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Sie trägt Ski an den Füssen und die Umwelt im Herzen

Als Rennfahrerin kann Federica Brignone Grosses erreichen, als Umweltaktivistin will sie Grosses bewirken.

Philipp Rindlisbacher
«Wir sind verpflichtet, die Schönheit der Ozeane zu bewahren»: Voller Einsatz von Federica Brignone für den Umweltschutz.
«Wir sind verpflichtet, die Schönheit der Ozeane zu bewahren»: Voller Einsatz von Federica Brignone für den Umweltschutz.
Giuseppe La Spada

Offener Mund, grosse Augen, schneller Atem. Als sich Federica Brignone vor wenigen Tagen den Stand im Gesamtweltcup anschaute, erschrak sie. Auf Platz 2 liegt sie, der Rückstand auf Mikaela Shiffrin beträgt noch 113 Punkte. Weshalb auf einmal Träume wahr werden könnten, die sie noch vor wenigen Wochen nicht zu träumen gewagt hätte.

Fast unbemerkt ist Brignone an die Spitze vorgestossen. Lange flog sie unterhalb des Radars, ihre Erfolge gingen ein wenig unter beim Getöse ums Duell zwischen Mikaela Shiffrin und Petra Vlhova. Brignone aber hat schon vier Rennen in drei Disziplinen gewonnen in diesem Winter, neunmal ist sie auf dem Podest gestanden, führt die Wertungen im Riesenslalom und in der Kombination an. Sie ist das Gesicht des italienischen Aufschwungs, Grün-Weiss-Rot dominiert gerade bei den Frauen, und Brignone wird wohl bald die erfolgreichste Italienerin in der Geschichte des Weltcups sein. 14-mal hat sie gewonnen, Deborah Compagnoni (16) und Isolde Kostner (15) könnte sie noch in dieser Saison ein- oder gar überholen.

Als Kind eine Wildsau

29 ist Brignone, schon vor neun Jahren gewann sie eine WM-Medaille. Und doch hat es Zeit gebraucht, bis aus der Hochbegabten eine Überfliegerin geworden ist. Die Vorzeichen hatten gestimmt: Da ist Vater Daniele, ein Skilehrer, da ist Mutter Maria Rosa Quario, die zwischen 1979 und 1983 vier Slaloms gewann. Rosi Mittermaier/Felix Neureuther, Hanni Wenzel/Tina Weirather und eben Quario/Brignone – erst in drei Fällen haben sowohl Mutter als auch Kind im Weltcup triumphiert.

«Die Zerbrechlichkeit des Planeten und die Nachhaltigkeit der Umwelt hängen zunehmend von Entscheiden ab, die wir treffen.»

Federica Brignone

Als Kind war Brignone eine Wildsau. Sie kannte nur Vollgas, stürzte immer wieder – ihr riskanter Fahrstil rührt von damals her. Sie ist ein Bewegungstalent, früher ging sie zum Kunstturnen, machte Eiskunstlauf, noch heute klettert sie und spielt Tennis. Was das Skifahren betrifft, machte es aber erst vor einigen Jahren Klick. Sie realisierte, dass sie jede freie Sekunde fürs Training brauchen würde. Und so kam es zur Exmatrikulation an der Universität, Brignone engagierte einen persönlichen Skitrainer, einen Mentalcoach. Sie entwickelte sich zur Siegfahrerin und sagt: «Ich kann jetzt mit den Ski tun, was ich will. Es funktioniert einfach.» Das weiss auch die Mutter zu schätzen, die als Journalistin einer Mailänder Tageszeitung durch den Weltcup zieht. Fährt die Tochter, hüpft die Mutter schon einmal nervös im Zielraum herum. «Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie vor Aufregung sterben könnte», sagt Brignone.

Will wachrütteln: Federica Brignone. (Bild: Giuseppe La Spada)
Will wachrütteln: Federica Brignone. (Bild: Giuseppe La Spada)

In Skimontur ins Wasser

Mit ihren Erfolgen ist Brignone selbst in den italienischen Gazetten ein Thema geworden, in welchen nach Fussball vor allem Fussball, Fussball und Fussball dominieren. Den Bekanntheitsgrad will sie nutzen, um die Gesellschaft wachzurütteln. Die Freundin des französischen Abfahrers Nicolas Raffort setzt sich für den Umweltschutz ein, hat mit «Traiettorie Liquide» ein Projekt lanciert, dessen Ziel es ist, Menschen für den Wert von sauberem Wasser zu sensibilisieren. Mehrmals schon sprang sie in voller Skimontur ins Meer, mit den Bildern will sie aufzeigen, wie Meerestiere wegen des Abfalls sterben, am Plastik ersticken. «Wir sind verpflichtet, die Schönheit der Ozeane zu bewahren, sagt Brignone, «es ist ein grundlegendes Problem für unser Überleben geworden. Die Zerbrechlichkeit des Planeten und die Nachhaltigkeit der Umwelt hängen zunehmend von Entscheiden ab, die wir treffen.»

 Engagement für die Umwelt: Federica Brignone sammelt im Gardasee Plastikmüll ein. (Bild: Giuseppe La Spada)
Engagement für die Umwelt: Federica Brignone sammelt im Gardasee Plastikmüll ein. (Bild: Giuseppe La Spada)

Die Olympia-Dritte von Pyeongchang im Riesenslalom hält Vorträge in Schulen, hilft bei Strandsäuberungen mit, tauchte auch schon in den Gardasee, um Abfall zu sammeln. Immer mehr solcher Aktionen sind geplant. Wobei Brignone damit umgehen kann, wenn ihr Doppelmoral vorgeworfen wird. Der Skiweltcup mit all seinen Begleiterscheinungen ist nicht gerade umweltfreundlich, und vorab bei Brignone häufen sich die Reisen, weil sie kaum einmal ein Rennen auslässt. In Crans-Montana stehen von heute bis Sonntag zwei Abfahrten und eine Kombination auf dem Programm, den Zweiteiler hat sie im Wallis 2017, 2018 und im Vorjahr für sich entschieden. Da Shiffrin wegen des plötzlichen Todes ihres Vaters nach wie vor pausiert, könnte Brignone nach diesem Wochenende vorne liegen. Und noch mehr staunen.

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