«Ich wusste: Es könnte auch mich erwischen»

Didier Cuche ist Rekordsieger in Kitzbühel. Der 44-Jährige schaut zurück auf seine Karriere und sagt, wie er schwere Unfälle von Kollegen verarbeitete.

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Wie sähe es aus, wenn Sie heute die Streif ­hinunterfahren würden?
Nicht mehr gleich wie vor sieben Jahren. (lacht) Ich mache Sport: Mountainbike, Langlauf, Ski. Aber die Kraft in den Beinen ist weit weg von dem, was es brauchte für diesen Sport. Der Kopf wüsste ganz genau, wo ich durchfahren müsste, der Körper aber würde den Stress, den Druck, die Kräfte nicht mehr aushalten.

Sie sind hier Rekordsieger: Juckt es Sie noch in den Füssen?
Nein, weil ich weiss, was es alles braucht, um eine solche Aufgabe zu meistern. Es braucht schon viel, um am Start zu stehen. Um Spass zu haben und nicht in die Gefahrenzone zu kommen, noch mehr. Ich muss auch den Adrenalinkick nicht mehr haben.

Suchen Sie diesen woanders?
Ich frage mich, ob ich den überhaupt je brauchte. Dennoch habe ich dieses Gefühl etwas kompensiert, als ich 2012 meinen Rücktritt gab und danach die Lizenz zum Autorennfahrer machte, auf dem Nürburgring mit einem Sportwagen fuhr. Es war das, was ich damals brauchte.

Sie betrieben fast Ihr ganzes Leben lang einen riesigen Aufwand für jeweils zwei ­Minuten auf der Piste. Hat sich das gelohnt?
Die zwei Minuten, egal, ob ich Fehler machte oder einen perfekten Lauf zeigte, machten Spass – ausser, wenn ich ans Limit kam oder stürzte. Der grosse Aufwand kam erst nach der Ziellinie. War ich schnell, dauerte der Tag ewig. 

«Beat Feuz ­verschmilzt mit Schnee und Berg, er fährt so sanft und nützt das Gelände.»

Weil die Pressetermine folgten: Mochten Sie das Rampenlicht?
Ich hätte es schon gerne gehabt. Das Problem ist, dass die Journalisten und das Volk nicht immer sahen, was realistisch ist. Sie wollten einen Schweizer Erfolg. Dass es dem einzelnen Athleten gerade nicht so gut läuft und er einen super Tag braucht, um nur schon in die Top 15 zu kommen, sahen sie nicht. Dann wird man Zwölfter, was in dem Moment gut ist, und wird auseinandergenommen. Das mochte ich nicht, das machte ich nicht gerne mit.

Fühlten Sie sich ungerecht behandelt?
Manchmal schon. Gerade, wenn es über das Sportliche hinaus und ins Menschliche ging. Für das Spiel mit den Medien braucht es Routine. Irgendwann wusste ich: Durch diese Mühle musste ich gehen, das ist der Preis, den ich bezahle. Das Publikum macht sich seine Meinung über die Medien. Wenn das Bild nicht dem entsprach, wie ich bin, dann war das hart. Ich konnte es nur verbessern, indem ich Erfolg hatte.

War es für Sie eine Genugtuung, als Sie gegen Ende Ihrer Karriere richtig durchstarteten?
Das nicht, ich bin ja der gleiche Mensch geblieben. Aber für gewisse Medien machte es halt einen riesigen Unterschied, ob ich erfolgreich war oder nicht.

2011 gelang Ihnen die so­genannte perfekte Fahrt auf der Streif. Schauen Sie sich diese noch an?
Manchmal. Die Fahrt, die mich am stolzesten macht, gelang mir aber 2012 im Abschlusstraining. Das Wetter war wunderschön, ich hatte einen super Lauf, Bestzeit. Es war das letzte Mal, dass ich die Originalstrecke fuhr, das Rennen war dann ja verkürzt – auch das gewann ich.

«Ich will nicht stürzen, nicht sterben. Drehen sich die Gedanken darum, darf ich nicht starten.»

