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«Ich will Applaus»

Bernhard Russi (68) gibt in einem Film viel Intimes preis und spricht über sein Leben in der Öffentlichkeit.

«Vielleicht wird man sogar stärker in der Melancholie»: Bernhard Russi. Foto: Urs Jaudas
«Vielleicht wird man sogar stärker in der Melancholie»: Bernhard Russi. Foto: Urs Jaudas

«Hey Jean-Claude!», ruft Bernhard Russi. Im Gang steht der französische Ex-Rennfahrer Killy, und der ruft zurück: «Ich habe Wengen gefunden!» Killy erzählt lachend, wie man ihn unten in Lauterbrunnen erst nicht habe parkieren lassen. «Dann habe ich gesagt ‹Rüssi› – und sie haben mich reingewinkt. Ich schwöre es! Auf den Kopf meiner Katze!» Im ­Hotelrestaurant sitzt Franz Klammer. Die Granden sind nach Wengen gereist, um der Premiere des Dokumentarfilms «Bernhard Russi – Von hohen Gipfeln und dunklen Tälern» (SRF 1, heute 20.05 Uhr) im Kino beizuwohnen. Russi zeigt darin eine unbekannte Seite von sich, spricht über die vielen Schicksalsschläge, die seine Familie ereilt haben: den frühen Tod seines Vaters, eines seiner Brüder, seiner ersten Ehefrau und über die ­behinderte Schwester.

Sind Sie Kopf- oder Bauchmensch?

Bauch.

Da wird auch der Rennfahrer in Ihnen durchdrücken.

Es muss so sein. Mit dem Kopf schaffst du es bis in die Top 10. Aber Olympiasieger wirst du so nicht. Ich versuche nicht, allem 100 Prozent auf den Grund zu ­gehen, immer wieder. Irgendwann sage ich: «Jetzt musst du es machen.»

Wie entstand der Dokumentarfilm?

Der Film war erst eine Idee, dann eine ­Anfrage. Ich sagte: eher nicht. Ich stellte mir unter der Dok eine Aneinanderreihung aus meiner Biografie vor. Ich glaubte, zu wissen, dass das Publikum das alles schon x-mal gesehen und gehört hat. Trotzdem trafen Autor Michael Bühler und ich uns immer wieder. Wir hatten uns bei einem früheren ­Projekt kennen gelernt. Und klar, da kommt man automatisch, je mehr ­Vertrauen man hat, auf die Familie, das private ­Leben zu sprechen. Und plötzlich ­ertappst du dich ­dabei, dass du Dinge ­erzählst, die du noch niemandem zuvor erzählt hast. Es war ja nie ein Interview wie dieses hier. Es entstand ­etwas, und irgendwann sagte ich: Ja, ich bin zu dem ­Projekt ­bereit, mit allen ­Konsequenzen.

Bei der Vorführung des Films war schon nach einer Minute ein grosses Fragezeichen in meinem Kopf: Warum macht er das? Ich habe noch selten erlebt, dass sich eine öffentliche Person derart entblösst.

Es gibt mehrere Gründe dafür. Weil ich gefragt wurde. Zuvor hatte mich noch nie jemand zu diesen Themen befragt. Ich kam in einer Zeit auf die Bühne, als der Boulevardjournalismus noch nicht derart brutal auf jedes Detail abfuhr. In Kitzbühel 1975 wussten die Journalisten, dass mein Vater schwer krank im Spital lag. Vielleicht auch aus Zurückhaltung schrieb niemand etwas.

Man war damals noch viel mehr eine Bande.

Möglich, ja. Man schützte einander. Es gab noch keine Social Media, wo jeder «Hennenschiss» rausgeht. Doch zurück zum Warum. Ein weiterer Grund für den Film war: Ich konnte über vieles erstmals öffentlich reden. In gewissen ­Momenten schüttelte es mich da durch. Aber es tat auch gut (atmet laut aus). Nicht, dass mich das stets belastet hätte. Aber im Unterbewusstsein waren die Geschichten halt doch präsent.

Was bringt die Dok dem Zuschauer – abgesehen von voyeuristischen Einblicken in Ihr Leben?

