«... die Einzige, die durch die Hölle geht»

Lara Gut spricht im Interview über Rivalin Lindsey Vonn und sagt, wieso sie ihr Leben manchmal als Hölle empfand.

«Das Wichtigste ist, dass man dankbar ist für das eigene Leben»: Lara Gut fast ein wenig philosophisch. Foto: Hans Osterauer (Gepa)

«Das Wichtigste ist, dass man dankbar ist für das eigene Leben»: Lara Gut fast ein wenig philosophisch. Foto: Hans Osterauer (Gepa)

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Zum Auftakt in Sölden setzten Sie sich selber stark unter Druck, kämpften bis kurz vor dem Start gegen Ihren Kopf und gewannen den Riesenslalom überlegen. ­Können Sie Ihren Kopf beherrschen?
Das in Sölden hat mir wieder bewiesen, dass man nie an einem Ziel angekommen ist, dass das Leben aus täglichen Lernprozessen besteht. Gedanken dieser Art hatte ich zum ersten Mal. Ich war auch zum ersten Mal als Topfavoritin nach Sölden gereist – zumindest bezeichneten mich alle so. Plötzlich spielte dann der Kopf nicht mehr mit. Zum Glück habe ich ein Team um mich herum, das mir half, mich zu finden. Das Wichtigste ist, was zwischen Start und Ziel passiert, und da war ich wieder ich selbst.

Sie scheinen auch mit Niederlagen wie zuletzt dem Ausfall in Killington besser umgehen zu können als früher. Täuscht dieser Eindruck?
Wenn ich versuche, schnell statt sicher zu fahren, bin ich näher an einem Ausfall, deshalb ist das Teil des Spiels. Gewinne ich, bekomme ich 100 Punkte, scheide ich aus, null. Man muss das aber auf den ganzen Winter sehen und deshalb relativieren. Klar macht es nie Spass, auszuscheiden. Aber ich bin gesund, habe mir bei diesen schwierigen Verhältnissen nicht das Knie verdreht. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich am nächsten Tag wieder aufstehen und versuchen konnte, es besser zu machen.

Haben Sie sich diesen Blick fürs Positive mental erarbeitet?
Nein, damit bin ich aufgewachsen. Meine Eltern haben mir von klein auf beigebracht, dass man nicht auf Negatives, sondern nur auf Positives bauen kann. Vielleicht kann ich es jetzt einfach besser erklären als früher.

Sie fühlten sich oft missverstanden. War das so, weil Sie sich eben nicht so gut erklären konnten?
Am Anfang meiner Karriere war vieles neu für mich. Die Interviews, überhaupt der Umgang mit den Medien, gerade auch in den Niederlagen. Dass ich diese erklären musste und das dann wieder Einfluss darauf hatte, welcher Eindruck über mich in der Öffentlichkeit entsteht, war neu für mich. Mittlerweile weiss ich, was es bedeutet, wenn ich etwas sage.

Sich in Momenten der Niederlage den Medien zu stellen, fällt Ihnen aber noch immer schwer.
Es ist noch immer nicht einfach. Wenn ich enttäuscht bin, würde ich am liebsten in Ruhe gelassen werden. Auf der anderen Seite gehört das zum Job einer Athletin. Medien erwarten Antworten. Das ist gut, davon leben wir auch, aber ich musste lernen, damit umzugehen. Ich bin mich das nun mehr gewohnt.

Was haben Sie falsch gemacht, dass Sie missverstanden wurden?
Ich rede viele Sprachen, bin neugierig, sauge viel auf. Es ist auch wichtig, dass eine Athletin eine eigene Meinung hat und nicht nur Ja oder Nein sagt. Aber ich habe Deutsch erst mit 14 Jahren gelernt, es ist noch immer eine Fremdsprache für mich. Man hat mein Deutsch am Anfang überschätzt. Ich merke noch jetzt, dass ich im Italienischen viel mehr auf die Feinheiten achten kann. Was mir früher zudem nicht bewusst war: Ich kann ein ganz gutes Interview geben, in dem aber zwei Sätze nicht richtig sind, auf die ich nicht so geachtet habe. Und diese lassen dann ein ganz falsches Bild von mir entstehen.