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie sich so fahren sehen?
Ich weiss noch jeden Meter, jede Sekunde, was ablief, ich kann das noch immer spüren.

Was dachten Sie während des Rennens?
Ich hatte keine Zeit zu denken. Der Kopf überlegt nur, was als Nächstes kommt, der Fokus ist voll auf das Skifahren gerichtet, auf den nächsten Meter.

Hätten Sie es nicht lieber im Moment genossen?
Das sind ja nur zwei Minuten, echt verrückt. Man muss sich das einmal vorstellen: Ein Athlet, der Abfahrt, Super-G und Riesenslalom fährt wie ich damals, der kommt vielleicht auf 50 Minuten Fahrzeit im ganzen Winter. Alles hängt von diesen 50 Minuten ab. Ein Tennisspieler kann in einem Match 2 Stunden und 20 Minuten schlecht spielen und 2 Stunden und 40 Minuten gut – und er gewinnt. Ein Skifahrer betreibt den gleichen Trainingsaufwand, hat im Wettkampf aber kaum Chancen, Fehler gutzumachen.

Und er hat keine direkten Gegner. Macht es das schwierig?
Er sucht die Ideallinie, die Bewegung, versucht mit den Elementen eins zu werden. Das gelingt etwa Beat Feuz optimal, er verschmilzt mit Schnee und Berg, er fährt so sanft, nützt das Gelände, nützt die Kurven, er kämpft nicht gegen den Berg, sondern fährt mit ihm. Das ist eine feine Nuance, die entscheidet, ob einer ein Sieger ist oder nicht.

Erinnert Sie sein Fahrstil an Sie?
Insofern, als er auch extrem stabil und kontrolliert fährt, man nie das Gefühl hat, er sei am ­Limit oder darüber.

Fühlt man sich in diesem Zustand unverwundbar?
Nein. Ein Siegfahrer riskiert genau gleich viel wie die anderen, nur sieht man das nicht. Es ist eine stete Gratwanderung, bei der es auf die eine oder andere Seite kippen kann: Sturz oder Sieg.

Wie nahe an dieser Grenze bewegten Sie sich?
Ich weiss nicht, wie oft ich an diese Grenze kam bei meinen Siegen in Kitzbühel. War ich nahe an einem Sturz? Hatte ich noch Marge? Es ist eigentlich nicht möglich, dass ich mich immer bei 100 Prozent Risiko bewegte, sonst hätte es mich auch einmal hingeschmissen.

Sie haben viele Stürze von Kollegen miterlebt. Welches war der prägendste?
Daniel Albrecht, Hans Grugger, Scott Macartney, alle auf der Streif. Und ich wusste: Es könnte auch mich erwischen.

Wie gingen Sie damit um?
Dadurch, dass mir das bewusst war, schützte ich mich automatisch: Ich übertrieb es nicht, ging nicht zu weit. Aber solange man nicht stürzt, weiss man auch nicht, wo die Grenze liegt. Ich hatte meinen schlimmsten Sturz zum Glück in jungen Jahren, mit 19, damals brach der Oberschenkel. So etwas gehört zum Lernprozess dazu, mit der Zeit füllt sich der Rucksack an Erfahrungen. Deshalb war ich im letzten Fünftel meiner Karriere auch so erfolgreich: Ich kannte den Erfolg, den Misserfolg, Verletzungen, Stürze. Ich lernte, wie ich mit mir umgehen muss, wie ich ticke.

Wenn Sie Stürze sahen wie von Albrecht oder Silvano Beltrametti, dem Sie nahestanden: Stellten Sie sich die Sinnfrage?
Der Schutzmechanismus machte, dass ich das nur halbwegs wahrgenommen habe. Sowieso dachte ich: Mir passiert das nicht. Als David Poisson 2017 beim ­Abfahrtstraining tödlich verunglückte, fragte ich mich, wie ich reagiert hätte, wäre ich noch aktiv gewesen. Es gibt Aufkleber mit einem Herzen und seinen Initialen DP, die Rennfahrer auf ihren Helmen tragen. Ich hätte wohl den Angehörigen erklären müssen, dass ich ihre Situation zwar respektiere und dass es mir unendlich leidtut für sie – ich war auch an seiner Beerdigung, das hat mich mitgenommen. Aber den Aufkleber hätte ich nicht auf meinem Helm haben wollen.

