«Wir wollen in unserer Welt leben»

Am Donnerstag startet Lara Gut-Behrami in Lake Louise in die Speedsaison. Sie erklärt den Namenswechsel und ihre Beziehung zum Fussballer Valon Behrami.

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Sie schrieben jüngst in einem offenen Brief, Ihre Mutter habe über Jahre Hassbriefe erhalten, von denen Sie nichts wussten. Was macht das mit Ihnen?
Es tut weh. Ich liebe sie und denke daran, wie viel wir auf unserem Weg zusammen erlebt haben und wie wir zusammengewachsen sind. Auf der anderen Seite hätte ich uns allen diese negativen Effekte gerne erspart – wie auch immer man das macht.

Sie wissen nicht, wie es zu solchen Reaktionen kam?
Nein. (Atmet tief durch) Wenn jemand uns nicht akzeptieren kann, dann schmerzt das. Was soll ich demjenigen denn sagen? Ich wollte doch nur Ski fahren und das mit meiner Familie leben.

Sie hatten auch das Gefühl, mit Resultaten beweisen zu müssen, dass Ihr Vater ein guter Trainer ist. Ist das jetzt vorbei?
Im Sport geht alles so schnell, wird alles unglaublich schnell vergessen. Wenn ich im letzten Jahr gewonnen habe und das jetzt nicht mehr tue, sagen die Leute: «Du solltest deine Karriere beenden.» Es ist schwer, das zu verstehen. Früher lag es an meinem Vater, jetzt, nach meiner Heirat mit Valon (Behrami), heisst es, ich solle mich doch aufs Training konzentrieren. Und wären sie nicht, wäre ich schuld, weil ich zu schlecht bin. Gewinne ich den Gesamtweltcup (2015/16), dann nur deshalb, weil ich keine Gegnerinnen hatte. Man könnte auch einfach einmal anerkennen, was wir geleistet haben: Ich habe als einzige Schweizerin in den letzten 20 Jahren die grosse Kugel gewonnen. Das habe ich zusammen mit meinem Trainer geschafft, der ist mein Vater. Wenn das keiner sehen will, ist das deren Problem.

Haben Sie immer so gedacht?
Nein, ich habe mich genervt. Es gibt zwar Tage, an denen ich mich besser schützen kann. Aber ich habe mich als Mensch weiterentwickelt, habe mehr Gefühle, was oft positiv ist. Es ist schöner, so durchs Leben zu gehen. Nur kann es auf der anderen Seite innerlich auch richtig wehtun, dann wäre ich lieber ein Roboter.

Was stand in den Hassbriefen?
Ich habe sie zum Glück nie gelesen, aber es war wohl ziemlich wüst. Als Athletin denke ich vielleicht nur ans nächste Training, aber als Mensch merke ich, dass das alles seinen Preis hat, für mich, für meine Familie. Wir haben zusammen einen Traum gelebt, uns ist aber auch viel Unrechtes widerfahren.

«Ich musste mich oft daran erinnern, wieso ich das Ganze mache: weil ich es liebe.»Lara Gut-Behrami über die Zeit, in der es ihr auf der Piste nicht lief.

Wurde der Traum, den Sie als Kind träumten, zum Albtraum?
Als Kind träumte ich vom Leben als solches, nicht nur vom Skifahren. Wir begannen mit dem Sport, weil wir zusammen Zeit verbringen wollten, wir entwickelten eine Leidenschaft dafür. Als Kind ist es einfacher: Es gibt keine Erwartungen, man lebt einfach. Später musste ich immer einen Schritt vorwärts machen, kämpfen, mich antreiben, und wenn es dann nicht gut läuft, ist es schwierig, die Leidenschaft nicht zu verlieren. Ich musste mich oft daran erinnern, wieso ich das Ganze mache: weil ich es liebe. Und gerade deshalb kann es auch so wehtun.

War es also auch ein Albtraum?
Es gab Momente, in denen ich nur ein schwarzes Loch sah, da war es ein Albtraum, absolut. Ich versuchte zwar immer, auf das Positive zu bauen, das Positive mitzunehmen, aber leicht war das nicht. Und doch ist das noch lange kein Grund, aufzugeben oder zu sagen, ich mag Skifahren nicht mehr. Ich liebe es, auch wenn es viel Energie braucht, die Leidenschaft zu leben.

Sie standen auch unter Druck, weil die ganze Familie von Ihren Resultaten abhängig war. Wie sehr hat Sie das belastet?
Früher gar nicht, weil ich das nicht realisierte. Erst im Rückblick merke ich, dass vieles von mir abhing. Aber meine Resultate haben es uns auch ermöglicht, zehn Jahre lang diesen Weg zu gehen, mein Vater hat einen Traumjob, ich kann meine Passion leben, meine Mutter hat schöne Dinge erlebt, die sie sonst nie erlebt hätte, und mein Bruder (Ian, ebenfalls Skifahrer) hat aus all dem viel Kraft geschöpft.

