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Wenn die Beine die Augen sind

Innert 15 Hundertstel­sekunden müssen Ski­springer ihren Sprung auslösen, wollen sie die Kante treffen. Wehe, sie sind dabei zu früh.

Kleiner Moment mit grosser Wirkung – Absprung vom Tisch der Schanze in Engelberg. Foto: Sigi Tischler (Keystone)
Kleiner Moment mit grosser Wirkung – Absprung vom Tisch der Schanze in Engelberg. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

Der Mensch hat ja ein eher ambivalentes Verhältnis zu Kanten. Beim Skifahren findet er sie etwa ziemlich nützlich, solange er nicht – verkantet. Beim Wandeln in der Küche oder der Stube nerven oder schmerzen sie ihn hingegen gern, wenn er sich an ­ihnen stösst. Auch die Skispringer pflegen mit ihrer wichtigsten Kante eine diffizile Beziehung: mit der Absprungkante. «Die Kante voll treffen» umschreiben sie ihr Glücksgefühl, wenn sie sich punktgenau abzustossen ver­mögen.

Das klingt simpel, ist in der Praxis aber eine komplexe ­Sache. Schliesslich rauschen die Athleten mit 90 km/h auf die Kante zu und haben dann auf der Titlisschanze respektive ihrem Tisch von 7 Meter Länge rund 15 Hundertstel­sekunden Zeit, ihren Sprung auszulösen.

Nur: Wer so schnell in dieser eher komischen (Sitz-)Position auf die Absprungkante zurast, hat keine Zeit zum Schauen. Die Beine sind darum die Augen der Springer. Anhand des Radiusdrucks spüren sie, wann sie aus der Hocke schiessen müssen. Darum sind die Trainingstage so wichtig für sie, denn jede Schanze hat ein etwas anderes Profil; und darum spricht Simon Ammann so gern über seine Beine. Je nach Beinspannung ­ändert sich nämlich sein «Lesevermögen» der Kante und damit seine Aussicht, sie zu treffen. Die Kante zwingt die Skispringer dazu, ganz feinfühlig zu sein.

Lieber zu spät als zu früh

Dazu kommt: Die Athleten müssen trotz Höchsttempi geduldig sein. Vor der Kante sollten sie nicht abspringen. Sonst bekommen sie grosse Probleme, ihre Ski an den Körper zu bringen, was gefährlich enden kann. ­Allenfalls drücken sich die Springer darum lieber zu spät vom Tisch ab. Gerade am Fernsehen ist dies als «Lufttreten» mittels Zeitlupe schön zu sehen. Anders ist es an Ort. Wer an der Kante steht, hört primär das klirrende Anfahr­geräusch der Weitenjäger, dann für einen Sekundenbruchteil nichts – ehe es mit einem Flug­rauschen weitergeht.

Trügerisches Fernsehbild

Überhaupt zeigt sich an der Kante, wie sehr die Skisprung-Erlebnisse an Ort und am Bildschirm voneinander abweichen. Die Ski flattern live beispielsweise kein bisschen. Nur in der Zeitlupe erhalten sie ihre beeindruckenden Flügelschläge. Auch scheinen die Athleten am TV die Kante fast immer zu verpassen. Dieser Eindruck ist falsch. Aber die Knie dürfen erst in der Luft komplett durchgedrückt sein, will ein Athlet möglichst viel Tempo in den Flug mitnehmen.

Dass sie beim Abspringen wie Pinguine wirken, also Wesen fast ohne Arme sind, hängt gerade mit ihrem Sport zusammen. Sie dürfen ihre Arme keinesfalls zum Schwungholen einsetzen, wenn sie Geschwindigkeitseinbussen vermeiden wollen. Auch ein ­Wippen mit dem Gesäss zum Schwungholen ist unmittelbar vor der Kante zu vermeiden. Es wäre ebenfalls kontraproduktiv. Im Fall des Skispringens bringt eine Kante viele komplexe Abläufe zusammen.

Mit dosierter Kraft

Was sie keineswegs bewirkt: dass der Springer trotz des Absprungs in die Höhe schnellt. Er verändert bloss seinen Schwerpunkt. Diese Körperverlagerung führt zum Eindruck, er gewinne an Höhe. Und beim Treffen der Kante geht es keinesfalls darum, mit Maximalkraft abzustossen. Die Athleten müssen viel eher die ­Radiuskraft ideal in Flug­geschwindigkeit umsetzen und dabei eine perfekte Flugkurve finden. In der Theorie sind 45 Grad zwischen Ski und Hang optimal. Keiner aber besitzt die Kraft, sich in diesem Winkel in die Luft hinauszuschleudern. Ziel der Springer ist darum, eine möglichst gute Flugkurve zu erwischen.

Ein Absprung mehr nach oben als nach vorn ist dabei unerwünscht. Der Athlet gewinnt ­dadurch im ersten Flugteil zwar etwas mehr Höhe, fällt dafür aber rascher in den Landehang. So bringt dann auch alles Kante­treffen nichts.

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