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«Und dann wird sie der Schweiz noch sehr viel Freude bereiten»

Tief durchatmen: Wie Lena Häcki schon in ihrem ersten Jahr als Profi in der Weltspitze angekommen ist.

MeinungRené Hauri
Früher wurde Lena Häcki von ihrer grossen Nervosität gebremst – heute verhilft ihr ein gewisses «Grundkribbeln» zum Erfolg. Foto: Anders Wiklund (AFP)
Früher wurde Lena Häcki von ihrer grossen Nervosität gebremst – heute verhilft ihr ein gewisses «Grundkribbeln» zum Erfolg. Foto: Anders Wiklund (AFP)

Durchatmen. Den Moment geniessen. So gut es geht in dieser Euphorie, bei ­diesen Athletinnen, die ihr auf die Schulter klopfen, sie umarmen, ihr Küsse auf die Wange drücken. Gabriela Koukalova, die Dominatorin des letzten Jahres, Laura Dahlmeier, die überragende ­Biathletin dieses Winters, Altmeisterin Kaisa ­Mäkäräinen, alle stehen sie im Zielraum um sie herum. Plötzlich ist sie mitten unter den Weltbesten ihres Sports, unter denjenigen, welchen sie eigentlich nacheifert: Lena Häcki, 21 Jahre alt, aus Engelberg.

Vierte ist sie in der Verfolgung von Östersund geworden. «Traumhaft, überwältigend», entfährt es ihr auch jetzt noch, ein Monat ist seit ihrem Exploit vergangen. Seit dem Tag, an dem sie alle Scheiben traf, erstmals überhaupt – 20-mal ins Schwarze, «selbst bei einem Testrennen ist mir das noch nie gelungen». Ausgerechnet auf der grossen Bühne des Weltcups, zu Beginn ihrer ersten Saison bei der Elite, kam es zur Premiere für die Schweizerin.

«Ich schweife nicht mehr ab»

Tief durchatmen. Das ist ein Rezept ihres Erfolgs, einer der Gründe, weshalb sie in diesem noch jungen Winter mit den Rängen 10 und 12 bereits zwei weitere Glanzresultate erreichte. Sie hat intensiv an ihrer Atemtechnik gearbeitet, den ganzen Sommer über, zusammen mit ihrer Mentaltrainerin. Die Nervosität, von der sie oft unkontrolliert ergriffen wurde, sollte ihr nicht weiter im Weg stehen. «Beim Start war diese immer riesig und auch während des Rennens noch zu gross», sagt Häcki. Dagegen hilft: tief durchatmen. «Vor dem Wettkampf kann ich mich so beruhigen und auf ein gutes Nervositätslevel holen», sagt sie. Ein ­gewisses «Grundkribbeln», wie sie es nennt, brauche sie, um schnell zu sein. Nur muss sie das unter Kontrolle haben. «Ich atme nun bewusster und merke, dass ich so zu mir selber finde, dass ich mich darauf konzentrieren kann, was gerade passiert. Ich schweife nicht mehr ab und kann mich auf jeden einzelnen Schuss fokussieren.»

In Östersund habe sie die Balance ­gefunden. «Ich war voll bei der Sache, habe mich nach einem nicht ganz sauberen Treffer zusammengerissen und versucht, es besser zu machen», sagt Häcki. «Ich war ganz in der Welt des Biathlons.»

Armin Auchentaller, Trainer der Schweizer Frauen, formuliert es zwar ähnlich, nur ist deutlich nüchterner, was der Südtiroler sagt: «Sie hat für einmal richtig Biathlon gemacht.» Will heissen: Häcki lief nicht nur schnell, wie sie das schon oft getan hat, sie traf diesmal auch optimal. «Es hat mich nicht überrascht, dass sie das kann. Sie war im Sommertraining sehr solid und konstant», sagt Auchentaller.

Erstmals hat sich Häcki in der Vorbereitung ganz dem Biathlon gewidmet. Nach der Matura an der Sportmittelschule Engelberg arbeitete sie in einem lokalen Sportgeschäft, begann ein Fernstudium in Mathematik, das sie nun unterbrochen hat, 2015 absolvierte sie die Spitzensport-RS: «Jetzt bin ich Profi. Das ist super, auch wenn ich viel unterwegs bin und die Familie und Freunde selten sehe. Für eine gute Sache muss man auch etwas opfern.»