Wie war das für Sie?
Ich habe viel geredet, irgendwann aber fühlte ich mich unter Druck. In dieser Zeit habe ich mich selber etwas verloren. Ich hatte das Gefühl, dass ich das nicht für mich und ohnehin alles falsch mache. Wieso sollte ich weiterreden, wenn ich sowieso immer alles falsch mache? Ich wusste zeitweise nicht mehr, wie weiter. Nun fühle ich mich viel besser und auch viel mehr mich selber, weil ich weiss, was ich will. Was ich bereit bin, mitzumachen, und wo ich sage: Das geht überhaupt nicht! Es war ein langer Lernprozess, ich durchlebte schwierige Zeiten, in denen ich aber auch reifer wurde. Ich wünschte, ich hätte mir das sparen und ohne diese ganzen Miss­geschicke reif werden können.

Hätten Sie lieber einen sanfteren Einstieg gehabt, als mit Rang 3 in der Abfahrt von St. Moritz 2008 gleich ins Scheinwerferlicht zu fahren?
Nein, weil alles Teile meiner Karriere sind. Es gab gute und schlechte Momente. Wichtig ist aber, dass man dankbar ist für das eigene Leben. Ich würde trotz allem nichts in der Vergangenheit ändern wollen, weil ich nicht weiss, wie es sonst herausgekommen wäre. Ich habe unglaubliche Leute um mich herum, mit denen ich schon so viel erleben durfte. Ich bin 25 und bin glücklich, dass ich schon so viel gelernt und gesehen habe.

Sie wurden damals in St. Moritz mit 16 Jahren ins kalte Wasser geworfen. Wann verstanden Sie, dass Sie plötzlich ein Teil der Öffentlichkeit sind?
Es war damals nicht allen klar, dass ich erst 16 bin. Eltern, die Kinder in diesem Alter haben, sollen sich fragen: Wenn meine Kinder so in der Öffentlichkeit stehen würden, hätten diese dann immer die richtige Antwort parat? Ich glaube, dieses Verständnis hat ab und zu gefehlt. Vielleicht hätte ich auch lauter schreien müssen: Ich bin ein Teenager, also behandelt mich auch wie einen Teenager! Mit dieser Ausrede wäre es mir wohl leichter ergangen, als zu versuchen, direkt in der Erwachsenenwelt anzukommen.

Helfen Sie jungen Athletinnen, sich darauf vorzubereiten?
Ich kann beschreiben, wie es ist, und versuchen, zu helfen. Aber eine Athletin muss das selber erleben. Die Einzigen, die wirklich verstehen, wie sich diese ­Situationen anfühlen, sind Athletinnen, die das durchgemacht haben. Etwa Anna (Veith, ehemals Fenninger). Jemand anderem zu erklären, wie das ist, ist schwierig. Manche können sich nicht vorstellen, wie leer wir uns im Ziel fühlen, wenn die Fahrt nicht gut war. Wir müssen dann der Presse zwar nur fünf Minuten zur Verfügung stehen, aber diese fünf Minuten rauben brutal viel Energie.

Wer hat Ihnen am Anfang geholfen?
Ich konnte auf erfahrene Athleten zählen, auf Bode Miller, Renate Götschl oder María José Rienda Contreras. Wenn eine junge Fahrerin zu uns stösst, sage ich deshalb: Du kannst immer zu mir kommen, vielleicht habe ich schon Ähnliches erlebt wie du und kann dir Tipps geben. Es ist wichtig, dass eine junge Athletin nicht das Gefühl hat, alles falsch zu machen und allein zu sein.

