«Sie trug ­Afro-Frisur und wollte Model werden»

Dominique und Michelle Gisin sind Schwestern und Olympiasiegerinnen. Ihr Werdegang ist verschieden, das Feuer gleich.

Dominique (links) und Michelle Gisin sind sich einig: der Olympiasieg der Schwester war emotionaler als der eigene. Foto: Jordan Smith

Dominique (links) und Michelle Gisin sind sich einig: der Olympiasieg der Schwester war emotionaler als der eigene. Foto: Jordan Smith

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Über acht Jahre trennen sie, die Liebe zum Skisport verbindet sie: Dominique Gisin, 33, betreut seit ihrem Rücktritt ihre Schwester Michelle, 24, im Weltcup. Sie weilt mit ihren Eltern im kanadischen Lake Louise, wo sie gestern zum zweiten Mal im zweiten Abfahrtsrennen einen Podestplatz der Jüngsten bejubeln konnte. Michelle Gisin wurde Dritte.

Dominique Gisin, haben Sie Angst um Ihre Schwester?
Dominique: Nicht mehr.

Das heisst?
Dominique: Früher schon, aber ich habe gemerkt, dass sie zum Glück anders tickt als ich. Sie reagiert auf heikle Situationen besser, geht mit dem Restrisiko extrem gut um.

Wie zeigt sich das?
Michelle: Es ist schwierig, das von mir zu sagen. Aber ich überrasche mich oft selber wie hier in Lake Louise, wo ich nach langer Zeit ohne Abfahrtstrainings hinkomme und es irgendwie hinkriege. Ich habe im Gegensatz zu Dominique eine riesige Sicherheit dank den technischen Disziplinen. Ich war in den Top 15 im Slalom, als ich als Bonus noch zu den Speedrennen kam. Für ­Dominique, mit all ihren Verletzungen, waren viele Rennen so etwas wie die letzte Chance, dann riskiert man alles. Ich kam nicht zur Abfahrt, um mich kaputt zu machen, sondern um gesund zu bleiben.

Dominique wurde neunmal am Knie operiert. Sie haben das von klein auf mitbekommen. Schreckte Sie das nicht ab?
Michelle: Es war sogar gut, weil es mir unheimlich viel Respekt gab vor dem Skisport. Andere setzen sich nicht damit auseinander. Ich aber war dazu gezwungen, weil ich viel zu oft sah, wie meine Schwester und mein Bruder in die Netze knallten. Diese Bilder werde ich nie los. Ich suche nach Lösungen, damit mir das nicht passiert.

Ist Michelle reifer, als Sie es waren in ihrem Alter?
Dominique: Viel reifer, sie verhält sich überhaupt nicht wie ein Rookie, sie fällt praktisch nie dumme Entscheidungen. Ich hatte mein Debüt 2005 in Lake Louise. Ich habe bei einer Passage einen Fehler gemacht. Und was mache ich? Ich fahre direkt auf das nächste Tor zu, mache den Spagat, die Saison ist beendet. So etwas macht Michelle nicht. Wenn sie sich nicht hundertprozentig wohlfühlt, fährt sie sicher hinunter. Das ist dann zwar nicht schnell, aber auch nicht tragisch, weil sie so viele Rennen fährt.

Michelle plant, ausser bei den Parallelrennen überall anzutreten . . .
Michelle: . . . das ist doch megageil.
Dominique: Vor allem hat es sehr viele positive Aspekte.

Welche denn?
Dominique: Es hängt viel weniger von einem Rennen ab. Sie hat eben nicht eine letzte Chance, sondern ganz viele.

Michelle: Ich habe viel mehr Ruhe.
Dominique: Und du hast die Möglichkeit, dich über eine andere Disziplin wieder aufzubauen.
Michelle: Ich bin mir sicher, dass ich letzten Sonntag im Slalom nur deshalb Fünfte wurde, weil ich am Samstag im Riesenslalom einen Fehler gemacht hatte. Ich war so wütend und fuhr mit Vollgas hinunter.

