Sie sorgt für Wirbel, der sie selbst ermüdet

Lara Gut-Behrami hat viele vor den Kopf gestossen. Etwa ihren Trainer Beat Tschuor. Er sagt, sie müsse aus gewissen Mustern ausbrechen.

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Aus allen Wolken fiel er nicht. Denn Beat Tschuor, Cheftrainer der Schweizer Skifahrerinnen, sagt: «Öffentliche Forderungen von ihr gegenüber dem Verband hat es schon in der Vergangenheit gegeben.»

Gemeint ist Lara Gut-Behrami, wieder einmal. Respektive ihre jüngste Kritik gegenüber Swiss-Ski. Vergangene Woche meinte sie vor den Rennen in Lake Louise, der Verband dürfe die Athletinnen nicht ausnutzen, schliesslich existiere er nur dank diesen. Emotional aufgeladen monierte sie indirekt, die Verantwortlichen gäben sich mit zu wenig zufrieden, hätten zu geringe Ambitionen. Und sie sagte, dass ihr mehr geboten werden müsse, und forderte zusätzliche Physiotherapeuten für sich und die Kolleginnen im Speed-Team.

Tschuor ist also nicht gleich vom Stuhl gefallen vor Entsetzen ob dieser Aussagen. Auf die ­Frage, ob sie ihn getroffen hätten, mag er nicht eingehen. Vor dem Heimauftritt in St. Moritz sagt er nur: «Unser Trainerteam gibt sein Bestes, nach meinem Ermessen setzen wir die Ressourcen bestmöglich ein. Es darf sich zwar jede und jeder äussern, aber diese Kritik kann ich nicht nachvollziehen.»

Die Athletin verliert Energie

Gut-Behrami ist aus Udine, wo sie mit Ehemann Valon Behrami lebt, ins Engadin gereist. Sie sagt, der ständige Kampf mit dem Verband ermüde sie. Umso erstaunlicher mutet es an, sorgt sie immer wieder in Eigenregie für Wirbel. Tschuor erwähnt den Energieverlust für die Athleten, den solche Possen mit sich ziehen würden, weist auf den zusätzlichen Druck hin, den sich die Tessinerin völlig unnötig selbst auferlegt habe.

In der Tat wären die Erwartungen an die einstige Gesamtweltcup-Siegerin in Lake Louise überschaubar gewesen, weil ihr die Piste nicht behagt, sie in Kanada selten überzeugt hat. Nach den forschen Tönen aber waren die Plätze 12, 15 und 27 ein gefundenes Fressen für ihre Kritiker, an denen sie sich öfters aufreibt. Und von denen sie sich zuweilen ungerecht behandelt fühlt.

«Lara muss lernen, dem Verband zu vertrauen und sich mit ihm zu arrangieren»Beat Tschuor

Mehrmals im Gespräch betont Tschuor, seine Attitüde sei immer «pro Lara» ausgerichtet. Man mag es dem Bündner glauben, der den Trainingseifer Gut-Behramis lobt, die Zusammenarbeit mit ihrem neuen Fitnesscoach José Luis Alejo Hervas, der immer dabei und auch eine Art Skitrainer ist. Als Swiss-Ski-Angestellter soll der umgängliche Spanier Bindeglied spielen zwischen der Einzelgängerin und dem Rest der Speed-Gruppe. Tschuor will nichts anderes, als dass die Fahrerin Erfolg hat. «Aber Lara muss lernen, dem Verband zu vertrauen und sich mit ihm zu arrangieren, lernen, aus gewissen Verhaltensmustern auszubrechen.»

Ist eine komplette Integration noch möglich?

Swiss-Ski sei verantwortlich dafür, ein Gerüst anzubieten, hält Tschuor fest. Fragt sich, wie hoch der Preis dafür sein soll. Klar ist: Die 28-Jährige fordert viel, aber liefert zu wenig. Beim Verband will das niemand so sagen – aber es ist kaum eine exklusive Sicht der Dinge. Letzten Winter war Gut-Behrami viertbeste Schweizerin im Gesamtweltcup. Hinter Wendy Holdener, hinter Michelle Gisin, auch hinter Corinne Suter.

Lara Gut-Behrami spricht über ihre Ziele in diesem Weltcup-Winter. (Video: Tamedia)

Suter ihrerseits war die einzige Schweizerin, die vor Wochenfrist in Lake Louise überzeugte. Gleich mehrere Teamkolleginnen enttäuschten, die hausgemachte Unruhe aber soll die Equipe nicht negativ beeinflusst haben. Das sagen die Fahrerinnen, das sagen die Trainer. Laut Tschuor ist die Arbeit mit Gut-Behrami denn auch nicht per se schwierig. «Klar, Lara kann direkt sein, aber das empfinde ich eher als Stärke. Das Problem ist, dass manchmal unvorhersehbare Dinge geschehen wie eben letzte Woche. Bei ihr resultiert daraus leider oft ein Paukenschlag – auch wenn sie das vielleicht gar nicht will.»

Was Gut-Behrami möchte, ist dieses bedingungslose Vertrauen auf den Ski. Sie spricht vom «Flow-Zustand», den sie braucht, um wieder voll attackieren zu können, statt an diesem und jenem herum zu studieren: «Denn das macht langsam.» ­Näher auf ihre Schelte am Verband geht sie nicht mehr ein, sie sagt, Diskussionen gebe es immer, aber eine grössere Sitzung werde in St.Moritz nicht abgehalten, «das ist nicht nötig». ­Unmittelbar nach ihrer Kritik in Lake Louise hatte sie ein Gespräch mit Tschuor geführt. Dieser nimmt die ­Geschichte nicht persönlich, lieber heute als morgen möchte er zum «Courant normal» übergehen. Man merkt: Wohl ist in dieser Angelegenheit niemandem.

Beat Tschuor, ihr Trainer, sagt: «Sie muss egoistisch denken, braucht sich nicht mehr voll ins Team zu integrieren – vielleicht ist das auch gar nicht mehr möglich.» (Bild: Keystone)

Festzuhalten bleibt, dass der 50-Jährige den Athletinnen Möglichkeiten einräumt, im Training individuelle Wege zu gehen. Auch Holdener und Gisin nutzen diese, mit dem Unterschied, dass sich die beiden nicht beklagen, sondern Dankbarkeit äussern. Man dürfe Gut-Behrami nicht mit anderen Fahrerinnen vergleichen, sagt Tschuor noch. «Bei ihr war immer alles auf sie ausgerichtet. Sie muss egoistisch denken, braucht sich nicht mehr voll ins Team zu integrieren – vielleicht ist das auch gar nicht mehr möglich. Solange sie offen ist für Inputs, stimmt es für beide Seiten.»


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

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Erstellt: 14.12.2019, 08:10 Uhr

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