«Mit dem Slalom ist es wie nach einer Zwangsheirat»

Als Fahrer gab es bei Didier Plaschy nur die Einstellung: Sieg oder Sarg. Jetzt zieht er seine Athleten auch mal auf dem Trottinett hinter dem Auto her. Kürzlich ist er fast durchgedreht.

Didier Plaschy gewann als Aktiver zwei Slaloms. 2005 wurde der Walliser Trainer bei Swiss-Ski und amtet heute als SRF-Experte.

Didier Plaschy gewann als Aktiver zwei Slaloms. 2005 wurde der Walliser Trainer bei Swiss-Ski und amtet heute als SRF-Experte.

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Müssen Sie sich als SRF-Experte am Mikrofon zusammenreissen?
Ich muss darauf achten, dass ich mein Pulver nicht schon in den ­ersten zehn Minuten verschiesse. Und ich muss mich an Vorgaben halten.

Sie sind nicht der Typ, der sich in ein Schema zwängen lässt.
Es ist nicht so, dass ich mich nicht an Regeln halten könnte. In der Hitze des Gefechts benutze ich englische Ausdrücke und drifte ins Walliserdeutsch ab. Bei uns läuft vieles über den Diminutiv, aus ­Buben werden «Büäbu», aus ­Häusern «Hüsjini». Und aus Fahrerinnen wurden bei mir «Meitjini». Im Wallis ist diese Bezeichnung gang und gäbe, im Fern­sehen geht sie gar nicht.

Während Ihrer Karriere wurden Sie Bla-Bla-Plaschy genannt. Weil Sie zuerst sprachen und danach überlegten?
Ein Teamkollege nannte mich so; er wollte mich provozieren, die ­Medien griffen es auf. Ich bin sehr kommunikativ, vieles wirkt spontan und ohne roten Faden. An und für sich aber bin ich ein reflektierter, bedachter Typ, der vieles hinterfragt.

Aber Sie waren ein Athlet, der quer lief.
Die 08/15-Devise hätte bei mir nicht funktioniert. Ich realisierte früh, dass ich eigene Wege gehen muss, um Erfolg zu haben. Der Plan ging auf – aber er hat mich zum Einzelkämpfer gemacht.

Inwiefern?
Ich war interessiert daran, alles ­selber zu machen, war aber noch zu jung dafür. Heute leisten sich die besten Athleten Berater, ich hingegen erhielt zu wenig Inputs, vor allem in den Bereichen Psychologie und Material. Wir hinkten komplett hinterher bei der Umstellung auf die kurzen Ski. Irgendwann war ich nicht mehr offen für andere Denkweisen. Das wurde mir zum Verhängnis. Zudem gab es bei mir nur die Einstellung: Sieg oder Sarg.

Sie gewannen zweimal, fielen aber in 63 Prozent aller Weltcup-Slaloms aus. Weshalb passten Sie Ihren Stil nie an?
Ich habe vieles falsch gemacht. Ich war einer, der immer «all in» ging. Mit mir hätte man taktisch arbeiten müssen, damit ich in bestimmten Situationen sensibler reagiert hätte, manchmal gab es keinen taktischen Plan. Ich hätte mich auf Rennen mit hartem Schnee spezialisieren müssen, jene Unterlage, die mir behagte. Es gibt Fahrer, die bei allen Bedingungen gut sind. Mike von Grünigen hätte auch mit Holzski mithalten können. Bei mir dagegen musste alles stimmen, sonst lupfte es mir den Deckel.

Wie entscheidend ist der mentale Aspekt im Slalom?
Riesig. Aber man kann ihn klein halten, wenn Technik, Physis und Materialabstimmung herausragend sind. Deshalb scheidet Marcel Hirscher fast nie aus, deshalb wird Loïc Meillard nie nervös. Sie bewegen sich bei allen Parametern am Optimum. Wer in einem Bereich hinterherhinkt, ist mental stärker gefordert. Ich war zu impulsiv, zu leichtsinnig. Nun betrachte ich das als Stärke, die mich dazu gebracht hat, Psychologie zu studieren.

Was raten Sie Fahrern wie dem Schweizer Marc Rochat, der oftmals gut unterwegs ist, aber kaum einen Lauf ins Ziel bringt?
Sie müssen vergessen können. Ich konnte zehnmal ausscheiden, glaubte im elften Rennen dennoch an den Sieg. Dave Ryding lag letzte Saison in Levi auf Siegeskurs, er fiel aus und hat dies bis heute nicht verkraftet. Ein extrovertierter Typ, ein Draufgänger wie Rochat darf den Charakter nicht ändern, sonst beraubt er sich seiner Qualität – der Lockerheit. Aber er muss an sich arbeiten. Hier liegt die Schwierigkeit: Die individuelle Betreuung im Training wie im Rennen.

Was für ein Typ ist der Slalomfahrer?
Er ist ein akribischer, pedantischer Arbeiter.

Präzisieren Sie.
Mit dem Slalom ist es wie nach einer Zwangsheirat: Du weisst nicht, was die Braut mit dir vorhat, ob sie zu dir passt. Es ist gut möglich, dass du bereits nach ein paar Sekunden eine Ohrfeige oder einen Tritt zwischen die ­Beine kriegst. Der Slalomfahrer ist Stange für Stange fünf Zentimeter von einem Einfädler entfernt, es ist ein ständiger Kampf mit der Präzision.