Wie können Sie sich andauernd einstellen auf die verschiedenen Disziplinen?
Michelle: Im Sommer arbeite ich darauf hin, dass ich Anfang Winter an einem Punkt bin, an dem es egal ist, welche Ski ich gerade unter meinen Füssen trage.
Dominique: Das ist nur möglich, weil sie eine Basis und die Reife hat. Ich mache einen gewagten Vergleich: Es gibt im Tennis Spieler, die nur aufschlagen können, andere beherrschen nur die Vorhand richtig gut. Und dann gibt es die, die breiter aufgestellt sind.

Michelle Gisin, der Roger Federer des Skisports?
(Michelle lacht laut)
Dominique: Also so weit würde ich jetzt nicht gehen. Aber es ist einfacher, sich auf viele Stärken verlassen zu können statt nur auf eine. Bei mir gabs zu Beginn nur die ­ Abfahrt – go, go, go.

Kennen Sie Momente der Erschöpfung, Michelle?
Michelle: Klar. Aber ich bin schon energiegeladen. Inzwischen kann ich damit besser umgehen. Ich habe dank meines Sportpsychologen gelernt, wie ich die Energie kanalisieren kann, damit ich nicht permanent gegen eine Wand renne.

Dominique, wie ist es für Sie, mit diesem Energiebündel zusammenzuarbeiten?
Dominique: Zu Beginn war es für mich etwas vom Intensivsten, mich darauf einzustellen, dass sie so anders an die Sache herangeht, dass sie vor dem Start so spielerisch und locker ist.
Michelle: Kurz vor dem Start bin ich aber aggressiv, ich muss mich in dieses Gefühl hineinpeitschen, es chlöpft und tätscht von meinen Ski. Dominique hatte immer ihren Fokus und liess nichts an sich heran.
Dominique: Ich brauchte Ruhe.
Michelle: Als ich dich das erste Mal so erlebte, dachte ich, du würdest nie mehr ein Wort mit mir reden. Du standest am Start, eingehüllt in eine dunkle Wolke der Konzentration und strahltest aus: Geht einfach alle weg von mir.
Dominique: Ich kann mir vorstellen, dass es nicht angenehm war. Es hätte eine Atombombe neben mir explodieren können, ich hätte das nicht gemerkt. Ich habe fünf Jahre gebraucht, bis ich verstand, weshalb immer alle ein Problem hatten, hinter Elisabeth Görgl zu starten – bis sie mir einen Stock an den Helm schlug. Vorher hatte ich nie mitbekommen, was sie da für ein Theater veranstaltet im Starthäuschen.

Gibt es das Gisin-Gen, das Sie beide und Ihren Bruder Marc schnell macht?
Michelle: Irgendetwas muss es da schon geben – und wenn es nur der Wahnsinn ist, die unendliche Leidenschaft für diesen Sport.
Dominique: Ich sah Athletinnen, die fuhren technisch brillant, kamen aber weder in der Abfahrt noch im Super-G auf einen grünen Zweig. Wir haben etwas in uns, was man sich nicht antrainieren kann.

Woher kommt die grosse Leidenschaft? Dominique: Das Feuer haben uns unsere Eltern mitgegeben, wir lieben das Skifahren über alles. Hat Marc einen Tag frei, geht er Tiefschnee fahren, er ist der Verrückteste von uns. Und ich ging nach der Saison jeweils in die Skiferien – alle haben nur den Kopf geschüttelt. Wenn ich meinen Vater sehe, wie er kleinen Kindern das Skifahren beibringt, dann verstehe ich, warum wir das so lieben. Ich habe noch keines gesehen, das danach nicht leuchtende Augen hatte.