Dass sich das so schnell auszahlte, ist für sie die Bestätigung, dass sie im Sommer vieles richtig gemacht hat. Sie hat sich so intensiv mit ihrem Sport auseinandergesetzt wie nie, hantierte auch abseits der Pisten mit ihrem Gewehr, etwa in den Hotelzimmern, trainierte Abläufe, die sie schon Tausende Male gemacht hatte: Gewehr runter, Gewehr rauf. Magazin raus, Magazin rein. Verschluss ziehen, zielen, abdrücken. «Weil wir das so oft machen, geschehen die Abläufe immer unbewusster. Damit steigt das ­Risiko, dass sich Fehler einschleichen, dass man anfängt zu schludern. Ich muss den Körper zwar seine gewohnten Bewegungen machen lassen, aber mit dem Kopf dabei sein und darauf achten, dass alles sauber abläuft», beschreibt Häcki. Sie versucht dann, sich mental in eine Wettkampfsituation zu bringen, «herauszufinden, wie ich mich im Schiessstand fühle».

Plötzlich im Sog des Biathlons

Die Übungen hat sie zusammen mit der Mentaltrainerin entwickelt. «Eine sehr wichtige Figur in ihrem Puzzle», sagt Trainer Auchentaller. Macht sie so weiter, traut er seiner jungen Athletin noch viel zu. «Ich bin überzeugt davon, dass sie in Zukunft regelmässig vorn mitlaufen kann. Aber wir müssen ihr Zeit lassen, sie soll sich Schritt für Schritt verbessern und steigern», sagt er.

Tief durchatmen. Schliesslich ist Häcki erst 21. Und immer noch am Anfang. Als Kind interessierte sie alles andere, sie versuchte sich als Schwimmerin, Ruderin, im Klettern, Skifahren und Snowboarden. Ein Energiebündel sei sie gewesen, sagt Häcki, «oft mussten mich meine Eltern zwingen, zu Hause zu bleiben und zu lernen». Dass ihr insbesondere die mathematischen Fächer lagen, half, «ich musste nicht so viel büffeln wie andere». Den Grossteil ihrer Kindheit verbrachte sie deshalb draussen, wanderte, machte Velotouren mit Freunden. Sport hatte erst recht Priorität, als sie in die Sportmittelschule kam. Gerade eben, mit 14 Jahren, hatte sie zum Langlauf gefunden. Die Mutter einer Freundin hatte in Engelberg einen Club gegründet und war auf der Suche nach interessierten Mädchen. Häcki meldete sich, bald schossen sie im Training auch mit Luftgewehren, «und eines Tages meldete mich die Leiterin einfach für ein Biathlon-Testwochenende an», erinnert sich Häcki. «Es hat mir sehr viel Spass gemacht, alle anderen Sportarten rückten in den Hintergrund, ich geriet in den Sog des Biathlons.»

Eine Langlauf- geschweige denn eine Biathlon-Gruppe gab es an der Schule ­allerdings nicht, also trainierte Häcki mit den alpinen Skifahrern. Bis für sie 2013 eine eigene Sektion gegründet wurde. «Ich war das Pilotprojekt in Langlauf und Biathlon», sagt sie. Es hat sich bewährt, die Gruppe wird immer grösser.

Häcki war damit im Kleinen, was ­Selina Gasparin im Grossen war: eine Vorkämpferin. Lange war die 32-jährige Bündnerin die einzige Schweizer Biathletin, trainierte mit den Männern, schlug sich durch, brachte es bis zu Olympia­silber in Sotschi und sorgte dafür, dass es nun überhaupt ein Schweizer Frauenteam gibt. «Sie war schon immer ein grosses Vorbild. Ich kann noch so viel von ihr lernen», sagt Häcki.

Konstanter zu werden etwa. «In diesem Bereich hat sie noch viel Potenzial», sagt Auchentaller. «Sie wird noch viele ­Situationen erleben, die neu sind, an denen sie wachsen, in denen sie Erfahrungen sammeln muss.» Und dann, ja dann «wird sie der Schweiz noch sehr viel Freude bereiten», glaubt der Trainer.

Vielleicht bereits wieder heute, wenn in Oberhof der Sprint ansteht. Aber eben: erst einmal tief durchatmen.

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