Sie haben die Bedeutung der individuellen Betreuung angesprochen. Ist es sinnvoll, sich vom Verband loszulösen?
Der individuelle Weg ist ein Muss. Der Verband aber ist ein sinnvolles Konstrukt, vor allem was die Möglichkeiten in der Vermarktung betrifft, auch bezüglich Infrastruktur. Den Disziplinenchef sehe ich allerdings eher als Allgemeinmediziner, der gewisse Diagnosen selber stellen und einige Bobos heilen kann, bei grösseren Problemen aber Spezialisten hinzuziehen muss.

Wie offen ist Swiss-Ski für den individuellen Weg? Mit Ramon Zenhäusern sollen Sie im Verborgenen trainiert haben …
... Ramon mag meine Philosophie. Man könnte sagen: Er isst gerne eine Plaschy-Birne. Es ist ja nicht verboten, Früchte zu essen (lacht).

Es gibt aber kaum Austausch zwischen Ihnen und Swiss-Ski.
Eigentlich sind wir eine grosse Familie. Und in einer Familie muss es nicht immer harmonisch zu und her gehen. Wichtig ist, dass ein Schweizer vorne klassiert ist. Egal ob er aus Zermatt oder Kemmeribodenbad kommt. (Überlegt) Ich weiss, dass ich polarisiere, dass mich einige mögen, einige hassen.

Was für ein Coach sind Sie?
Ich bin sehr fordernd, ein Fan von Arno Del Curto. Die Devise lautet «drill and practise», die empathischen Fähigkeiten sind nicht meine Stärke. Ich konzentriere mich eher auf Bewegungsaufgaben als auf Worte und versuche die besten Übungen zu kreieren, ohne dabei viele Worte zu verlieren.

Spielt es eine Rolle, ob Sie mit Profis oder Junioren arbeiten?
Nein. Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. Ich will herausfinden, welcher Krug der stärkste ist. Die Frage ist: Was ist ein Athlet bereit zu investieren? Die Disziplin Slalom führt über den Fleiss. Es braucht viel weniger Gefühl als auf der Abfahrt. Man muss im Slalom kein Ski-Genie sein wie Beat Feuz.

Und Zenhäusern war der Fleissigste?
Er ist ein Arbeitstier, ein intelligentes Arbeitstier. Sieht er in einer Übung keinen Sinn, verweigert er sie. Steht er dahinter, trainiert er bis zum Kollaps. Viele andere dachten: «Ach, wieder so eine Plaschy-Übung.» Interessanterweise haben auch Daniel Yule und Loïc Meillard einige Übungen bis zum Schluss mitgemacht – wenn auch zähneknirschend …

Von was für Übungen sprechen Sie?
Die typische Skifahrer-Bewegung ist die Kniebeuge. Das Problem ist: Man macht diese Kniebeugung bei hohen Tempi, bei ständig wechselndem Gelände. Darauf muss man einen Athleten vorbereiten – zum Beispiel mit Bergablaufen, Trampolinspringen. Ramon ist über zwei Meter gross, er musste erst lernen, seinen Körper zu kontrollieren. Mit ihm ging ich Kickboxen, Surfen, Schlittschuhlaufen, liess ihn Rollerblades fahren. Und wir trainierten auf einem Teppich, einer Art Laufband, auf dem man Skifahren kann.

Hätte er es ohne Ihre Hilfe an die Weltspitze geschafft?
Ich weiss es nicht. Er war mein Versuchskaninchen. Manchmal dachte ich: Hey, was machen wir hier eigentlich? Einmal stellte ich ihn auf zwei miteinander verschraubte Trottinetts und zog ihn mit einem Seil hinter dem Auto her. Aus Schutz trug er eine komplette Eishockeyausrüstung. Mir ging es darum, die Bewegung bei hohem Tempo zu simulieren. Ramon fand es spannend, ich sagte: Das war Quatsch. Aber nur so lernt man als Coach; man muss etwas wagen, Fehler einsehen und die Konsequenzen daraus ziehen.

Vermissen Sie die Experimentierfreudigkeit bei gewissen Trainerkollegen?
Trainer sollten sich auch mal exponieren, ihre Idee vertreten. In der Schweizer Trainerlandschaft fehlt ein wenig die Kritikkultur.

Das Schweizer Slalomteam ist so stark besetzt wie nie zuvor. Was trauen Sie der Equipe zu?
Alles! WM-Titel, Olympiasieg, kleine Kristallkugel. Aber es gibt Hirscher, Kristoffersen wird noch lange fahren, der Franzose Noël ist ein Genie, das sich selbst im Weg steht. Wir müssen noch mehr investieren.

Wie fällt Ihre erste Bilanz als SRF-Experte aus?
In Madonna di Campiglio hörte ich mich im ersten Lauf mit zwei Sekunden Verzögerung, da drehte ich fast durch, fühlte mich miserabel. Der zweite Lauf war richtig gut, es half, hat Yule gewonnen.

Ist Bernhard Russi Ihr Vorbild?
Vorbild? (Überlegt) Russi war 31 Jahre Experte. Er ist eine Ikone.

Erstellt: 13.01.2019, 08:46 Uhr

Eigenwillig und eloquent

1999 siegte Didier Plaschy in Vail und Kranjska Gora, mehr als zwei Slaloms hat kein Schweizer gewonnen. Bereits 2001, mit 27, trat der eloquente und eigenwillige Walliser zurück. Vier Jahre später gab er ein Comeback, gewann vier FIS-Rennen, riss sich das Kreuzband und wurde Trainer. Bei Swiss-Ski betreute er Ramon Zenhäusern, Loïc Meillard und Daniel Yule. Der Familienvater (45) ist Co-Direktor von Ski Valais und TV-Experte. (phr)

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