«Unser Körper ist für diese Radien nicht gemacht»

Im letzten Winter war er der beste Abfahrer. Vor dem Start in Lake Louise spricht Beat Feuz über das Vatersein, Risiko und Schmerzen.

«Was gibt es Schöneres, als sich Kindheitsträume zu erfüllen?»: Beat Feuz tut es immer wieder. Foto: Sven Thomann (Freshfocus)

«Was gibt es Schöneres, als sich Kindheitsträume zu erfüllen?»: Beat Feuz tut es immer wieder. Foto: Sven Thomann (Freshfocus)

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Enzo Ferrari sagte einst, ein Vater verliere in der Formel 1 eine Sekunde pro Runde. Wie ist das bei einem Skifahrer?
Ich hoffe nicht, dass mich das eine Sekunde kostet. Peter Fill ist zweifacher Vater: Vor dem ersten Kind hatte er keine Kristallkugel gewonnen, danach war er 2016 und 2017 der beste Abfahrer.

Seit Juni haben Sie eine Tochter, wie sehr befassen Sie sich mit dem Thema Risiko?
Ich werde nicht unnötige Risiken eingehen. Aber Skifahren ist mein Beruf, und der Kopf muss zu 100 Prozent bei der Sache sein. Es ist weniger gefährlich, wenn ich konzentriert bin, als wenn ich die ganze Zeit denke, wie gefährlich das alles doch ist.

Beschleicht Sie ein mulmiges Gefühl, wenn Sie auf einer Trainingspiste stehen, die nicht annähernd so gut gesichert ist wie eine Weltcuppiste?
In Nakiska etwa, wo im Vorjahr David Poisson starb, werde ich nie mehr trainieren. Ich war schon vorher kein Fan dieser Piste.

Haben Trainingspisten ein Sicherheitsproblem?
Natürlich sind sie weniger gut gesichert als Weltcuppisten. Wir geben zwar unser Bestes, wissen aber, dass nichts gewährleistet ist.

Das akzeptieren Sie einfach?
Das ist wohl einfach so in unserem Sport. Es gibt in Copper Mountain eine Strecke, die fast Weltcupstandards erfüllt. Dann schaue ich die letzten Tage an. Svindal: Bänderriss im Daumen. Johanna Schnarf: Schien- und Wadenbeinbruch. Elena Fanchini: Schienbeinbruch. Lindsey Vonn: Knieverletzung. Alles zugezogen in Copper Mountain.

«Unser Körper ist nicht gemacht für diese Radien, die aggressive Abstimmung.»

Wieso fordern Sie Ihren­ ­ohnehin schon geschundenen Körper noch immer heraus?
Von klein auf wusste ich, dass der Skisport ein gewisses Risiko mit sich bringt. Aber es stimmt, unser Körper ist nicht gemacht für das Material, das es mittlerweile gibt, für diese Radien, für die aggressive Abstimmung. Er ist fähig, das auszuhalten, aber nur, wenn nichts dazwischenkommt.


Video: Grosser Erfolg für Feuz

Der Schweizer gewinnt den Abfahrts-Weltcup. Video: Tamedi/SRF


Bei Ihnen ist ziemlich viel dazwischengekommen.
Ab und zu, ja. (lacht)

Sie haben eine lange Leidensgeschichte, allein Ihr linkes Knie wurde ein Dutzend Mal operiert. Was bedeutet Ihnen eine Saison wie die letzte, in der Sie der beste Abfahrer waren?
Das ist eine grosse Bestätigung, ich habe gekämpft, ich habe es probiert, und es ist aufgegangen. Ich hätte vor sechs Jahren auch aufhören können, das hätte mir keiner übelgenommen. Aber ich wollte das nicht, ich glaubte daran, dass es machbar ist.

Wie gross ist die Genugtuung?
Gross, aber nicht nur für mich, für das ganze Team, die Trainer, Physiotherapeuten, meine Freundin. Es geht nur ganz langsam vorwärts in diesem Spiel. Sechs Jahre liegt die schwere Entzündung nun zurück – und ich kann sagen: Es wird immer noch besser. Eine Saison wie die letzte oder auch das WM-Gold von St. Moritz, das sind die Dinge, die ich anders wahrnehme mit meiner Leidensgeschichte.

Weil für Sie nichts selbst­verständlich ist?
Ich sehe keinen einzigen Sieg, keinen Podestplatz als selbstverständlich an. In meiner ersten Karriere ging es immer Schritt für Schritt vorwärts. Meine zweite begann mit der Entzündung und einem bösen Abstieg. Langsam kämpfte ich mich hinauf.

Sie sagten, Sie würden immer besser. Wo sehen Sie Potenzial?
Vor allem körperlich, das Knie. Das Ziel ist, dass ich nicht am Start stehe und daran herumstudiere, sondern frei bin im Kopf.

Das sind Sie noch nicht?
Noch nicht immer.

«Klar ­verdienen wir nicht wie Fussballer, aber ich bin ganz ­zufrieden.»

Macht Ihnen Ihr Knie Sorgen?
Definitiv. Aber es ist nicht mehr so, dass ich am Morgen aufstehe und denke: Es geht gar nicht.

