Norwegen rechnet ab

Langläuferin Therese Johaug brach in Tränen aus, als sie zugab, positiv getestet worden zu sein. Ihre Heimat ist in Aufruhr.

Tag der Schande: Therese Johaug an der Pressekonferenz.

Tag der Schande: Therese Johaug an der Pressekonferenz. Bild: Hakon Mosvold Larsen/Reuters

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Live heulte Therese Johaug ihren Schmerz in die Kameras. Hunderttausende Landsleute labten sich auf dem Staatssender an diesem intim-öffentlichen «mea culpa». Nichts weniger als die wohl grösste Staatsaffäre seit Jahren verfolgten die Norweger also Mitte September. Denn kein anderes Land definiert sich inniger über seine Langläufer. ­Allein die nationalen Meisterschaften werden im Schnitt von über 1 Million TV-Zuschauer pro Jahr live verfolgt. Als ­Vorläuferin gross im Bild und damit im Fokus gleitet seit ein paar Jahren die Bauerntochter Therese Johaug.

Normalerweise jubelt das Leicht­gewicht nach einem Einsatz siegtrunken in die Kameras, mit vor Anstrengung ­geröteten Backen und weit aufgerissenen Augen. Seit sie die norwegische Anti-Doping-Behörde vor zwei Monaten aber positiv auf ein Steroid testete, ­befindet sich die 28-Jährige in einem ­Ausnahmezustand – und kraft ihrer Bedeutung auch gleich das ganze Land. 800 Johaug-Artikel überschwemmten Norwegen in den vergangenen beiden Monaten.

Ausgerechnet die professionellste Langlaufnation soll einen solchen Fehler begehen?

Vom ewigen Konkurrenten Schweden prasselte zugleich ein «Shitstorm» über die Ausdauerathletin herein und kulminierte in der Aussage eines langjährigen Leitartiklers, gleich das ganze norwegische Langlaufteam dope doch systematisch. Es sei darum für mindestens zwei Jahre zu sperren. Dass beim Hitzkopf ­darauf die Drohung einging, er werde in Norwegen künftig bloss einen Kopf kürzer auftreten können, offenbart die Emotionalität des Themas.

Bild aus glücklicheren Zeiten: Johaug am FIS Cross-Country World Cup in Schweden (13. Februar 2016). Foto: Maja Suslin (Reuters)

Es geht über Johaug hinaus. Schliesslich dominieren die Norweger das Langlaufen so sehr, dass die Rennen oft wie starke Einschlafpillen wirken. Hinzu kommt: Im Sommer fanden norwegische Medien heraus, dass ihren Lieblingen nahegelegt wurde, im erlaubten Rahmen Asthmamittel einzunehmen – selbst wenn sie keine Probleme aufwiesen. Zudem wurde Martin Johnsrud Sundby, der dominante Langläufer der letzten beiden Saisons, im Sommer für zwei Monate gesperrt. Er hatte im Winter 2014/15 eine zu hohe Dosis eines Asthmapräparats eingenommen.

Wie so oft beim Thema sind die ­Details entscheidend: Der Internationale Skiverband (FIS) erlaubte Sundby die Applikation, ehe die Welt-Anti-­Doping-Agentur vor dem Internationalen Sportgerichtshof rekurrierte und recht bekam. Trotzdem hielt die FIS fest: «Martin Johnsrud Sundby ist nicht als Dopingsünder anzusehen.»

Die Häme der Gegnerinnen

Norwegens Gegner interessieren solche Details nicht. Zumal ihnen Therese ­Johaug in ihrem Fall viel Angriffsfläche bietet: Sie führt ihre positive Probe auf eine Creme zurück, die ihr der langjährige Teamarzt nach einem heftigen Sonnenbrand der Lippe im Höhentrainingslager von Livigno gab. In einer Apotheke hatte der Mediziner die Creme gekauft, aber nicht erkannt, dass sie eine ver­botene Substanz enthielt. Dabei ist diese auf dem Beipackzettel erwähnt. Auf der Verpackung prangt zugleich fast unübersehbar das Wort «Doping» – umrandet in fettem Rot.