Der Film hat seinen Zweck erfüllt, wenn er zwei Dinge erreicht: wenn der ­Zuschauer am Schluss vergessen hat, um wen es darin ging – und stattdessen sich selber gesehen hat. Jeder von uns, egal wie gut es ihm geht, erlebt irgendwo mal ein Schicksal, eine Baisse. Der zweite Grund: Ich glaube, dass das Leben aus Gipfeln und Tälern besteht. In beiden Extremen darf man das andere nicht vergessen. Dass man ganz unten den Sonnenschein von gestern wieder hervorholt, sich daran aufrichtet, stark macht. Und oben nicht vergisst, dass es nicht immer so sein wird.

«Man sagt, ich sei ein Sonnyboy», sagen Sie am Anfang des Films.

Man betritt die Bühne – und kriegt ein Image. Das entsteht aus zwei Komponenten: aus dem Talent, das man mitbringt. Und aus dem, was der Markt im Moment gerade braucht. Braucht es auf der Bühne einen Bösen oder einen Guten?

Wie sehr ist der öffentliche Bernhard Russi deckungsgleich mit dem, der Sie privat sind?

Er muss ja so sein, wie er in der Öffentlichkeit ist. Ich wäre ein schlechter Schauspieler.

Sie sind es also zu 100 Prozent?

Ja. Oder vielleicht zu 99. Ich habe relativ schnell erkannt, dass es ein Wechselspiel ist mit der Öffentlichkeit. Ich gehe auf die Bühne, weil ich Applaus will. Das ist bei jedem Schauspieler, Sänger – und auch Sportler so. Jeder will Applaus. Vielleicht nur von den eigenen Leuten – oder auch von der Masse. Dass da die Medien eine wichtige Rolle ­spielen, checkte ich relativ schnell. Also gebe ich. Nicht alles, aber doch möglichst viel. Dann erhalte ich auch möglichst viel – und kann im entscheidenden Moment sagen: jetzt nicht.

Sie hatten stets eine Nähe zum Boulevard, konkret zum «Blick».

Aber das hatte mit dem nichts zu tun.

War da nie der Gedanke, die eigene Geschichte kontrollieren zu wollen, dass gewisse Dinge aus Ihrem Privatleben nicht öffentlich werden sollten?

Nein. Der «Blick» weiss von mir genau gleich viel wie jeder andere Verlag auch. Ich habe kein Facebook, nichts. Ich veröffentliche von mir nichts. Wenn jemand etwas vernimmt und mich fragt, erhält er eine Antwort. Klipp und klar. Ich würde nie jemandem eine Antwort verweigern, weil es etwa der Tagi ist.

Wir kannten den properen ­Bernhard Russi. Nun auch jenen mit den vielen Schicksalsschlägen. Hätte man die Melancholie ­rausspüren können, wenn man darauf geachtet hätte?

Das eine geht ins andere hinein. ­Vielleicht wird man sogar stärker in der Melancholie. Ich bin einer, der Dinge schnell verarbeiten kann.

Weil Sie dazu gezwungen waren?

(Atmet tief ein) Es liegt wohl auch in meiner Natur und an der Erziehung meines ­Vaters, der mein Leitfaden dafür war, wie man sich verhält. Wie er das Schicksal seines Töchterchens annahm und uns das vorlebte. Dazu kommen die Berge: Ich bin mit ihnen aufgewachsen, da ist das Schicksal immer nah. Der Berg ist dein Schutz, aber auch eine Höllengefahr.

Noch einmal zurück zu Ihren ­Beweggründen. Könnte der Film ein erster Schritt eines Abschieds aus der Öffentlichkeit sein?

Nein, gar nicht. Es gab vorab nie einen Erscheinungstermin. Wir fingen ja schon vor vier Jahren mit ersten Aufnahmen an. Und klar strahlt man so etwas eher im Winter als im Sommer aus.

Ich dachte nur: Im Februar findet die Heim-WM statt. Das wäre so ein Moment, wie bei Ihrem Rücktritt als Sportler, als Sie an einem Rotlicht auf der Heimfahrt von der WM urplötzlich zu dieser Einsicht kamen.

Ich bin nach wie vor so. Ich gebe nie ­irgendeine Garantie, ob ich nächste Woche noch nach Kitzbühel reisen werde.

Nicht einmal so weit?

(Lacht) Doch, doch. Aber solche Entscheide passieren bei mir tatsächlich ­relativ schnell. Aber wenn dieser Entscheid schon feststünde, wäre der Film ja während der WM in St. Moritz präsentiert worden.

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