Perfekt, endlich

Bei der 5. Olympiateilnahme holte Aljona Savchenko endlich Gold. Ab heute beehrt sie mit Paarlauf-Partner Bruno Massot Art on Ice im Zürcher Hallenstadion.

Wie lässt man Schweres leicht aussehen? Die Olympiasieger Aljona Savchenko und Bruno Massot machen es vor. Foto: Getty Images

Wie lässt man Schweres leicht aussehen? Die Olympiasieger Aljona Savchenko und Bruno Massot machen es vor. Foto: Getty Images

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An den Moment, als in der Ice Arena in Gangneung alles vorbei war, kann sie sich nicht erinnern. Als die langen viereinhalb Minuten der Kür vorbei waren, sank Aljona Savchenko aufs Eis, ihr Paarlauf-Partner Bruno Massot ebenso, und da lagen sie dann, erschöpft.

Jetzt sitzt die Deutsche in den Katakomben des Hallenstadions auf einem kleinen weissen Sofa in einer düsteren Ecke, strahlt und sagt: «Ich weiss es nicht mehr, die Emotionen waren so stark, alles ist weg.»

Aljona Savchenko ist am Dienstag in Zürich angekommen – erstmals als Olympiasiegerin. Bereits zum zehnten oder vielleicht sogar zum elften Mal tritt sie bei Art on Ice auf, ganz genau weiss sie auch das nicht mehr. Ein wenig anders ist es beim zehnten oder elften Mal schon. «Es war immer schön, hierher zu kommen. Jetzt bin ich zwar müder als andere Male, aber jetzt habe ich es endlich geschafft», sagt sie. Sie hat es geschafft, sich ihren Traum zu erfüllen, einen Traum, den viele hegen, einige ­sogar von klein auf, und den nur wenige leben können. Savchenko brauchte fünf Anläufe für Olympiagold. Sie gewann es im biblischen Alter von 34 Jahren und mit ihrem dritten Partner, dem gebürtigen Franzosen Massot. Erst im November hatte er den deutschen Pass erhalten, Deutschland schwelgte, es ist das erste Paarlauf-Gold seit 1952.

<«Ich bin aufgewacht und habe zu meinem Mann gesagt: ‹Heute schreibe ich Geschichte!›»Aljona Savchenko

Selbst zwei Wochen nach dem Triumph ist es noch so, dass allein der Gedanke an den Olympiasieg ihr die Tränen in die Augen treibt. Sie hat eben ihr erstes Training auf dem Hallenstadion-Eis hinter sich, die Scheinwerfer waren wieder auf sie und ihren Partner gerichtet, es war eine leichte, lockere Einheit, sie sagt: «Jetzt kann ich alles geniessen. Es war ein harter, wechselvoller Monat.» Zweimal war sie krank in Südkorea, ­Fieber, Erkältung, Schwächung. «Aber ich habe mir das einfach weggedacht.» Nun kann sie darüber schmunzeln, auch über ihren Körper, der nach voll­brachter Leistung dann einfach «Stopp» gesagt und sich die Zeit zur Erholung genommen habe. Am Morgen nach der ­Medaillenfeier habe sie normal gefrühstückt, sich danach nochmals ins Bett gelegt — und sei erst 24 Stunden später wieder erwacht. Wieder zum Frühstück. Sie lacht. «Irgendwie konnte mir alles egal sein, ich hatte mein Ziel erreicht.»

Savchenko/Massot haben an den Spielen eine Kür gezeigt, die sie zum Kunstwerk machten, zur Musik des Naturfilms «La terre vue du ciel», die Erde von oben ­gesehen. Schon als sie ihren letzten Sprung und ihre letzten Schritte aufs Eis gesetzt hatten, war klar, dass dieser Auftritt das Zeug zum Klassiker hat, so, wie es 1984 Maurice Ravels «Boléro», interpretiert von Jayne Torvill/Christopher Dean, geworden war. Dabei war die Ausgangslage für sie alles andere als rosig gewesen. Massot hatte bei seiner Olympiapremiere im Kurzprogramm gepatzt, das Paar lag vor der Kür mit sechs Punkten Rückstand nur gerade auf Platz 4. Unter normalen Umständen eine aussichtslose Situation, was den Kampf um Gold betrifft. Der Trainer schrieb das Missgeschick Massots Unerfahrenheit zu, die Manöverkritik fiel heftig aus, nur Savchenko blieb gelassen.

