So will Zermatt das Lauberhorn übertrumpfen

Davos bekommt zwei Rennen, Zermatt will mit einer spektakulären Abfahrt auf die grosse Bühne.

Wird anstatt des Eigers beim Lauberhornrennen bald das Matterhorn in Zermatt die Kulisse im Ski-Weltcup prägen?

Wird anstatt des Eigers beim Lauberhornrennen bald das Matterhorn in Zermatt die Kulisse im Ski-Weltcup prägen? Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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Vielleicht übertrieb er mal wieder. Womöglich aber war es gar nicht völlig aus der Luft gegriffen, was FIS-Präsident Gian Franco Kasper im Februar sagte. Der internationale Skiverband könne sich kaum vor Interessenten wehren, die Weltcuprennen im Ski alpin durchführen wollten, sagte der 75-jährige Bündner. Die Warteliste sei mehrere Seiten lang mit weit über 100 Ortschaften.

In der Schweiz, aber auch in Österreich, Italien und Frankreich hat der Verdrängungswettbewerb längst begonnen. Auch osteuropäische Städte hegen Ambitionen, es gibt die Idee von Männer-Rennen an der US-Ostküste, die Asiaten drängen in den Markt – mittelfristig soll China einen festen Platz im Kalender erhalten. Diesen möchten auch viele hiesige Ski-Destinationen. Ansprüche haben etwa Lenzerheide, Veysonnaz, Davos und Zermatt gestellt, Gerüchten zufolge sollen auch in Andermatt Pläne bestehen. Wobei das mit dem Markteintritt so eine Sache ist: Mit Adelboden und Wengen bei den Männern sowie Crans-Montana und St. Moritz bei den Frauen ist die Schweiz im ohnehin überfüllten Kalender gut vertreten. «Mit uns können nur Österreich und Italien mithalten. Wir müssen froh sein, haben wir so viele Rennen. Die Konkurrenz wird immer grösser», sagt Swiss-Ski-Präsident Urs Lehmann.

Kampf in Lenzerheide

Skiorte erhoffen sich von den ausgestrahlten Fernsehbildern eine Werbewirkung in aller Welt. Ungeachtet der anfallenden Kosten bei Weltcuprennen spricht Lehmann von unbezahlbarer Werbung für eine Region. Und so ist das Gerangel entfacht. Im Prinzip gilt: Zieht sich hierzulande kein Veranstalter zurück, kommt kein neuer hinzu, jedenfalls keiner mit mittelfristiger Garantie. Und beispielsweise ein Rennen aus Österreich ersetzten zu können, ist so wahrscheinlich wie ein Kinderrennen auf der vereisten Streif in Kitzbühel.

 Eine Piste mit Start am Gornergrat wird derzeit ausgebaut – es wäre nach Wengen die wohl längste Strecke überhaupt.

Darunter leiden nicht zuletzt die Verantwortlichen in Lenzerheide. Die Bündner hätten gerne die Weltcup-Finals 2017 und 2019 ausgetragen, den Zuschlag kriegten sie erst für 2021. «Wir sind derzeit Lückenbüsser», sagt OK-Präsident Peter Engler. Er wünscht sich einen fixen Platz im Kalender, zumindest im Zweijahres-Rhythmus soll es in Lenzerheide Rennen geben, weil sich ohne Planungssicherheit kaum fixe Bauten errichten liessen und fast alles auf Ehrenamtlichkeit basiere. Der Kampf sei hart, sagt Engler, «und er dürfte noch härter werden». Die Bewerbung für die Finalwoche 2023 jedenfalls war nicht von Erfolg gekrönt.

Rennen von Zinal bis Flühli

Sich präsentieren möchte auch Zermatt. Am Gletscher trainieren zwar Sommer für Sommer Fahrer en masse, eine Weltcup-Veranstaltung aber hat es am Fuss des Matterhorns nie gegeben. Die Ambitionen sind hoch: Eine Männer-Abfahrt müsste es dann schon sein. Eine Piste mit Start am Gornergrat wird derzeit ausgebaut – es wäre nach Wengen die wohl längste Strecke überhaupt. Bei der FIS ist der Wunsch platziert, doch trotz Argumenten wie Schneesicherheit und attraktivem Gelände dürften sich die Planspiele weder heute noch morgen konkretisieren.

Die Situation lässt sich nicht mit jener in den Achtzigern und Neunzigern vergleichen, als es Weltcuprennen von Arosa bis Zinal gab, in Parpan, im luzernischen Flühli, in Ebnat-Kappel. In 25 Schweizer Orten sind schon Weltcuprennen durchgeführt worden. Wie kompliziert alles geworden ist, verdeutlicht das Beispiel Veysonnaz: 2004 wurde im Unterwalliser Dörfchen letztmals gefahren, seither waren sämtliche Bemühungen umsonst. Dem Vernehmen nach hat die Gemeinde besonders schlechte Karten, weil einst diverse Auflagen der FIS missachtet worden waren und es zum Disput mit dem Weltskiverband kam.

Der Platz im Wallis ist für Crans-Montana reserviert, wo Millionen investiert wurden, um nach jahrelanger Absenz wieder im Konzert der Grossen mitspielen zu können. 2025 soll gar die WM auf dem Hochplateau stattfinden. Erfolgversprechender wäre wohl eine Kandidatur zwei Jahre später.

Vorerst finden im Februar eine Abfahrt und eine Kombination der Frauen statt, aus wirtschaftlichen Gründen wurde das Anliegen deponiert, ein drittes Rennen zu bekommen. Auch St.Moritz hätte nichts gegen eine Programmerweiterung einzuwenden, weil gemäss OK-Chef Martin Berthod kaum Mehrkosten anfielen und eine bessere Chance bestünde, wegen allfälliger Wetterkapriolen zumindest zwei Rennen durchzubringen. Vorerst aber dürfte sich nichts ändern.

Neujahrsrennen in Davos

Die St. Moritzer würden gerne eine Abfahrt austragen. Im Dezember aber ist dies unmöglich, weil die Zeit nach dem Transfer aus Nordamerika nicht für die Trainingstage reichen würde. Ein Wechsel in den Januar ist aufgrund der Konkurrenz mit den Berner Oberländer Klassikern keine Option. Die Termine sind denn auch eine zusätzliche Eintrittshürde für neue Veranstalter. Für Zermatt etwa kommt nur ein Rennen Anfang Dezember oder im Januar in Frage, ansonsten geniessen die Touristen Priorität.

Aber eben, der Kalender ist längst überfüllt, nicht wenige Fahrer klagen laut. Und doch gibt es kommenden Winter Platz für Neues: Im November sind im vorarlbergischen Zürs Parallelrennen geplant, am Neujahrstag 2021 soll Davos zum Handkuss kommen. Noch ist nichts kommuniziert, die Vergabe aber gilt als beschlossene Sache. Auch im Landwassertal sind Parallelrennen geplant, für Frauen und Männer, es wird die Rückkehr von Davos in den Weltcup nach 36-jähriger Absenz.


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Erstellt: 17.12.2019, 17:18 Uhr

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