Weder der Arzt, der das Versagen auf sich nahm, zurücktrat und sich mit einer Untersuchung konfrontiert sieht, noch Johaug wollen die Signale erkannt ­haben. Die Athletin sagte bei ihrer Pressekonferenz, ganz dem Spezialisten vertraut zu haben. Dauerrivalinnen aus Polen und Finnland kauften darauf eine solche Salbe, fotografierten die Ver­packung mit dem Dopinghinweis darauf und stellten das Dokument mit hämischen Kommentaren ins Netz.

Ihre Botschaft war überdeutlich: Ausgerechnet die professionellste und bestbudgetierte Langlaufnation, die vor internationalen Meisterschaften gar die Teppiche aus den Hotelzimmern herausreisst, um ja keine Schmutzherde um sich zu wissen, soll einen dermassen peinlichen Fehler begangen haben? Dass Johaug wie andere Grössen ihres Nationalteams zuvor über mehrere Monate nicht von der norwegischen Anti-­Doping-Agentur getestet wurden, ist für die Kritiker nur ein weiterer Beleg: Die Riesen der Langlaufszene arbeiten ­orchestriert am Betrug.

Dass dafür keine Fakten vorliegen, ficht sie nicht an. Offensichtlich aber bedarf es solcher Grundlagen wie auch in anderen Lebenssphären – Stichwort: Trump vs Clinton – nicht mehr. Man muss in der Causa Johaug jedoch bei ­aller irritierender Ungereimtheiten ­davon ausgehen, dass sie ihre Minimdosis über eine Salbe einnahm und nicht von einer leistungsfördernden Wirkung profitierte. Die Norweger glauben ihr mehrheitlich. Nach der Grossschlagzeile schossen die Verkaufszahlen ihrer Kleiderlinie hoch.

Einer Sperre aber wird die – zusammen mit Langlaufkollegin Marit Björgen – populärste Sportlerin des Landes, kaum entgehen. Zurzeit ist Johaug suspendiert, darf weder mit dem Nationalteam trainieren noch Wettkämpfe bestreiten. Mitte Dezember gedenkt die norwegische Anti-Doping-Agentur das Strafmass bekannt zu geben. Es kann dann von anderen Parteien bis vor den Sportgerichtshof gezogen werden. Wahrscheinlich ist darum, dass die anstehende WM-Saison ohne die 17-fache Weltcupsiegerin des letzten Winters stattfinden wird.

Gegen das verklärte Eigenbild

So zweifelhaft Johaug und ihr Umfeld handelten, so imponierend läuft die ­öffentliche Debatte in Norwegen ab. Diese beginnt mit Johaug, die sich der Öffentlichkeit rasch stellte. Seither ­haben die Medien den Skandal aus allen nur erdenklichen Blickwinkeln beleuchtet und ihren Star kein bisschen geschont. Sie haben mit ihren Recherchen im Gegenteil dazu beigetragen, dass sich der etwas verklärte Blick auf die eigenen Helden abkühlte. Es handelt sich bei ihren Langläufern nicht einfach um ­propere Landburschen und -mädchen, die viel auf der Heide trainieren. Sie sind für den Erfolg, wie die Asthmamittel-Episode zeigt, durchaus bereit, weit in die legale Grauzone vorzudringen.

Diese Haltung aber toleriert die norwegische Gesellschaft gerade nicht. Darum wurde etwa verboten, dass im Land ein Höhentraining mittels Geräten simuliert wird, wie sie beispielsweise die Schweiz erlaubt. Als Konsequenz müssen auch die norwegischen Langläufer viele Wochen im Jahr in der Höhe trainieren. Dort gab Therese Johaug dann bekanntlich ihre fatale Probe ab.

Erstellt: 07.11.2016, 20:49 Uhr

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