Plötzlich der Bronze-Peier

Im letzten Winter verpasste Killian Peier sogar Olympia. Er war zu schlecht dafür. Nun fliegt der 23-jährige Romand an der WM zu Bronze.

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Diese Frage kann Killian Peier nun wirklich nicht begreifen. Gerade haben ihn die Teamkollegen auf die Schultern gehoben und damit seine Bronze noch im Auslauf der Berg-Isel-Schanze zelebriert, da will das ORF wissen, ob ihn das knappe Verpassen von WM-Silber enttäusche. Ungläubig schaut Peier den Fragesteller an und sagt: «Überhaupt nicht.» Der Mann kennt seine jüngere Leidenszeit nicht.

Noch im letzten Winter hätte nicht einmal Peier einen Franken auf sich an dieser WM gewettet. Im ohnehin kleinen Schweizer Skisprungteam war er nämlich gar zu schwach, sich für die Winterspiele zu empfehlen. Nun führte er, nur einen Winter darauf, auf der Grossschanze nach dem ersten Durchgang gar die WM-Konkurrenz an. Dabei war er in seiner Laufbahn noch nie besser als 7. klassiert.

Killian Peier weiss: In diesem Flow ist Skispringen auf einmal ganz, ganz einfach. Darum traut er sich auch auf der kleinen Schanze Top-Flüge zu.

«Nur im Skispringen sind solche Wunder wohl möglich», sagte Peier. Schliesslich hatte er zu Saisonbeginn von sich erhofft, regelmässig in die Top 30 zu springen, also schlicht zwei Wettkampfsprünge pro Einsatz absolvieren zu können. Gestern aber wackelte er selbst unter Maximaldruck bloss ein wenig bei der Landung. Ansonsten agierte er wie ein Routinier.

Peier galt früh als Erbe von Ammann, der ihn beflügelte

Dabei hatte er zum Start in diesen WM-Winter mit Rang 17 gerade einmal sein Bestergebnis egalisiert und nach einer starken Sommersaison angedeutet, dereinst allenfalls der Nachfolger von Simon Ammann zu sein (am Samstag 15.).

Als dessen logischen Erben ­betrachtete man den jungen Peier bereits, als er mit 17 Jahren fast so gut wie der vierfache Olympiasieger im Weltcup debütiert hatte. Es war der Toggenburger gewesen, der Peier indirekt zum Skispringen gebracht hatte. Knapp 7 war Peier, als der Waadtländer die Goldsprünge von Ammann an den Spielen 2002 erlebte und fand: So will ich auch fliegen können und auch einmal an Spielen dabei sein. Mit 16 verliess er darum das ­Elternhaus und dislozierte fast ohne Deutschkenntnisse nach Einsiedeln an den Stützpunkt der Skispringer – um nach kurzem Erfolg ordentlich zu tauchen.

Mit Alpinski über den Bakken, raus aus der Komfortzone

Obschon er sich selbst nach dem Verpassen der Spiele niemals so grundsätzlich hinterfragte, dass er gleich sein Spitzensportdasein aufgeben wollte, forderte er doch mehr Professionalität von sich. Er begann mit einem Mentalcoach zu arbeiten, damit «ich mich besser kennen lerne und weiss, wie ich meine Emotionen in den Griff bekomme». Denn Peier bezeichnet sich als sehr ungeduldig. Immer wieder habe er gehadert, wenn es ihm nicht so gelaufen sei, wie er sich das vorgestellt habe.

Zudem schwor er sich, seine «Komfortzone» zu verlassen, wie er es nennt. Das bedeutete etwa: Immer wieder bei starken Winden und damit schwierigen Verhältnissen zu springen. Oder: Auch einmal mit Alpinski über den Bakken zu sausen. «Weil du so kaum Druck unter den Ski hast, musst du deiner Technik sehr vertrauen und dir klar sein, was du warum tust.»

Teamkollegen feiern Peier

Die Freude könnte nicht grösser sein. Video: SRF

Dass sich Disziplinen-Chef Berni Schödler entschied, ­Ammann aus der Gruppe zu nehmen und Ronny Hornschuh nur noch die Jungen um Peier coachen zu lassen, wurde in der WM-Vorbereitung zu seinem Glück. Plötzlich hatte Hornschuh viel mehr Zeit, die kommende Generation voranzubringen.

Und so sagt dieser Bronze-Peier nun mit breiter Brust: «Ich werde diesen Level an der WM auch auf der kleinen Schanze halten können.» Der Saisonaufsteiger traut sich also einen zweiten ­Medaillencoup zu? «Zumindest weitere Top-Flüge», sagt er. Er weiss: In diesem Flow ist Skispringen auf einmal ganz, ganz einfach.

Erstellt: 23.02.2019, 22:31 Uhr

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