Bei Ihnen war das so?
Ich fühlte mich nicht verstanden und glaubte, ich sei die Einzige, die durch die Hölle geht. Dabei geht es allen so. Wenn ich jungen Athletinnen sagen kann: Ihr seid nicht alleine, und es ist nicht falsch, was euch durch den Kopf geht, dann ist vieles einfacher.

Nun haben Sie auch die Möglichkeit, Ihr Bild in der Öffentlichkeit dank sozialer Medien selber zu beeinflussen. Wie wichtig ist das für Sie?
Das ist spannend und interessant. Es ist eine neue Möglichkeit, bezüglich Marketing und Sponsoring etwas zu bewirken. Ich bin jetzt auch im Sommer präsent, kann mit meinen Fans kommunizieren, Geschichten erzählen und schreiben, was mich bewegt. Das Schöne als Sportlerin ist, dass ich Menschen verbinden und Emotionen transportieren kann. Wenn ich sehe, dass Kinder Freude an dem haben, was wir machen, und so zum Sport finden, dann motiviert mich das.

Sind Sie sich immer bewusst, was Geschichten und Bilder auslösen können?
Die sozialen Medien sind immer für eine Überraschung gut. Auf Facebook habe ich eine halbe Million Fans. Wenn ich ein Bild veröffentliche, das ich nicht sonderlich speziell finde, und dann wird das zwei Millionen Mal angeklickt, ist das unglaublich. Es ist eine neue Welt, und wir wissen noch nicht genau, wie wir sie steuern können oder was alles möglich ist. Seit kurzem arbeite ich mit Leuten zusammen, die mir helfen, mich in ­Sachen Marketing und Kommunikation weiterzuentwickeln. Die sozialen Medien sind sehr stark, aber es ist auch wichtig, dass man sie richtig nutzt.

Sie haben relativ freizügige Bilder ins Netz gestellt. Besteht die Gefahr, dass Sie sich in ein falsches Licht rücken?
Na ja, ich finde es ja lustig: Es gibt Leute, die sagen, ich würde mich oft freizügig zeigen. Dabei hat man mich einmal in einem Bikini gesehen. Ich verstehe nicht, wieso ich am Meer Skihosen ­tragen sollte. Mir ist einfach wichtig, zu zeigen, was ich liebe und was ich mache, und dass das positiv rüberkommt.

Lindsey Vonn etwa sorgt mit freizügigen Bildern von sich für Schlagzeilen. Ist das der richtige Weg?
Wenn wir Athletinnen Schlagzeilen wollen, können wir diese provozieren. Das können wir auch in Interviews tun.

Vonns Weg ist aber nicht Ihrer.
Jede muss ihr eigenes Bild zeichnen. Es muss auch zum Athleten passen. Ich bin ich, Lindsey ist Lindsey. Wir sind ­verschieden: Ich bin Schweizerin, sie Amerikanerin. Ich bin mitten in meiner Karriere, sie hat schon viel erreicht. Deshalb ist es normal, dass wir uns in den ­sozialen Medien anders präsentieren.

Vonn ist eine Rivalin, Anna Veith, die Sie zuvor erwähnten, dagegen eine Freundin. Wie wichtig ist es, im Skizirkus Freundschaften zu haben?
Wir Skifahrerinnen bilden alle eine kleine Familie. Es ist cool, wenn es Athletinnen hat, mit denen ich mehr besprechen kann als nur, wie mein Tag war oder wie es auf der Piste lief. Ich habe das Glück, mit Viki (Viktoria Rebensburg), Anna oder auch Teamkolleginnen solche Personen zu haben. Klar denkt am Start jede nur an sich, aber im Ziel kann ich mich auch für andere freuen. Es ist überhaupt kein zickiger Zirkus, als den man ihn oft und gerne bezeichnet.

Reden Sie mit Anna Veith über Ihren ähnlichen Werdegang und darüber, wie Sie damit umgehen?
Nein, wir wissen ja, welche Schwierigkeiten wir hatten. Deshalb müssen wir nicht darüber reden. Im Gegensatz zu vielen versteht eine Athletin zum Beispiel auch, wieso man über einen dritten Rang weinen kann.

