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Von der Begeisterung zugeschüttet

Wendy Holdener wurde der Rummel nach Gold und Silber an der Heim-WM zu viel. Sie nahm eine Auszeit, schuftete danach im Kraftraum und fühlt sich bereit, die Slalomkönigin anzugreifen.

Was sie in der Vorbereitung hätte besser machen können? «Nichts», sagt Wendy Holdener (24) und will den ersten Schweizer Slalomsieg seit 2002. Foto: Doris Fanconi
Was sie in der Vorbereitung hätte besser machen können? «Nichts», sagt Wendy Holdener (24) und will den ersten Schweizer Slalomsieg seit 2002. Foto: Doris Fanconi

Die Autotür wird aufgerissen. Hände zerren an ihr, wollen sie herausholen.

Gleich danach tauchen die Hände wieder auf aus dem Getümmel, greifen nach ihr, halten sie zurück. Der Weg, so kurz eigentlich, doch er nimmt kein Ende. Schreie durchdringen ihre Ohren, Tröten, Rasseln. Und die Hände, immer wieder diese Hände.

Wendy Holdener läuft durch den Korridor der Skifans, die Euphorie prasselt auf sie ein, ungebremst. Sie ist überfordert, «das ist verrückt», denkt sie sich. Sie sagt: «Ich wurde fast gefressen.»

Es ist der Tag der Startnummernauslosung in Crans-Montana. Vier Tage ist es her, seit sie lachend vom Podest in St. Moritz winkte – eine Silbermedaille um den Hals, eine goldene im Hotelzimmer. Nun also ist das Rennen danach. Die Blase geplatzt, in der sie sich während der Heim-WM in diesem Februar aufhielt. Abgeschottet im Hotelzimmer, die Wege genau ­besprochen, die sie ­gehen muss, immer die nötige Distanz zu den Anhängern, keine Sponsoren-, keine Medientermine – das alles ist weit weg. Es ist wieder Alltag, Weltcup, und sie die grosse Attraktion im Wallis.

In den USA zur Ruhe gefunden

Holdener, die nie das Rampenlicht suchte, sich mit den Jahren aber immer besser damit arrangierte, trifft der Schwall an Emotionen mit voller Wucht. «Es war einfach zu viel», sagt die Schwyzerin. Sie braucht eine Pause, Abstand, erst einmal innehalten. Die Reise nach Südkorea, wo die Speedspezialistinnen ihre Hauptprobe für die Olympischen Spiele abhalten, macht sie nicht mit, «ich war weder im Kopf noch sonst bereit für diese Rennen».

In den USA, zwei Wochen nach dem Rummel von Crans-Montana, steigt sie wieder ein, es wird einer von vier Slaloms in den letzten fünf Saisons, den sie nicht beendet. Der vierte Ausfall in 46 Rennen in ihrer Paradedisziplin. Zum Abschluss in Aspen wird sie Sechste. Auch wenn das ein enttäuschendes Ende einer überragenden Saison ist, in der sie sechs Slaloms auf dem Podest ­beendete und in St. Moritz mit Gold in der Kombination und Silber im Slalom die Höhepunkte erlebte: Wenigstens hat sie in Übersee wieder zur Ruhe gefunden. «Allen war egal, wer ich bin, keiner erkannte mich.» Sie hängt eine Woche Ferien an – ihre Physiotherapeutin begleitet sie.

Manchmal «verkopft» sie sich

Das zweite Loch nach Saisonende, vor dem sie Konkurrentinnen gewarnt hatten, bleibt aus. In Crans-Montana, da war sie ins erste gefallen, so sagt es die 24-Jährige, «die Spannung war komplett weg. In den USA aber fand ich ins Normale zurück.»

Emotionale Höhen- und Tiefflüge wechselten sich ab in diesem turbulenten Frühjahr. Sie versuchte, damit umzugehen. Nicht einfach für Holdener, die sich eher zu viele als zu wenige Gedanken macht, die sich auch einmal «verkopft», wie sie es nennt. «So bin ich einfach», sagt sie. Sie hat gelernt, damit umzugehen. Am Abend vor einem Rennen etwa schreibt sie zwei, drei Punkte nieder, auf welche technischen Dinge sie achten muss, was sie von sich erwartet. Es hilft; schlaflose Nächte wie einst gibt es nicht mehr. «Früher standen mir meine Gedanken oft im Weg. Mittlerweile habe ich das ganz gut im Griff», sagt sie.

