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Théodore und das nächste Kapitel

Simon Ammann hat eine bewegte Vorbereitung auf die 18. Saison hinter sich: mit Problemen und Vaterfreude.

Anziehen für eine neue Saison: Simon Ammann ist für den Start verhalten optimistisch. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)
Anziehen für eine neue Saison: Simon Ammann ist für den Start verhalten optimistisch. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Théodore also heisst der Jungflieger. Am 10. Oktober kam er zur Welt. Simon ­Ammann, sein Papa, bekommt ihn sehr direkt zu spüren. Ein bisschen erschöpft wirkt er beim Treffen. Der Bub möchte schliesslich auch nachts gefüttert und gepflegt werden. Da will und muss der stolze Vater mithelfen.

Théodore ist die neuste Veränderung im ­Leben des Skispringers und symb­olisiert unmittelbar vor seiner 18. Welt­cup­saison: Stillstand existiert bei Ammann nicht. Bildlich ge­sprochen be­findet sich der 33-Jährige zwei Tage vor dem ersten Weltcupspringen der Saison in Klingenthal auf dem Abflug ins nächste Kapitel.

Darum bedarf es erst eines kurzen Rückblicks, schliesslich gedachte der vierfache Olympiasieger im letzten Winter an den Spielen in Sotschi seine Vita definitiv zu vergolden. Es gab Kurzflüge und Riesentränen – auch weil sich ­Ammann ein bisschen selber geschlagen hatte: Er trieb ein neues Schuhmodell voran, das ihm just auf den Grossanlass hin einen Vorteil hätte bieten sollen, wie einst der gekrümmte Bindungsstab an 2010 in Vancouver.

Bloss blieb das Projekt unausgereift und implodierten Form sowie Selbst­vertrauen zum Höhepunkt wie ein missratenes Soufflé. Aus war der Traum. Die Auswirkungen des Flops spürte er noch im Frühling während des Aufbaus für die neue Saison: Sportlich ging erst ­einmal wenig. Dafür trieb er sein Selbststudium zum Linienpiloten so weit und erfolgreich voran, dass er im kommenden Frühling die erste Hälfte der Theorieprüfung wird absolvieren können. Spricht er ­davon, glänzen seine Augen.

Leidenschaftlich Skispringer

Was Ammann in den sportlich harzigen Wochen zugute kam: Es war nicht seine erste Krise. Er debütierte vor mittlerweile 17 Jahren im Weltcup. Da kommen so manche Erfahrungen zusammen. Nach seinem Doppelolympiagold von 2010 tat er sich beispielsweise mit dem Wiedereinstieg schwer, damals primär wegen starker Rückenschmerzen. Solche verspürte er in den letzten Monaten nie, dafür musste er die seelische Wunde zusammenwachsen lassen, welche das Sotschi-Debakel aufgerissen hatte. Er hat darum gelernt, sich Zeit zu lassen, Geduld zu haben.

Just auf die Geburt von Théodore hin präsentierte sich Ammann stabiler und besser. Einen Zusammenhang will er zwar nicht komplett ausschliessen, der würde seiner intensiven Arbeit auf der Schanze oder im Kraftraum aber nicht gerecht werden. Denn Ammann liebt das Skispringen weiterhin wie zu seinen Bubenzeiten, also chrampft er auch gern dafür. Diese Leidenschaft ist der wichtigste Grund, warum er sich noch immer Skispringer nennt.

Drei Zentimeter zwischen Haut und Anzug

Trotzdem hat er sich auch auf die WM-Saison hin anpassen müssen. Das hängt keineswegs nur mit Théodore ­zusammen. Abermals veränderte der ­Internationale Skiverband (FIS) die Regeln seines Sports. Es ist die gefühlt dutzendste Änderung in den vergangenen Jahren. 2011 führte die FIS den haut­engen Anzug ein, was das Flugsystem der Springer entscheidend veränderte: Technische Fehler ergaben sofort grosse Weiteneinbussen – und erhöhten primär bei Böen das Risiko eines Absturzes.

Die FIS reagierte, indem sie einen ­minimen Abstand zwischen Körper und Anzug vorschrieb, um die Balance zwischen Aerodynamik und Athletik ­anzugleichen. Nun hat sie diesen Abstand abermals vergrössert. Jetzt darf er höchstens drei Zentimeter zwischen Haut und Anzug betragen. Ammann hatte auch schon sechs Zentimeter erlebt – oder eben null. Gleichzeitig darf neu mit einem Rückenpanzer gesprungen werden, der ins Innentrikot eingenäht wird.

Wie fast alle Athleten aber verzichtete Ammann bislang auf diesen Rückenpanzer, weil dieser den Schwerpunkt verändert und damit das Fluggefühl. Die Springer müssten sich darauf erst einstellen, unter Topform. Die Zeit aber fehlte dem Toggenburger ebenso wie das notwendige Leistungsniveau.

Weiter mit dem Rückenpanzer?

Dennoch bleibt beim ewigen Tüftler vor dem Auftakt die Frage: Gibt es eine ­Möglichkeit, diesen Schutz so gewinnbringend in den Anzug einzubinden, dass er zu mehr Fläche und damit zu weiteren Flügen führt? Zumindest die Schweizer fanden keine entsprechende ­Lösung. Denn eine Ausbeulung am Rücken bringt keineswegs mehr Trag­fläche ein. Nur: Waren die Gegner ­kreativer?

Weil Simon Ammann vorletzte ­Woche beim Training in Oberstdorf die Gegner – von den Österreichern und Norwegern abgesehen – abhängte, ist er für den Saisonstart verhalten optimistisch. «Trainingsweltmeister bin ich schon einmal», witzelte er beim Treffen. Lerne: Der Schalk ist dem Jungvater geblieben.

höc

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