Geld für den kranken Bruder

«Fehler nerven mich, natürlich, ich bin sehr ehrgeizig. Aber in diesem Moment war ich ruhig», sagt sie, «ich habe es akzeptiert und mir gesagt, okay, dann soll es so sein.» Es sei ihr sogar gelungen, «Bruno zu beruhigen» — morgen sei wieder ein Tag, ein anderer. Savchenko redet und unterstreicht das ­Erzählte ­lebhaft mit den Händen. Jetzt hebt sie beide und sagt: «Und dann bin ich am nächsten Tag aufgewacht und sagte zu meinem Mann: ‹Heute schreibe ich ­Geschichte!›» Wahnsinnig sei es, wenn das dann wirklich passiere. Savchenko/Massot liefen sich in Trance, die Kür ­bezeichnet sie als «perfekt». Sie sei nicht nervös gewesen und habe beim ersten Sprung schon gespürt, wie leicht sich alles anfühle. «Wir sind im Training auch schon so gut gelaufen, aber niemals ­gelangen uns die Sprung- und Wurf­elemente auf so hohem Level.»

Seit dreissig Jahren steht Savchenko, die gebürtige Ukrainerin, auf dem Eis. Als sie vierjährig war, brachte sie der Vater in einen Eislaufclub in Kiew, doch dort beschied man ihm, das Kind sei zu jung dafür. Aber das Kind steckte voller Energie und Fantasie, ein Jahr musste es sich gedulden bis zur Aufnahme. 1999, zehn Jahre später, nahm Aljona Savchenko erstmals an einer EM teil, im Jahr 2000 gewann sie mit Stanislaw Morosow den WM-Titel bei den ­Junioren. Ein paar Tausend Euro Preisgeld habe das gegeben, sagt sie. «Nicht viel, aber es war ein grosses Glück, das Geld bekam die Familie», sagt sie. Ihr ältester Bruder von dreien sei ernsthaft erkrankt, endlich hätten sich die Eltern die Medikamente leisten können.

Das Gefühl und die Gene

In der Zeit nach der Jahrtausendwende merkte sie bald, dass sie in der Ukraine sportlich an die Grenzen stossen würde, «die Förderung war zu wenig gut». Mit 10 Dollar und ohne jegliche Deutschkenntnisse machte sie sich 2003 auf den Weg nach Chemnitz, einen der deutschen Olympiastützpunkte. «Mehr konnten mir meine Eltern nicht mit­geben, die Trennung war hart für uns, aber richtig», sagt sie. Ihr neuer Laufpartner war der Deutsche Robin Szolkowy, mit ihm trainierte sie fortan bei Ingo Steuer, dem einstigen Paarlauf-Weltmeister. Nachdem sie 2005 die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatte, wurde sie mit Szolkowy – ebenfalls häufig Gast in Zürich – fünfmal Welt- und viermal Europameister. Nur an Olympischen Spielen wollte es nicht ganz klappen. Zweimal Bronze, 2010 und 2014, war schön, genügte aber ihren Ansprüchen nicht. Perfekt ist anders.

Deshalb 2014 erneut die Trennung, noch einmal. Und mit 30, wenn Eiskunst­läufer üblicherweise zurückgetreten sind, noch einmal der Bruch mit allem. «Ich habe gespürt, dass noch mehr in mir ist, dass es kein Verlust ist, wenn ich von Chemnitz weggehe», sagt sie. Ihr Gefühl sagte ihr, dass der Franzose Bruno Massot der richtige Läufer für die Zukunft sei, «wenn ich den Männern beim Laufen zuschaue, merke ich, mit wem es funktionieren würde», beschreibt sie ihre Wahl. Sie hat sich nicht getäuscht.

Wie aber konnten sie sich sicher sein, dass Massot bis zu den Spielen 2018 eingebürgert ist? «Daran zweifelten wir nie, die deutsche Eislauf-Union hat alles dafür getan», sagt sie. Der Boulevard raunte nach dem Goldgewinn, man habe den Franzosen ausgekauft. Wie auch ­immer. Die beiden haben sich den grossen Coup in vier Jahren in ihrer neuen Heimat Oberstdorf erarbeitet. Sie sei heute fähig, mehr zu leisten als früher, sagt sie. Nicht nur die guten Gene hätten dazu beigetragen, sondern auch, dass sie ihrem Körper zeitlebens Sorge getragen habe. Was für Aljona Savchenko dabei heraus­gekommen ist, ist perfekt. Endlich.

Erstellt: 28.02.2018, 22:01 Uhr

Art on Ice

Mit Lambiel

Neben den Olympiasiegern Aljona Savchenko und Bruno Massot tritt ab heute und bis Sonntagabend auch Stéphane Lambiel bei Art on Ice auf. Der Weltmeister von 2005 und 2006 sowie Olympiasilbergewinner 2006 eröffnete 2014 in Champéry in den Walliser Alpen seine Skating School, die er seither mit seinem damaligen Trainer Peter Grütter und Choreografin Salomé Brunner führt. Letztmals auftreten wird im Hallenstadion Jewgeni Pluschenko (RUS), der zweifache Olympiasieger und dreifache Weltmeister. (mos)

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