport kompliziert zu machen.

Bodenständig und nahbar: So will Corinne Suter (24) auch nach ihrem doppelten Medaillengewinn an der WM bleiben. Foto: Fabienne Andreoli

Bodenständig und nahbar: So will Corinne Suter (24) auch nach ihrem doppelten Medaillengewinn an der WM bleiben. Foto: Fabienne Andreoli

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Im Quartier hängen Transparente an Hauswänden und Geländern. «Weltklasse» und «Bravo Corinne» steht da. Die Nachbarn zeigen ihren Stolz auf Corinne Suter, die mit Bronze­ im Super-G und einer Silbermedaille in der Abfahrt von der WM in Schweden nach Schwyz heimgekehrt ist.

Die 24-Jährige empfängt Journalisten nicht irgendwo in der Gemeinde, sondern bei sich zu Hause. Sie lebt noch bei den ­Eltern, wenn sie nicht gerade unterwegs ist wie zuletzt in Are – oder jetzt: In Crans-Montana geht die Saison mit dem Weltcup weiter.

Wie fühlt es sich an, ein Star zu sein?
Ein Star, ja . . . (lacht) Das hat mir noch niemand gesagt, und ich glaube auch nicht, dass es zu mir passt.

Aber als zweifache WM-Medaillengewinnerin ändert sich für Sie gewiss einiges.
Es gibt mehr Medienanfragen als vorher, auf der Strasse werde ich häufiger erkannt und angesprochen, mein Name ist vielleicht etwas bekannter. Aber sonst bleibt alles wie vorher. Darauf achte ich. Die Medaillen sollen aus mir keinen anderen Menschen machen.

«Ich fahre nicht Ski, um Geld zu verdienen. Sondern weil es meine Leidenschaft ist.»

Ein Interview hier, ein Auftritt da, ein Empfang in Schwyz – wurde es Ihnen nicht zu viel?
Ich habe nicht gewusst, was auf mich zukommt, ich hatte einen solchen Rummel noch nie erlebt. Meine Trainer halfen mir, das Ganze zu meistern. Ich bin jemand, der am liebsten gleichzeitig an vielen Orten wäre, aber gerade an der WM ging das nicht mehr. Nach dem Super-G wollte ich meine Eltern sehen, ich hatte mich so auf sie gefreut. Aber ich musste mich bis 21 Uhr ­gedulden, weil zuvor so viele Pflichttermine anstanden. Ich konnte auch Dinge nicht tun, die nach einem normalen Wettkampf üblich sind: Ausfahren und Physio.

Corinne Suter wird im House of Switzerland gefeiert.

Klingt nach Anstrengung.
Ich empfand es nicht so, diese Stunden habe ich ganz bewusst auch genossen. Jasmine Flury, die 2017 in St. Moritz einen Super-G gewonnen hatte, sagte mir, sie hätte damals den Moment zu wenig ausgekostet. Und das bereue sie im Nachhinein. Diese Worte gingen mir ein paarmal durch den Kopf.

Die WM-Medaillen machen Sie sicher zu einer reichen Frau . . .
. . . ja, genau! (lacht) Natürlich ist das nicht so. Und ich fahre auch nicht Ski, um Geld zu verdienen, sondern weil es meine Leidenschaft ist. Das ist mir wichtig. Bei der Vermarktung bin ich vorsichtig: Ich werbe sicher nicht für alles, um möglichst jeden Franken herauszuholen.

Klarkommen müssen Sie damit, dass nicht nur über Sie als Skifahrerin diskutiert wird, sondern auch über Nebensächlichkeiten. Zum Beispiel, wenn Sie im österreichischen Fern­sehen auf Schweizerdeutsch Auskunft geben.
(lacht laut) Es kam völlig falsch rüber. Ich fragte den Reporter nicht, ob ich auf Schweizerdeutsch antworten dürfe, sondern lediglich, wie die anderen Schweizer es jeweils halten. Er sagte mir: Sprich einfach, wie du willst. Ich dachte: Okay. Und so, wie der Reporter reagierte, musste er mich verstanden haben. Aber nach dem Interview erhielt ich viele Nachrichten: Wieso ­redest du nicht Hochdeutsch? Kannst du das gar nicht?