In den Ferien liest sie Bücher, schaut TV-Serien, taucht in andere Welten ab, «ich kann dann ganz abschalten». Es war nicht immer so.

Und auch ihre Betreuer wissen nach all den Jahren, wie sie umzugehen ­haben mit der Teamleaderin, die lange alleine durch den Weltcup tingelte, weil es kurz nach ihrem Debüt 2010 schlicht keine andere Schweizer Slalomfahrerin mehr gab. «Die Trainer versuchen, mir nicht zu viele Tipps und Vorschläge auf einmal zu geben», sagt Holdener.

Doch manchmal, da kreisen die Gedanken wieder. Selbst dann, wenn sie wie in der letzten Saison herausragend Ski fährt, eben in sechs von sieben Slaloms auf dem Podest steht und dann ein ­kleiner Rückschlag folgt. Wie in Stockholm, 10 Tage vor ihrer Goldfahrt von St. Moritz. Im Parallelslalom scheidet sie in der ersten Runde gegen Teamkollegin Mélanie Meillard aus. «Ich wurde zurück auf den Boden geworfen», sagt Holdener. «Ich trat an, um wie im Vorjahr zu gewinnen. Und dann ging gar nichts. Solch blockierte Beine hatte ich zwei Jahre lang nicht mehr gehabt.»

Drei Tage braucht sie, um das zu verarbeiten, drei Tage, bis sie wieder lachen kann und sich sagt: «Wenn ich von der WM heimreise, und es hat nichts ­geklappt, dann ist das halt so. Ich kann nicht mehr als alles versuchen.»

An der WM staunt sie über sich

Es klappt dann so gut, dass selbst Holdener im Rückblick staunt: «Wow! Ich muss schon ziemlich bereit gewesen sein im Kopf.» Sie nimmt für sich mit: «Wenn ich das so gut meistern konnte, dann werde ich wohl auch die Dinge meistern können, die noch kommen.»

Mit dieser Einstellung macht sie sich an die neue Saison, die für sie morgen mit dem Slalom im finnischen Levi so richtig losgeht. Die für sie aber schon vor zwei Wochen begann, mit dem Riesenslalom in Sölden. Sechste ist sie dort geworden, so gut war sie nie zuvor in ihrer zweiten Disziplin. «Ich fühle mich wie eine Siegerin», sagte sie im Zielraum. Und: «Das Resultat beruhigt.» Holdener weiss: Sie hat vieles richtig ­gemacht im Sommer – das gute Gefühl, mit dem sie nach Tirol gereist war, hatte sie nicht getäuscht.

Erster Slalomsieg seit 16 Jahren?

Als sie ihre Trainer nach Abschluss der Vorbereitungen gefragt hatten, was sie das nächste Mal besser machen könne, war ihre Antwort: nichts. Eine erste ­Bestätigung hat sie nun bereits erhalten. Weitere sollen folgen.

Der erste Sieg im Slalom, den strebt sie an – es wäre der erste Triumph einer Schweizerin seit Marlies Oesters Coup in Berchtesgaden vor fast 16 Jahren. Und Holdener scheint dafür bereit.

Auch wenn sie es nicht genau sagen kann, ist offensichtlich: Sie hat nochmals an Muskeln zugelegt. «Etwas definierter» sei ihr Körper vielleicht, findet die Schwyzerin.

Wochen-, monatelang hat sie im Sommer im Kraftraum geschuftet, vor allem an der Rumpfstabilität gearbeitet. Der Oberkörper soll ruhiger bleiben, wenn sie sich durch die Tore schwingt. So will sie noch einmal etwas näher an die junge Frau heranrücken, die das schon in Perfektion beherrscht: Mikaela Shiffrin, 22 erst und doch längst die Königin des Slaloms: mit 25 Weltcupsiegen – 9 fehlen noch zu Vreni Schneider, 10 zum Rekord von Marlies Schild –, dreimal WM- und einmal Olympiagold. «Ich war in der letzten Saison immer schön dran an ihr. Jetzt soll der nächste Schritt folgen», sagt Holdener.

Es spricht wenig dagegen – jetzt, da die Beine wieder frisch sind. Und die ­Gedanken wieder frei.

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