Sie meinen Olympia in Sotschi, wo Dominique Gisin die Abfahrt gewann und Sie Dritte wurden. Sie weinten und sorgten für Unverständnis.
Dieser Tag war der härteste in meiner ganzen Karriere. Ich wusste, dass ich Gold hätte holen können, schaffte es aber nicht. Deshalb war ich wütend auf mich und derart mit mir beschäftigt, dass ich mich nicht sofort für Dominique freuen konnte. Es kam so rüber, als würde ich weinen, weil jemand anders gewonnen hatte, aber das war überhaupt nicht so. Ich nerve mich nicht darüber, wenn jemand schneller ist, sondern ­darüber, dass ich selber nicht schneller war.

Wie kommt es zu einem solchen Ausbruch im Zielraum?
Nach einem Rennen sind die Beine leer, weil ich die ganzen Emotionen in diesen Lauf rein­gesteckt habe, alles, was ich habe, alles, was mein Körper hergibt. Ich bin während des Rennens in meiner eigenen Welt, träume fast, es ist wunderschön. Ich finde es auch herrlich, ­anderen ­zuzuschauen, denen ein guter Lauf ­gelingt.

Mit wem freuen Sie sich am meisten?
(lacht) Das kommt drauf an. Auf jeden Fall wird mir immer klarer, dass wir viel Respekt voreinander haben müssen. Es ist nicht einfach, Skirennfahrerin zu sein. Nehmen wir eine Lindsey: Sie ­gewann 76 Rennen, war an 76 Tagen die Beste. Und die restlichen Tage ist sie wie wir alle nur am Kämpfen. Aber gerade deshalb respektiere ich die Leistung ­jeder Athletin, ich bewundere jede, die diesen Job macht.

Fühlen Sie sich auch mit den Schweizerinnen mehr verbunden als auch schon?
Ja sicher. Wir haben ein cooles Team, es funktioniert gut, und wir können die ­Synergien super nutzen. Es wurde in letzter Zeit immer besser, etwa dank Hans Flatscher (Frauencheftrainer) oder dem Vorstand des Verbandes. Man sieht ja auch bei den Resultaten des Schweizer Teams, dass es vorwärtsgeht.

Sie trainieren oft mit dem Schweizer Team, Ihr Vater und Trainer Pauli Gut ist auf Mandatsbasis beim Verband angestellt. Wie wichtig ist es für Sie, dass die Querelen mit Swiss-Ski der Vergangenheit angehören?
Ich sage es so: Es gibt schon genug Gegnerinnen in anderen Teams. Wenn man dann noch mit dem eigenen Verband kämpfen muss, statt sich gegenseitig zu unterstützen, verliert man nur Energie. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.11.2016, 22:53 Uhr

Lara Gut

Der Start mit dem Sturz

Lara Gut ist 16-jährig, als sie am 2. Februar 2008 in St. Moritz in ihrem fünften Weltcuprennen ins Scheinwerferlicht fährt. Sie wird trotz eines Sturzes kurz vor dem Ziel ­Abfahrtsdritte. 10 Monate später feiert sie in St. Moritz im Super-G ihren ersten von ­
19 Weltcupsiegen. Sie ist die jüngste Siegerin in dieser Disziplin, in der sie in den Saisons 2013/14 und 2015/16 auch die kleine Kristallkugel gewinnt. Die Krönung des letzten Winters ist aber der Gewinn des Gesamtweltcups – als erste Schweizerin seit Vreni Schneider 1995. An Grossanlässen wartet die 25-jährige Tessinerin noch auf den grossen Erfolg. Drei Silber- und eine Bronzemedaille hat sie an WM sowie Bronze in der Olympiaabfahrt von Sotschi gewonnen. Gut wird nach wie vor von ihrem Vater Pauli trainiert. (rha)

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