Corinne Suter spricht mit ORF-Reporter.

«Wenn ich kann, spreche ich Schweizerdeutsch»: Corinne Suter nimmt Stellung zu ihrem ORF-Interview.

Nach Ihrer Rückkehr aus Schweden bewältigten Sie die Medientermine in Ihrem Elternhaus in Schwyz. Wieso daheim?
Wieso nicht? Meine Eltern sind unkompliziert, ich bin es auch. Mich stört es nicht, wenn andere sehen, wo ich aufgewachsen bin. Wir sind bodenständige Leute, die nichts zu verbergen haben.

«Mir gefällt das Urchige, das Traditionelle, die Berge, der See: Ich habe hier alles.»

Nehmen Sie es auch so wahr, dass sich alle mit Ihnen über die Erfolge freuen?
Es sind sehr viele. Ich habe gegen 500 Mitteilungen erhalten, die überwältigende Mehrheit davon war sehr positiv.

Nicht alle?
Es gibt immer Neider. Ich las auch, was die mir schrieben, aber es bleibt davon nichts bei mir haften.

Nach Ihrer Bronze-Fahrt im Super-G flossen Freudentränen. Sind Sie ein emotionaler Mensch?
Eigentlich bin ich nicht so nahe am Wasser gebaut. Aber in Schweden ging ein Kindheitstraum in Erfüllung, und das erst noch in einem Rennen, in dem ich nicht damit gerechnet hatte.

Bei Corinne Suter kullern die Tränen.

Sagten Sie sich einfach: Ich fahre einmal, dann schaue ich, was dabei herauskommt?
In den Trainings war ich zwar gut gefahren, aber an diesem Morgen war es bitterkalt, minus 25 Grad. Darum schrieb ich meinem Trainer: «Ich lasse das Rennen aus.» Er antwortete: «Lass uns das Rennen angehen wie einen Trainingslauf, dann kommt das gut.» Und dann kehrte ich mit einer Medaille ins Hotel zurück.

Gab es einen Moment, in dem Sie an den letzten Sommer dachten, als nach einer Blutvergiftung die Amputation des rechten Fusses drohte?
Nein, ich habe zum Glück Abstand gewonnen. Ich halte mich am Positiven fest – daran, dass ich überhaupt wieder Ski fahren kann. Und dass ich innert relativ kurzer Zeit den Trainingsrückstand aufgeholt habe.

Dachten Sie schon einmal ans Aufhören?
Wenn ein paar Rennen in Folge nicht wunschgemäss laufen, fällt schon einmal der Satz: Ich habe keine Lust mehr. Aber natürlich meine ich das nicht ernst. Ich kann impulsiv sein und ziehe mich mittlerweile nach einem Wettkampf für ein paar Minuten zurück, um mich zu sammeln. Sonst sage ich plötzlich Dinge, die ich hinterher bereue.

Sie sagten einmal: «Den grössten Druck mache ich mir selber, obwohl ich das immer etwas verdränge.» Wie war das an der WM?
Vor dem Super-G hatte ich noch zwei Startnummern zur Auswahl: die 1 und die 19. Ich mag hohe Startnummern eigentlich nicht besonders, weil man mitbekommt, wie die vorherigen Athletinnen gefahren sind. Aber der Trainer riet mir, eine möglichst hohe Nummer zu nehmen, also entschied ich mich für die 19. Und ich hatte mir am Morgen bei der Besichtigung so viel Überzeugung geholt, dass es nicht nötig war, anderen Fahrerinnen vor mir zuzuschauen.

