«Ich spüre jedes Kilo, das er zu viel hat»

Um Olympiasieger zu werden, liegt der deutsche Schlittler Tobias Wendl fast jeden Tag auf seinem Kollegen Tobias Arlt. Wie fühlt sich das an?

Erfolgreicher Doppeldecker: Tobias Wendl und Tobias Arlt (unten). Foto: Reuters

Erfolgreicher Doppeldecker: Tobias Wendl und Tobias Arlt (unten). Foto: Reuters

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Seit 17 Jahren schlitteln Tobias Wendl und Tobias Arlt gemeinsam. Zweimal Gold bei Olympia und vier Weltmeistertitel haben die beiden 30-Jährigen aus Oberbayern bisher gewonnen. Heute (ab 12.20 Uhr) wollen sie ihr Gold von Sotschi 2014 verteidigen.

Wenn Sie durch die Eisrinne ­schlitteln, sieht das aus, als würden Sie kuscheln. Wie sehr spüren Sie einander dabei?
Arlt: Ich sehe nur Tobis Kopf, wenn ich nach vorne schaue. Er lenkt, weil er die Bahn sieht, ich helfe mit meinem Arschgefühl. Ich habe den direkten Kontakt zum Schlitten und spüre genau, was unter uns passiert, drehe die Schultern oder verlagere das Gewicht, um versehentliche Rutscher auszugleichen. So, dass es Tobi beim Steuern nicht aus dem Konzept bringt.

Wendl: Wenn wir einen guten Lauf ­haben, ist es, als würde ich allein fahren, weil unsere Drehungen eingespielt sind. Wir sind dann eine Einheit. Im besten Fall merke ich erst im Ziel, dass überhaupt jemand dabei war.

Arlt: Falls unsere Bewegungen aber nicht aufeinander abgestimmt sind, stürzen wir und verletzen uns schwer. Wir sind füreinander verantwortlich und müssen einander vertrauen.

Tobias Wendl wiegt 90 Kilo. Können Sie noch atmen, wenn er auf Ihnen liegt?
Arlt: In den Kurven wird der Druck besonders hoch. In manchen Bahnen wirkt für Sekundenbruchteile das Achtfache meines Körpergewichts. Dazu kommt auch noch das von Tobi. Da bleibt mir ab und zu die Luft weg. Der Tobi ist etwa 15 Kilo schwerer als ich. Das presst ganz schön. Ich spüre jedes Kilo, das er zu viel hat.

Finden es manche seltsam, dass Sie beruflich so viel aufeinanderliegen?
Wendl: Von aussen hören wir da eigentlich gar nichts. Aber intern, da kommen schon mal Sprüche. Aber das ist wirklich nur gewitzelt. Die Einzelfahrer wissen ganz genau, wie anstrengend es ist, einen Doppelsitzer zu fahren.

Macht es alleine denn mehr Spass?
Wendl: Wenn du alleine fährst, dann hast du dreissig bis vierzig Prozent mehr Kontrolle über den Schlitten. Beim Doppelsitzer dagegen muss wirklich alles passen. Aber wenn du dann beim Doppel einen schönen Lauf hast, wenn diese Masse in Schwung ist und es so schnell wird, das muss man erleben. Dann macht es mehr Spass als im Einzel.

Das ist dann der perfekte Lauf, bei dem Sie das Gefühl haben, Sie würden allein fahren . . . Ist das nicht undankbar, dass Sie idealerweise gar nicht bemerkt werden?
Arlt: Wenn ich nicht dabei bin, funktioniert es nicht. Wenn ein anderer unter dem Tobi läge, würden die beiden ­sicherlich auch ans Ziel kommen. Gewinnen würden sie aber nicht.

Wendl: Wir haben als Junioren einmal aus Spass mit einem anderen Doppelsitzer-Paar die Partner getauscht. Das war eine Vollkatastrophe. Ich hatte das Gefühl, ich habe da einen Holzstock hinten drin liegen. Alles war so grob. Naa, das mach ich nimmer.

Was hat da genau gefehlt?
Wendl: Der Rhythmus. Dieses feine Drehen, das der Arlti macht. Mein Tauschpartner lag einfach nur gerade da drin. Da war jede Kurveneinfahrt, als würdest du gegen eine Wand fahren: Bom, bom, bom. Das hat gekratzt und gescheppert.

Können Sie auch fahren, wenn Sie ­gerade Streit hatten?

Arlt: Streit gibt es bei uns nicht. Wenn der Tobi mal schlecht drauf ist, dann braucht der seine Ruhe. Dann ist das aber nach ein, zwei Stunden auch ­wieder vorbei. Das ist andersherum ganz genauso.

Was hat das Schlitteln mit Ihrer Freundschaft gemacht?
Arlt: Sie ist intensiver geworden. Der Tobi ist jetzt der Patenonkel meiner ­ältesten Tochter.

Wendl: Das ist nicht wie bei den Ski­fahrern, bei denen jeder seinen eigenen Trainer hat. Wir gehören mit Blut und Schweiss zusammen.

Müssen Schlittler überhaupt Freunde sein, um gemeinsam sportlichen Erfolg zu haben?
Arlt: Absolut. Wir machen das jetzt schon seit Jahrzehnten. Wir haben so viel Vertrauen zueinander aufgebaut. Ich würde mit keinem anderen mit 130 Kilometern pro Stunde durch die Eisrinne rasen.

Wendl: Der Arlti und ich sind zwei lustige Typen. Wenn da irgendein Stinkstiefel unter mir läge, würde ich Amok laufen.

Arlt: Wir haben überhaupt erst angefangen, Doppelsitzer zu fahren, weil wir ­befreundet sind. Wie sollst du mit jemandem schlitteln, mit dem du nicht klarkommst? Wie soll das funktionieren? Ich heirate auch keine Frau, die ich nicht mag.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2018, 22:33 Uhr

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