Das linke Knie wird nie mehr so funktionieren wie das rechte. Was können Sie tun?
Es geht um die Feinansteuerung. Ich bin davon weggekommen, Kniebeugen zu machen mit 20 kg mehr Belastung, das schadet nur. Ob ich die mit 50, 100 oder 200 kg mache, spielt keine Rolle. Wenn ich dabei zu 70 Prozent das rechte und zu 30 das linke Knie belaste, dann ist das einfach nicht gut. Ich muss mit beiden Beinen gleich drücken. Das tönt vielleicht banal, für mich ist es das nicht.

Weil Sie das linke Bein bewusst belasten müssen?
Genau, ich muss richtig übertreiben. Wenn ich das Gefühl habe, ich drücke fast nur mit demlinken Bein, dann liegt die Belastung bei 50 zu 50.

Staunen Sie manchmal über sich und Ihren Weg?
Ich staune über die Leute um mich, die mussten mich aushalten. Sagen wir es so: Ich strotzte nicht immer nur vor Optimismus. Dass meine Freundin und die Therapeuten immer an mich glaubten, beeindruckt mich. Ohne sie würde ich nicht hier sitzen.

Wären Sie an den Rückschlägen zerbrochen?
Ich wäre an allem zerbrochen. Am Schmerz, am Kopf, an den Fortschrittchen, die viel zu schleppend kamen.

Lohnten sich all die Strapazen?
Das würde ich sagen. Ich hatte als Kind den Traum, Skirennfahrer zu werden. Den habe ich verwirklicht. Ich habe einen WM-Titel gewonnen, die Abfahrtskugel, zwei Olympiamedaillen – was gibt es Schöneres, als sich Kindheitsträume zu erfüllen?

An den Olympischen Spielen erwarteten alle Gold in der Abfahrt, es wurde Bronze. Nervt Sie diese Erwartungshaltung?
Eigentlich nicht. Es gibt in jedem Rennen Favoriten, in Pyeongchang zählte ich halt dazu.

Vermissten Sie Wertschätzung?
Nun, ich war ja selber auch nicht derart glücklich über Bronze, dass ich einen Jubelschrei losgelassen hätte. Aber wenn ich jetzt zurückschaue, muss ich sagen: Ich habe zwei Medaillen nach Hause gebracht (auch Silber im Super-G), das ist noch nicht vielen Schweizer Skifahrern gelungen.

Sie werden im Februar 32. Denken Sie an die Zeit danach?
Dass meine Karriere nicht mehr zehn Jahre dauert, weiss ich. Aber ich habe mir noch keine Gedanken gemacht. Vielleicht ergibt sich nach dem Ende sofort etwas, vielleicht auch nicht.

Trotz Familie sehen Sie das ­entspannt?
Ich habe in den letzten Jahren meine Brötchen verdient. Klar verdienen wir nicht wie Fussballer, aber ich bin ganz zufrieden.

Verdienen Skifahrer genug?
Das ist Ansichtssache.

Wie ist Ihre Ansicht?
Jeder wünscht sich, mehr zu verdienen. Aber zu fordern, gleich viel zu verdienen wie ein Fussballer, wäre utopisch. Fussball wird auf der ganzen Welt gespielt, Ski gehört in die Alpenregion. Und wenn ich Sportarten sehe wie das Kunstturnen . . . Ich habe die Athleten jahrelang in Magglingen trainieren sehen. Das ist ein Knochenjob. Und die müssen schauen, dass sie nur schon irgendwie über die Runden kommen.

Ein schöner Zustupf wäre ein Sieg in Kitzbühel. Ist die Beziehung zur Streif eine Hassliebe?
Ich habe die Piste eigentlich gern.

Aber sie mag Sie nicht.
(lacht) Es hat seine Zeit gedauert, bis wir uns angefreundet haben. Die letzten zwei Jahre war ich nahe dran am Sieg, doch einmal habe ich es mit einem Sturz vermasselt, das andere Mal war einer (Thomas Dressen) schneller. Vielleicht klappt es irgendwann. Wenn nicht, habe ich es probiert.

War die Vorbereitung auf die Saison als Vater eine andere?
Ich habe mich etwas rausgenommen, habe zwei Wochen aufs Training verzichtet, einmal mehr eine Pause gemacht.

Wo stehen Sie verglichen zum Vorjahr?
Schwierig. Vor einem Jahr hätte ich auch nicht geglaubt, dass ich so gut drauf bin, wie ich es war. Jedenfalls hatte ich intern zu beissen, ich hatte nicht jeden im Griff.

An wen denken Sie?
An Mauro (Caviezel) oder den jungen Odermatt. Der gibt richtig Gas im Training. Da müssen wir Alten auch wieder an die Säcke, damit wir mithalten können.

Das Team verlor mit Gian Luca Barandun ein anderes Talent durch einen Gleitschirmabsturz. Wie gehen Sie damit um?
Das ist tragisch. Das geht jedem Athleten nahe. Aber so schwierig es ist: Wenn wir Rennen fahren, müssen wir uns auf uns konzentrieren, es muss weitergehen, auch wenn wir an ihn denken.

Viele Abfahrer suchen den Kick neben der Piste. Sie auch?
Ich spiele Golf und Tennis, ich bekomme höchstens einen Ball an den Grind.

Erstellt: 23.11.2018, 08:40 Uhr

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