Weshalb nicht?
Ich hätte nicht gewollt, dass ein solch schlimmes Ereignis mitfährt mit mir. Es ist ja genau das, was ich nicht will. Ich will nicht stürzen, nicht sterben. Wenn sich die Gedanken darum drehen, darf ein Skirennfahrer nicht an den Start gehen.

Ein Aufkleber als Hemmer?
Ein Sportler macht alles, um so etwas auszublenden. Ich sah mich nie stürzen, nie Misserfolg haben, ich drehte immer alles ins Positive, versuchte alles, damit ich Erfolg hatte. Beltrametti, ­Albrecht, Grugger, Macartney: Alle haben die Karriere beendet oder sind gar gelähmt. Hätte ich das nicht ausblenden können, hätte ich aufhören oder mich mit Platzierungen um Rang 30 zufriedengeben müssen.

Aber Sie wussten um das Risiko. Wieso nahmen Sie es auf sich?
Die Erlösung im Ziel, das Gefühl, die Aufgabe gemeistert zu haben, so gut, dass es zum Sieg reichte, den hohen Stresspegel durchgehalten zu haben, das ist herrlich.

Emotionen dieser Art werden Sie in Ihrem Leben wohl nie mehr haben. Fehlt Ihnen das?
Solche Momente waren extrem schön. Ich fühlte mich wie ein Sänger, der auf der Bühne steht und vom Publikum bejubelt wird. Das Lauberhorn, die Streif, das waren meine Bühnen, auf denen ich mich zwei Minuten präsentieren konnte. Leider merkte ich das erst nach der Karriere: dass das Skifahren eine Show ist. Das war mir nicht bewusst, als ich drin war in dieser Skiblase. Ich legte mich so sehr ins Zeug, dass ich kaum Abstand gewinnen konnte. Ich konnte nicht sagen: Ich darf für zwei Minuten Akteur sein, mache eine Show und schaue, wie das Publikum reagiert.

Sie waren 2012 in Hochform, als Sie Ihren Rücktritt gaben. Haben Sie das je bereut?
Nie. Weil mein Bauch den Moment bestimmte.

Wie kam das?
Es war in Wengen, ich hätte erstmals am Lauberhorn gewinnen können, wurde aber nur 15., weil ich viele Fehler gemacht hatte. Ich war enttäuscht und traurig, spürte aber: Das war gar nicht wegen der verpassten Chance. Ich wusste schlicht: Das war das letzte Mal, dass ich hier fuhr. Dieses Gefühl hätte ich lieber schon am Start gehabt, dann hätte ich das Panorama und die Atmosphäre noch aufsaugen können.

Welche Gedanken hatten Sie?
Ich fragte mich: Muss ich das noch haben? Das Reisen, immer wieder die Koffer packen, Woche für Woche, nach Hause kommen, waschen, wieder packen? Ich war 38, die Stürze, das Risiko gaben mir zu denken. Ich sah, wie schnell es kippen kann, wie wenig es braucht für einen Fehler, der das Saisonende bedeuten kann, das Karriereende – oder Schlimmeres. Der Bauch sagte: Nein. Es war einfach für mich, zu sagen: Es ist fertig. Ich trat ja nicht aus Mangel an Erfolg zurück oder wegen einer Verletzung, sondern weil es für mich der richtige Zeitpunkt war. Ich schaue mit einer gesunden Wehmut zurück auf meine Karriere.