Weshalb?
Michelle: Dad ist einer, der alles als Phänomen wahrnimmt, alles ist spannend und faszinierend. Als Kind ist es ein Traum, einen Vater zu haben, der mit dir seine Begeisterung für ein kleines Vögelchen teilt oder für ein Blatt, das langsam vom Baum schwebt. Da kann er eine halbe Stunde später noch in seinen Gedanken schwelgen. Und seine Faszination für das Skifahren ist noch viel extremer.
Dominique: Das andere ist, dass meine Eltern uns radikal unseren Weg gehen liessen. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mir jemals gesagt hätten, ich soll doch etwas so machen wie die anderen. Zu euch haben sie so etwas auch nie gesagt, oder?
Michelle: Nein.

Michelle ist achteinhalb Jahre jünger. War früh klar, dass auch sie Skirennfahrerin wird?
Dominique: Keiner hätte je darauf gewettet, dass sie einmal im Weltcup enden würde. Sie hatte so viele andere Interessen. Ich dachte manchmal: Was ist eigentlich los mit der? Die trug da so eine riesige Afro-Frisur auf dem Kopf und wäre am liebsten Model geworden.
Michelle: Miss Schweiz.
Dominique: Sie war anders als ich.
Michelle: Viele fragten mich: Willst du auch Skifahrerin werden wie Dominique? Ich sagte: Nein.

Sondern Miss Schweiz.
Michelle: Ja, dann wollte ich studieren, dann dies, dann das. Ich hatte nie einen klaren Plan. Aber am Ende wollte ich dann doch immer ums Verrecken dabei sein, wenn die beiden an Skirennen fuhren. Auch wenn es bedeutete, um fünf aufzustehen und dann einfach im Ziel herumzustehen.
Dominique: Einmal hat dich Mom (die Mutter) nicht geweckt, da hast du den ganzen Tag geplärrt.
Michelle: Und später habe ich mich auch in den Sport verliebt. Aber wir hatten immer die Wahl, das war sehr wichtig: Wir entschieden uns bewusst und aktiv für etwas.

Sie haben beide die Matura: Sie, Dominique, haben Physik studiert, die Pilotenausbildung gemacht. Wie kommen Kopfmenschen mit der Monotonie des Sports zurecht?
Michelle: Ich habe das Glück, dass ich den Sport mit meinen Trainern auf einer sehr interessanten Ebene analysieren kann. Das ist viel Kopfarbeit. Zudem kann ich die erlernten Sprachen anwenden, die ich sonst wohl nie brauchen könnte.
Dominique: Du hast deine Sprachen, ich habe jeweils viel gelesen und abgewechselt zwischen Belletristik- und Sachbüchern. Auch die Pilotenausbildung hielt mich auf Trab. Es ist wichtig, Dinge neben dem Sport zu haben, nicht zu verkopft an die Sache heranzugehen.

Sie sind Olympiasiegerinnen. Was ist emotionaler: Gold zu gewinnen oder seiner Schwester dabei zuzuschauen?
Michelle: Für mich war das Gold von Dominique emotionaler. Als Athletin bin ich mittendrin, habe meine Aufgabe. Als ich diese in der Kombination von Pyeongchang erfüllt hatte, brach ein Tornado los um mich, aber ich war im Auge. Von aussen dagegen sieht man ­alles, den Rummel der Olympischen Spiele, den Druck, den Stress. Als Dominique in Sotschi in der Leaderbox sass, sind bei mir Bilder hochgekommen, wie ich als kleines Mädchen an ihrem Bett stehe und mit ihr «Siedler von Catan» spiele, weil sie wieder einmal mit einer Bewegungsschiene drei ­ Monate lang im Bett liegen muss.
Dominique: Und ich war im Tunnel. Als Schwester aber durfte ich alle Emotionen zulassen, ich konnte geniessen und alles rauslassen.

Michelle, wie haben Sie Dominiques Goldfahrt in der Abfahrt von Sotschi erlebt?
Michelle: An diesem Tag war die ganze Familie zu Hause, das war sehr selten. Dad und Marc wollten das Rennen im oberen Zimmer schauen, weil der Fernseher dort grösser war. Mom hat dann auch ihre Position eingenommen: etwa 20 Meter weit weg, damit sie mit einem Viertelauge fünf Quadratzentimeter des Bildschirms sah.

