Betriebsökonomin und Curlerin – ohne eigene Wohnung

Silvana Tirinzoni galt als hervorragende Curlerin – die in den entscheidenden Momenten scheitert. Das hat sich geändert.

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Fertig, Schluss. Über sieben Jahre lang arbeitete Silvana ­Tirinzoni als Projektleiterin bei einer Bank. Sie verdiente gutes Geld damit – und traf gleichwohl einen mutigen und ganz und gar unschweizerischen Entscheid: Vor zwei Wochen packte sie ihre Sachen in der Bank zusammen und setzt nun alles auf eine Karte: Curling. Auf einen Sport also, der hierzulande während Olympischen Spielen zwar eine breite Masse fasziniert, danach aber wieder in der Anonymität verschwindet. Wenige Zuschauer, wenige Sponsoren, wenig Geld – das ist Curling in der Schweiz.

Als sich Tirinzoni mit ihrem Team für die Winterspiele 2018 qualifiziert hatte, arbeitete sie bis zum Tag vor der Abreise nach Südkorea. Die Schweizerinnen wurden Siebte. Heute sagt sie: «Wenn ich noch mal an Olympia teilnehmen kann, will ich mir eine realistische Chance geben, eine Medaille zu gewinnen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich die mit einem 50-Prozent-Pensum wie bis anhin hätte.»

«Ich weiss, dass ich ­etwas Spezielles in meinem Leben erreicht habe. Das macht mich immer wieder glücklich.»Silvana Tirinzoni

Im Juni wurde die Zürcherin 40. Die Betriebsökonomin mit einer Weiterbildung als Finanzanalytikerin und Vermögensberaterin hätte in der Privatwirtschaft glänzende Perspektiven. Nun muss sie mit einem überschaubaren Budget haushalten und lebt mit einer Kollegin in einer WG, «eine eigene Wohnung liegt nicht drin». Aber Tirinzoni ist glücklich. Weil sie sich je länger, desto weniger wohlfühle in einem «normalen» Leben, mit dem immer wiederkehrenden Ablauf, den ähnlichen Arbeiten. Als Curlerin ist sie im Ausland unterwegs, lernt andere Kulturen kennen, vor allem aber erlebt sie Emotionen, geht durch Höhen und Tiefen. «Das ist für mich befriedigender, als wenn ich mir dies und das leisten könnte.»

Die Enttäuschungen: Auf der grossen Bühne patzte sie

Seit Samstag spielt Tirinzoni mit dem CC Aarau an der EM im schwedischen Helsingborg. Ein Jahr ist es her, als sie an den europäischen Titelkämpfen zu ihrem bis dahin grössten Erfolg ansetzte: Zehn Spiele in Serie gewann die Equipe, verlor erst im Final gegen die Olympiasiegerinnen aus Schweden. Heute bezeichnet sie dieses Turnier als Schlüsselerlebnis: «Weil ich sah, welch Potenzial im Team steckt, und spürte, dass es sehr gut kommen kann.» Ein paar Monate später trafen die Frauen des CC Aarau im WM-Final wieder auf Schweden – und gewannen. Tirinzoni spricht von einer Genugtuung, einer Erleichterung. «Ich weiss, dass ich ­etwas Spezielles in meinem Leben erreicht habe. Das macht mich immer wieder glücklich.»

Wer Tirinzonis Karriere betrachtet, versteht die Bedeutung dieser Aussage: 1999 wurde sie Juniorenweltmeisterin, sie schaffte es als einzige Schweizerin, zwei Grand-Slam-Turniere zu gewinnen, gehört seit Jahren zu den Besten der Welt. Aber immer dann, wenn sie die Schweiz an einer WM (dreimal), EM oder an Olympia (je einmal) – also auf der grösstmöglichen Bühne – vertreten konnte, scheiterte sie. Und so erhielt Tirinzoni einen Stempel aufgedrückt: die Nervenschwache, die Unvollendete.

Andreas Schwaller gewann 2002 Olympiabronze, mehrfach EM- und WM-Edelmetall. Heute ist er Leistungssportchef beim Verband und sagt, er kenne nur wenige Athleten, die über eine solche Leidenschaft für den Sport verfügten wie Tirinzoni. «Es dauerte 20 Jahre, bis sie an Titelkämpfen einen Erfolg feiern konnte. Viele hätten früher aufgegeben, ihr Durchhaltewille fasziniert mich.» Den Bettel hinzuschmeissen habe sie nie in Erwägung gezogen, hält Tirinzoni fest. «Weil ich immer das Gefühl hatte: Es kann noch klappen.» Und: Weil sie sich nicht mit der Schublade abfinden wollte, in die sie gesteckt wurde.

Tirinzoni verweist auf ihre Erfolge auf der World Tour, wo sie mehrfach hochkarätige Konkurrenz bezwang. Nur: Diese Ergebnisse fanden ausserhalb der Szene kaum Beachtung – anders als ein Auftritt an der EM, WM oder an Olympia. «Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass mir die Nerven einen Streich spielten. Und ich bin froh, konnte ich dieses Vorurteil widerlegen.»

Das Erfolgsgeheimnis: Bauch und Kopf haben sich gefunden

Das vielleicht entscheidende Puzzlestück zum Erfolg fand Tirinzoni ausgerechnet nach ihrer grössten Enttäuschung, Olympia 2018. Weil eine ihrer Mitspielerinnen gesundheitsbedingt aufhören musste, sah sie sich um und kam rasch auf einen Namen: Alina Pätz. Die 29-jährige Zürcherin hatte das Team Baden 2015 als Skip zum WM-Titel geführt und war nach dem Karriereende ihrer drei Mitspielerinnen auf der Suche nach einer neuen Equipe.

Alina Pätz war das letzte Puzzlestück, das Tirinzonis Team zum Erfolg fehlte. (Foto: Henning Bagger/Keystone)

Es war Pätz, die Tirinzoni zuerst anrief – nach fünf Minuten waren sie sich einig. Ja, sie fanden sogar sofort eine Lösung für die Rollenverteilung: Tirinzoni bleibt Skip, aber Pätz spielt die letzten beiden Steine als Nummer 4. Pätz bezeichnet das als «Win-win-­Situation». «Es gibt nur wenige, die sich so viele Gedanken über Curling machen. Und Silvana hat einige Jahre mehr Erfahrung als ich, ist taktisch besser», sagt sie. Schwaller spricht bei Pätz und Tirinzoni von Bauch und Kopf: «Alina ist extrem kaltblütig und entscheidungsfreudig, Silvana ist die Analytikerin.» Und: Weil sich die beiden die Verantwortung teilen, können sie sich besser auf ihre Aufgaben konzentrieren. Aktuell steht das Team auf Rang 2 der Weltrangliste. In Helsingborg will es dort anknüpfen, wo es vor Jahresfrist mit der Medaille aufgehört hat. Unterschätzt wird es kaum mehr, die Vorurteile sind verstummt. Und Tirinzoni hat jetzt die Gewissheit: Es klappt, wenn es drauf ankommt.



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Erstellt: 17.11.2019, 09:34 Uhr

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