Sind Sie eine Perfektionistin?
Ja, aber alles hat seine Grenzen. An der WM verzichtete ich darauf, die Abfahrtsstrecke zigfach zu besichtigen und jede Kurve auseinanderzunehmen. Sonst fängt man an, sich im Detail zu verlieren, und das ist kontraproduktiv. Es ist unnötig, Dinge kompliziert zu machen, die auch einfach gehalten werden können. Und Ski fahren ist einfach.

Wirklich?
Wenn man es einmal kann, ­verlernt man es nicht so schnell wieder.

Wie gehen Sie mit Erfolgsdruck um?
Eigentlich kann ich mittlerweile ganz gut damit umgehen, mich bringen hohe Erwartungen nicht aus dem Gleichgewicht. Und doch möchte ich es allen recht machen. So bin ich halt. Die Trainer machen mich ab und zu darauf aufmerksam, dass ich mich auf das Wesentliche konzentrieren soll. Ich musste egoistischer werden und das lernen. In den vergangenen Jahren schaute ich viel zu häufig nach links und nach rechts, ich versuchte immer, anderen eine Stütze zu sein. ­Dabei hätte ich mit mir selber ­genug zu tun gehabt.

Wie haben Sie Kolleginnen geholfen?
Zum Beispiel, indem ich nach einem schlechten Rennen Mitgefühl zeigte und sie moralisch aufrichtete.

Ablenken kann auch ein Sturz einer Fahrerin vor Ihnen. Wie gehen Sie damit um?
Dann ist das unschön, logisch. Aber man muss es fertigbringen, solche Bilder auszublenden. Ich habe mir eine gewisse Lockerheit zugelegt. Wie andere sich vorbereiten, wie andere fahren – es darf mich nicht mehr beeinflussen. Ich versuchte zu oft, ­etwas mit der Brechstange zu ­erzwingen, aber das machte mich nicht schnell. Jetzt habe ich auf den Ski ein cooles Gefühl wie noch nie.

Kennen Sie Versagensängste?
Nein, gar nicht. Bis zehn Sekunden vor dem Start bin ich sogar noch gut ansprechbar. Manchmal ist es für mich sehr unterhaltsam zu sehen, wie unterschiedlich die Fahrerinnen sich verhalten. Es gibt solche, die ­führen Selbstgespräche. Mich amüsiert es, was ich da manchmal beobachte.

Sie sind in Schwyz verwurzelt. Was gibt Ihnen diese Gegend?
Wir sind oft unterwegs, aber ich komme immer gerne zurück. Mir gefällt das Urchige, das Traditionelle, die Berge, der See: Ich habe hier alles.

Und Ihnen gefallen auch Schwingfeste.
O ja! Das ist ein Teil der Schweiz, und die Atmosphäre an den ­Festen ist wunderbar. In der Mittagspause kann jeder Zuschauer seinen Rucksack auf seinem Platz lassen, er braucht nicht Angst zu haben, dass er gestohlen wird.

Wovon träumen Sie?
Von einem Olympiasieg. Das schrieb ich schon als Kind in die Freundschaftsbücher.

Was gönnen Sie sich in den Ferien nach der Saison?
Ich verreise ans Meer, ich brauche zwei, drei Wochen Pause. Normalerweise muss mich ­niemand antreiben, wenn es ums Training geht. Aber in dieser Zeit mache ich nichts und esse auch, worauf ich Lust habe.

Was bedeutet Ihnen Luxus?
Nicht viel. Neulich gab es bei einem Abendessen einen Mehrgänger, viele Häppchen. Alles gut, aber mir ist das Einfache lieber, ich brauche kein Schickimicki. Oder das Fliegen: Einmal erhielt ich einen Platz in der Business Class. Auch das war schön, aber ich würde nie so viel Geld dafür ausgeben. Mir ist es völlig egal, in der Economy Class zu sitzen.

Erstellt: 22.02.2019, 06:28 Uhr

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