Hatten Sie Angst vor der Zeit danach?
Während der Karriere nicht, da befand ich mich in einem Zug, der fuhr und fuhr, bis irgendwann die Haltestelle kam, an der ich ausstieg. So ist es am schönsten: wenn dir irgendwann bewusst wird, es ist gut, ich habs gesehen. Ich habe bis heute keine Träne zurückhalten müssen, weil ich zurückgetreten bin. Und ich hatte das Glück, dass ich erst mit meinem Bruder und später mit einem anderen Manager immer jemanden an meiner Seite hatte, der schon einiges organisiert hatte während meiner Karriere. Ich stand nicht da und wusste nicht, was ich morgen machen sollte.

Fehlte Ihnen nicht der Halt?
Natürlich musste ich meinen Platz in der Gesellschaft neu finden – aber ich habe zum Glück viele Angebote erhalten. Ich war davor in einem Rhythmus drin, wusste von Montag bis Sonntag, was ich zu tun hatte, was ich essen muss, wie viel ich schlafe, was ich trainiere. Als ich aufhörte, fehlte nicht der Halt, sondern ich spürte eine Erleichterung.

Früher fanden Sie die ­Befriedigung im Sport, wo finden Sie sie heute?
Wenn ich im Beruf das Gefühl habe, etwas bewirkt zu haben. Und natürlich in der Familie.

Sie sind jüngst zum zweiten Mal Vater geworden. Das ­bedeutet auch Verantwortung.
Bevor ich eine Familie hatte, wäre es – hart gesagt – so gewesen: Wäre ich von heute auf morgen gestorben, hätte meine Familie gelitten, die Eltern, meine Brüder, Freunde. Aber wenn ich jetzt sterben würde . . . Bei dem Gedanken läuft es mir kalt den Rücken herunter. Ich habe eine grosse Verantwortung. Ein neugeborenes Kind überlebt nicht, ist kein Vater oder keine Mutter da, die es umsorgen. Das macht Druck, aber einen gesunden Druck. Kinder zu haben, macht mich fröhlich und befriedigt mich.

Gehen Sie nun dem Risiko bewusst aus dem Weg, während Sie es früher suchten?
Ich habe das Risiko nie gesucht, sondern immer versucht, es zu minimieren. Das ist auch das Absurde, wenn ich zurückdenke: Ich war als Kind nie der, der die krassesten und höchsten Sprünge machte. Ich war immer ein Kontrollfreak.

Sie sind auch dank Ihrer ­Erfolge in Kitzbühel vermögend geworden. Wie wichtig war Ihnen das?
Es war eine angenehme Begleiterscheinung. Ich hatte als Kind nie den Wunsch, einmal Champion zu sein oder reich zu werden mit dem Skifahren. Diejenigen, die es nur deshalb tun, haben es schwer. Aber das heisst nicht, dass ich deswegen extra schlechte Verträge ausgehandelt hätte. Ich habe mich mit meinen Erfolgen zwar in eine schöne Situation gebracht, die mir auch nach der Karriere half, weil ich nicht gleich gezwungen war, wieder Geld zu verdienen. Der Antrieb aber war das nie.

Sie sind in relativ bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen. Wie gingen Sie damit um, plötzlich Millionär zu sein?
Meine Eltern haben richtig gebügelt, eine Beiz gehabt, Papa führte noch einen Bauernhof. Sie haben mir und meinen zwei Brüdern eine gute Basis und die richtigen Werte mit auf den Weg gegeben, damit ich damit umgehen konnte.

Erstellt: 25.01.2019, 23:27 Uhr

Didier Cuche, König der Streif

Didier Cuche sagt, er hätte auch ohne die fünf Abfahrtssiege in Kitzbühel (1998, 2008, 2010, 2011, 2012) und den Sieg im Super-G (2010) eine ordentliche Karriere gehabt. Ja, er hätte auch dann 15 Weltcupsiege gefeiert, vier WM- und eine Olympiamedaille gewonnen. Nur machte die Streif den Neuenburger zu einer Legende. Heute engagiert sich Cuche im Ski-Nachwuchsbereich im Jura, begleitet für Firmen Kunden auf Skipisten, ist in einer Marketingfirma tätig, für die Stiftung Passion Schneesport und die Sporthilfe.

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