Das macht Ragettlis Youtube-Erfolg aus

Postet er ein Video, schauen es Millionen: Freeskier Andri Ragettli gibt sich gerne lustig – sportlich will er es aber allen zeigen.

Der Freeskier Andri Ragettli setzt auch im Internet zu ungeahnten Höhenflügen an. (Video: Instagram/Andri Ragettli)

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Einmal wöchentlich öffnet Andri Ragettli das Fenster in sein Leben: Der Freeskier publiziert seit vergangener Saison auf Youtube einen Vlog, kurz für Videoblog – ein gefilmtes Tagebuch.

So umschrieben hört sich das etwas trocken an. Aber Ragettlis Umsetzung ist meist ziemlich unterhaltsam. Denn der 20-jährige Bündner führt ein hochgetaktetes Leben. In den vergangenen sechs Monaten hiess das unter anderem: Weltcup in Neuseeland, Training in Kanada, Weltcups und Werbeaufnahmen in Österreich und Italien, ein Wettkampf in den USA – und für Weihnachten wieder zu Hause in Laax. Als Nächstes folgt Frankreich, dort macht der Freeski-Weltcup dieses Wochenende halt.

Die Wettkämpfe sind in Ragettlis Vlogs eher Randerscheinungen. Der Freeskier zeigt lieber – auch aus Filmrechtsgründen – seinen Alltag. Zumal der genug hergibt, ob beim Spass daheim mit den Familienkatzen oder unterwegs mit den Teamkollegen. Da ist die Cremetorte mitten ins Gesicht des Geburtstagskindes unter den Schweizer Freeskiern Tradition. Erinnert sei auch an Fabian Böschs virales Rolltreppen-Video von den Olympischen Spielen in Südkorea.

Das Grosse Vorbild Ronaldo

Ragettli ist bei den Scherzen oft mit von der Partie. Aber nicht als Anführer, wie er das leistungsmässig auf dem Schnee ist. Mit seiner Professionalität stellt er seine Kollegen in den Schatten. Während die nach einem gelungenen Wettkampf auch einmal mehr als eine Runde Bier hinunterstürzen, schaut er lächelnd zu: Seit vergangenem Winter hat er nur noch ein einziges Mal Alkohol getrunken – an der Maturaparty im Sommer. «Und auch da nur, weil ich sechs Jahre auf diesen Abschluss hingearbeitet hatte», sagt er. Dasselbe mit Süssgetränken: In der Olympiasaison entschied er sich, diesen abzusagen. Und ist bis heute beim Wasser geblieben.

Diese fast schon mönchische Konsequenz hat er sich bei einem seiner Vorbilder abgeschaut, Fussballstar Cristiano Ronaldo. Auf den lässt er nichts kommen, trotz seiner jüngst bekannt gewordenen Skandale. Sein Videoprojekt macht «Vlogettli», wie ihn die Freeskier nun manchmal rufen, nicht allein zum Spass. Durch seine Parcours-Videos realisierte er in den vergangenen Jahren, welche Breitenwirkung sich mit Bewegtbildern erzielen lässt – wenn sie denn originell sind. Seine kreativen Hindernisläufe in der Turnhalle wurden alle im hohen zweistelligen Millionenbereich geschaut. Dafür lohnt es sich zu schwitzen: Bei der diesjährigen Ausgabe brauchte Ragettli 53 Versuche, bis er ohne Sturz durchkam. Mit jedem Video steigt seine Popularität. Auf Instagram folgen ihm mittlerweile 176000 Fans (sein Vlog-Kommentar, als er die 100000-Marke übertraf: «The greatest day of my life»), die wöchentlichen Vlogs werden 10000-mal angeklickt.

Online neue Kniffe lernen

Die Vlog-Produktion füllt Ragettlis Alltag abseits von Skipiste und Training aus. Er schneidet und vertont seine Videos, lernt online neue Kniffe dazu. Jetzt hat er Zeit dafür, im Sommer schloss er die Sportmittelschule in Engelberg ab. Der Vlog reicht ihm als Nebenbeschäftigung, Uni-Ambitionen weist er weit von sich: «Ich machte die Schule als Absicherung. Und damit niemand ­sagen kann, ich hätte nichts im Kopf.»

Trotz allen Engagements sind die Vlogs aber nur ein zeitaufwendiges Hobby in Andri Ragettlis Leben. Sein Antrieb ist ein anderer: Er will der beste Freeskier sein. Entsprechend formuliert er seine Saisonziele: «Ich will immer aufs Podest, den Gesamtweltcup gewinnen, X-Games-Gold, die WM – jeden Contest.» Das Selbstbewusstsein ist bemerkenswert, zumal er die Ansage nach einer Niederlage macht, im Gespräch nach einem fünften Rang Ende November am Weltcup im Stubaital.

Entsprechend wichtig ist das kommende Wochenende. Der erfolgsgewohnte Bündner will am Weltcup in Font Romeu in den französischen Pyrenäen den Erfolg wiederfinden, der ihm nach gutem Saisonstart (Ränge 1 und 3) zuletzt etwas abhanden gekommen ist. Im Stubaital stapfte er nach dem fünften Platz ziemlich entnervt davon. Bei der Dew Tour vor Weihnachten in Übersee kam er erneut nicht über diesen Rang hinaus. Sein Kommentar im Vlog: «Ich wurde glaubs Fünfter. Was soll ich dazu sonst noch sagen?»

Im Stubaital fand er aber rasch wieder den Blick fürs Ganze: «Ich habe ‹kassiert›, aber das ist gut so. Vorher gab es Podest, Podest, alles fiel mir in den Schoss. Jetzt spüre ich den Hunger wieder.» Gut für ihn, denn die grossen Wettkämpfe stehen jetzt an: Ende Januar die X-Games, im Februar die WM. Ragettli hat Appetit: auf Gold. Es wäre seine erhoffte Antwort auf die Niederlage an den Olympischen Spielen vor einem Jahr. Der klare Medaillenanwärter scheiterte ausgerechnet, als erstmals eine breitere Öffentlichkeit mit ihm mitfieberte. «Gold wäre eine Revanche für Olympia. Und cool, um es der Schweiz zu zeigen», sagt er.

Erstellt: 10.01.2019, 21:01 Uhr

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