Hat sich Ihre Beziehung zu den Eltern verändert, seit Sie ­verheiratet sind?
Mit Valon ist ein Teil mehr dazugekommen, und ich habe einen anderen Bezug zu meiner Familie, gerade zu meinem Vater. Ich merke, dass ich mit ihm vermehrt als Vater und nicht als Trainer reden möchte.

Sie und Behrami sind öffentlich bekannt. Ist die Angriffsfläche dadurch grösser geworden?
Alles hat sich verdoppelt, auch das Negative. Auf diesem gemeinsamen Weg können wir uns aber noch näher kommen, weil wir wissen, dass wir in unserer eigenen Welt leben wollen.

Geteiltes Leid ist halbes Leid?
Also am liebsten hätten wir gar kein Leid. (Lacht) Aber fühlt man sich nicht alleine auf der Welt, geht schon vieles einfacher.

Waren negative Kommentare auch der Grund dafür, warum Sie sich aus Instagram und Twitter zurückzogen?
Nein, das wäre zu einfach. Ich muss diese ja nicht lesen. Ich wäre ja auch dumm, würde ich meinen Internetanschluss kündigen, weil ich nicht mehr lesen will, was die Zeitungen online schreiben. Vielmehr wurde mir bewusst, dass die Werte in den sozialen Netzwerken oft falsche sind. Und wir verbringen zu viel Zeit am Handy und pflegen unsere virtuellen Beziehungen mehr als unsere echten. Aber ich habe ein Leben, zu 100 Prozent – und das ist mir wichtig.

«Keine dieser Personen, die wirklich hässliche Dinge schreiben über mich, würde sich trauen, mir das ins Gesicht zu sagen.» Lara Gut-Behrami über Anfeindungen in den sozialen Netzwerken.

Was störte Sie am meisten an den sozialen Netzwerken?
Es geht zu wie im Wilden Westen. Jeder kann anonym Dinge schreiben und behaupten, was er im normalen Leben nie tun würde. Keine dieser Personen, die wirklich hässliche Dinge schreiben über mich, würde sich trauen, mir das ins Gesicht zu sagen.

Wie sehr verletzte Sie das?
Es ging mir nahe. Aber ich wollte auch nicht immer alles beantworten oder richtigstellen, ich habe Wichtigeres zu tun.

Wie geht es Ihnen mittlerweile, mit 27, als öffentlicher Person?
Ich habe gelernt, dass ich als Frau sagen kann, was ich denke. Nicht nur, weil ich etwas erreicht habe, sondern weil ich eine Frau bin.

Wie war das früher?
Ich habe oft gelitten, ich habe mich nie gewehrt, nie gekämpft oder gesagt: Das akzeptiere ich nicht. Ich konzentrierte mich nur darauf, Athletin zu sein, und dort war ich kompromisslos. Der Mensch blieb auf der Strecke.

Gab es eine Schlagzeile, die Sie besonders traf?
Jede, die unwahr war und gegen die ich mich doch nicht wehrte. Ich hätte mir einiges ersparen können, hätte ich von Anfang versucht, mich zu erklären, und es nicht einfach hätte sein lassen.

Dafür waren Sie zu jung?
Ja. Vielleicht hätte ich es geschafft, wenn Valon da schon an meiner Seite gewesen wäre.

«Gut musste Teil meines Namens bleiben, weil ich der Familie alles verdanke. Ohne Behrami aber würde mir etwas fehlen.»Lara Gut-Berahmi über die Gründe für den Namenswechsel.

Was gibt Ihnen diese Beziehung?
Viel Freude. Es ist, als hätte ich mein Gleichgewicht gefunden. Als Kind hatte ich Halt bei meinen Eltern, jetzt habe ich bei Valon mein Zuhause gefunden. Mit ihm kann ich diskutieren, was mir wichtig ist, er ist Teil meines Reifeprozesses.

Und sportlich?
Früher hatte ich oft das Gefühl, ich müsste alles stoppen, jetzt will ich wieder schnell vorwärtsgehen. Es hilft, einen Menschen an meiner Seite zu haben, der Ähnliches erlebt hat wie ich. Je näher wir uns an der Spitze bewegen, desto einsamer fühlen wir uns. Keiner versteht einen. Valon versteht mich. Er kann nachvollziehen, wie ich mich nach einem schlechten Rennen benehme. Für mich war an der Fussball-WM neu zu sehen, was bei einem Misserfolg alles passiert und auf die Verantwortlichen hereinprasselt. Da dachte ich nur: Wow, meine Eltern waren schon stark, dass sie das zehn Jahre lang ausgehalten haben.

Seit dieser Woche starten Sie als Lara Gut-Behrami. Wieso?
Weil ich stolz bin, dass er in meinem Leben ist, weil ich stolz bin, Ehefrau zu sein. Das alles ging auch für uns sehr schnell, es gab wichtigere Dinge, als über den Namen nachzudenken. Aber zuletzt in Killington habe ich gemerkt, dass es für mich nicht mehr stimmt, es kann nicht sein, dass ich noch gleich heisse wie davor. Ich will für uns fahren. Gut musste Teil meines Namens bleiben, weil ich der Familie alles verdanke. Ohne Behrami aber würde mir etwas fehlen.

Erstellt: 28.11.2018, 21:21 Uhr

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