Wo Langläufer jetzt schon auf ihre Kosten kommen

Grüne Wiesen hin, herbstliche Wälder her: In Graubünden sind schon jetzt Loipen präpariert, die auch Hobbysportler nutzen können.

Ein weisses Band durch das noch recht grüne Graubünden. So sieht es aus, das herbstliche Langlaufen auf der Lenzerheide. (Video: Urs Jaudas)

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In Davos ist der Winter angekommen. Zumindest ein bisschen. In der Nacht auf Montag fiel das Thermometer erstmals tief genug, der leichte Niederschlag hat das Tal eingezuckert. So ist es ein ziemlich natürliches Bild, das sich im Flüelatal präsentiert: Auf der Loipe wird geschwitzt. Runde um Runde um Runde drehen die Langläufer. Nur wer genau hinschaut, merkt, dass dies noch nicht der echte Winter ist, der hier Einzug gehalten hat. Sondern der vom Mensch gemachte.

Snowfarming heisst das Davoser Rezept. Dabei wird ein grosser Schneehaufen über den Sommer mit Sägemehl zugedeckt. Der Schmelzverlust ist erstaunlich gering, 80 Prozent des Schnees überleben den Sommer – und werden Ende Oktober im Flüelatal zu einer vier Kilometer langen Loipe ausgewalzt.

Als Pioniere in Mitteleuropa ersannen die Davoser das Projekt für die Schweizer Langlaufelite. Diese hat hier ihren Leistungsstützpunkt – und dank Snowfarming Schnee- und damit Trainingssicherheit.

Bald realisierten die Davoser, dass die Profis nicht die Einzigen sind, die die ersten Kilometer auf Schnee herbeisehnen. Auch die Amateure zieht es auf die Flüelaloipe. Darum herrscht ein klares System: Vormittags haben die Profis die Loipe für sich. Über Mittag steht sie dann dem Volk offen, zu fünf Franken pro Trainingseinheit, mit grösseren Zeitfenstern am Wochenende.

Davos hat 20'000 Franken eingenommen

Wie viele Langläuferinnen und Langläufer sich hier täglich tummeln, werde nicht erhoben, sagt Norbert Gruber, Leiter der technischen Betriebe der Gemeinde Davos und damit verantwortlich für die Loipen im Wintersportort. Aber der Aufmarsch ist so gross, dass Gruber in diesen Tagen täglich vor Ort ist – auf dass die Zeitfenster respektiert werden.

Vor einem Jahr nahmen die Davoser während der knapp drei Wochen, in denen nur die Snowfarming-Loipe offen war, rund 20'000 Franken ein – macht 4000 Eintritte (inklusive Profis).

Eine Loipe für Profis

Das ändert nichts daran, dass das Angebot primär auf die Profis ausgerichtet ist. Denn die Davoser Loipe besitzt eine recht hohe Einstiegshürde: Die coupierte Runde ist ziemlich anspruchsvoll. Für Profis macht sie das attraktiv, für Hobbyläufer nur bedingt: Ohne eine gewisse Grundkondition und Sicherheit auf dem Ski fühlen sich die Aufstiege und zügigen Abfahrten schnell unangenehm an. Sprich: Anfänger und Genussläufer warten besser, bis der Winter tatsächlich da ist und die gewöhnlichen Loipen offen sind.

Oder sie fahren auf die Lenzerheide, wenn sie das Langlaufen auf einem schmalen Schneeband auf grünen Wiesen nicht irritiert. Beim Biathlonzentrum wurde zum fünften Mal eine Loipe aus frischem Kunstschnee präpariert. Mit 1,4 Kilometern ist sie klar kürzer als die Davoser. Dafür aber auch nicht ganz so anspruchsvoll. «Viele Arbeitstätige drehen am Mittag oder am Feierabend ihre Runden», sagt Silvio Baselgia, der Geschäftsführer der Biathlon-Arena, sogar Langlaufkurse sind angesagt.

Auch Pontresina steigt ein

Auch auf der Lenzerheide wurde das Projekt für den Spitzensport lanciert. Man verfolgt das Ziel, im Dezember Biathlon-Weltcuprennen auszurichten, Schneegarantie ist da Pflicht.

Auf der Lenzerheide merkten sie ebenfalls erst, als die Loipe existierte, wie sehr diese auch Hobbysportler interessiert. Der Langläufer ist da nicht anders als der Alpinskifahrer, der auf schmalen Schneebändern seine Schwünge zieht. Winteridylle? Egal. Das ruft weitere Destinationen auf den Plan: So startet Ende dieses Winters auch in Pontresina ein Snowfarming-Testprojekt.

So umweltverträglich, wie eben möglich.

Die Davoser produzieren ihre 20'000 Kubikmeter fürs Snowfarming im Winter bei idealen Bedingungen. Betriebsleiter Gruber streicht heraus, dass ihre Variante so umweltverträglich umgesetzt werde, wie das bei Kunstschnee eben möglich sei.

Kunstschnee auf der Lenzerheide

Die Lenzerheide dagegen setzt auf ein aufwendigeres und deshalb weniger effizientes Verfahren: 200 m3 produziert ihre Anlage täglich, total benötigen sie 6000 Kubikmeter. «Die Davoser Dimensionen kommen bei uns aufgrund der Platzverhältnisse und wegen der klimatischen Bedingungen nicht infrage», sagt Baselgia. Konkret fehlt ihnen der Platz für einen so grossen Schneehaufen.

Zudem ist die Biathlon-Arena fast 300 Meter tiefer gelegen als das Flüelatal, das zudem sehr schattig ist. Auch darum beschränkt man sich auf eine kürzere Loipe, die dann auf Dezember hin mit einem kleinen Snowfarming-Depot (knapp 3000 Kubikmeter) zu einer 3-km-Runde ausgebaut wird – die Mindestanforderung des internationalen Biathlonverbands.

Kalt muss es trotz allem sein

Während sich die Davoser Loipe Anfang Woche wie eine echte Winterloipe präsentiert, ist das Laufgefühl auf der Lenzerheide eher wie im späten Frühling mit tiefem Sulzschnee. Denn auch mit Kunst- oder übersommertem Schnee sind die Wintersportregionen nicht komplett vom Wetter unabhängig. «Wenn wir die Loipe auslegen, brauchen wir drei kalte Nächte. Ist sie erst einmal durchgefroren, übersteht sie auch einen Wärmeeinbruch», sagt Baselgia.

Nur: Die kalten Nächte kündigten sich erst dieser Tage an, nun halten die Loipen. Die Wochen davor waren schwierig. Den Davosern frass der Föhn Ende Oktober an einem Wochenende mehr als die Hälfte der 50 Zentimeter dicken Schneedecke weg, sie behalfen sich dann mit dem Abrieb der Eisbahnen.

Erstellt: 07.11.2019, 12:03 Uhr

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