Kann sie Ihnen nicht zuschauen?
Dominique: Vor Ort geht es, am Fernseher findet sie es schlimm.
Michelle: Und das Schlimmste für sie sind Livezeiten am Handy.

Weil die Zeit kaum vergeht zwischen den Zwischenzeiten?
Dominique: Als Marc 2015 seinen schlimmen Sturz in Kitzbühel hatte, kam erst einmal die Zeit nicht. Man denkt: Wieso kommt sie nicht? Dann kommt: Rennen unterbrochen. Man weiss: Er ist gestürzt.
Michelle: Und dann gab es damals noch ein Spezialelement in dieser App der FIS (Skiverband).

Dominique: Ja, da stand plötzlich: Helikopter-Rettung. Das kann in Kitzbühel alles heissen.

Wie haben Sie nach dem Sturz reagiert?
Dominique: Ich rief 27 Personen an, es nahm niemand ab, im Zielraum von Kitzbühel hört ja keiner das Telefon. Ich bin fast durchgedreht, Mom war am Anschlag, keiner hatte Informationen.
Michelle: Ich war beim Training in Pfelders und versuchte, nicht auf die Livezeiten zu schauen. Viel zu oft habe ich als Kind zusammen mit meiner Mutter erlebt, dass «Rennen unterbrochen» stand, wenn Dominique hinunterfuhr. Doch plötzlich hörte ich meinen Servicemann, wie er sagte: «Oh, Mist!» Dann sehe ich diese Helikopter-Meldung, ich war komplett hinüber. Dann noch in Kitzbühel, wo wir sowieso eine Woche lang Angst haben um ihn.

Wieso gingen und gehen Sie alle ein solches Risiko ein?
Michelle: Es kann auch überall sonst passieren. Ich laufe über die Strasse und werde überfahren.

Aber Sie fordern es heraus.
Michelle: Natürlich ist die Gefahr von Verletzungen höher. Auf der anderen Seite aber arbeiten wir mit unserem Körper bewusster – so, dass wir ihn im Alter besser kennen und mehr über ihn wissen.
Dominique: Skifahrer werden jahrelang auf ihren Beruf vorbereitet. Müsste ich einen Sprung machen wie Giulia Steingruber, würde der wohl tödlich enden. Sie aber wurde daran herangeführt, seit sie ein Kleinkind war. Und: Wenn wir uns in jemanden verlieben, dann überlegen wir uns auch nicht vorher, was genau das für eine Person sein muss. Ich habe mich nicht ins Skifahren verliebt, weil es so gefährlich ist, sondern trotzdem.

Macht der Nervenkitzel nicht auch den Reiz aus?
Michelle: Wenn ich in Lake Louise nach dem ersten Sprung 130 km/h auf dem Deckel habe, dann finde ich das überhaupt nicht lustig. Die technischen Teile dagegen, wenn ich diese gut erwische, dann ist das supercool. Den Reiz machen nicht die Stellen aus, bei denen ich mich unwohl fühle, sondern die, bei denen ich mich wohlfühle.
Dominique: Etwas auf einem solchen Niveau machen zu dürfen, ist etwas unheimlich Befriedigendes. Es ist unglaublich, wenn du merkst, dass der Körper in jeder einzelnen Hundertstelsekunde genau das macht, was er machen soll. Ich werde das nie mehr erleben.

Und Michelle, wie ging das jetzt während Sotschi 2014 im Hause Gisin weiter?
Michelle: Marc und Dad waren am Durchdrehen. Und als offensichtlich wurde, was passieren würde, gab es vor dem Haus einen Auflauf. Besonders heftig aber war der Moment, als wir mit Dominique am Telefon reden konnten. Es war unglaublich schön, dass wir das ­alles miteinander teilen durften. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.12.2018, 23:41 Uhr

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