1 Million für 4 Sekunden

Das Projekt der Schweizer Mannschaftsverfolger gehört zu den aufwendigsten der ganzen Olympiamission. Heute Donnerstag greift der Bahnvierer in den Wettkampf ein.

Ingesamt soll der Bahnvierer alleine durch Materialoptimierungen auf 4000 Metern vier Sekunden schneller sein. Im Bild der Ersatzfahrer    Frank Pasche.

Ingesamt soll der Bahnvierer alleine durch Materialoptimierungen auf 4000 Metern vier Sekunden schneller sein. Im Bild der Ersatzfahrer Frank Pasche.

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Zugegeben, der Titel dieses Artikels ist etwas plakativ. Aber darauf bricht es sich im Extremfall herunter: Das Bahn-Budget von Swiss Cycling betrug über die vergangenen vier Jahren eine Million Franken. Und in der Schweiz lautet die Gleichung, ebenso plakativ: Bahnradsport = Mannschaftsverfolgung, alle Mittel fliessen in diese Disziplin. Klar, mit Geld alleine qualifiziert sich niemand mehr für die Olympischen Spiele. Dafür braucht es eine Gruppe von Athleten, die bereit ist, alles einem Ziel unterzuordnen: Olympia lautet dieses von Anfang an. Sie wollen zu den weltbesten Nationen gehören, wenn es darum geht, zu viert die 4 Kilometer so schnell als möglich zurückzulegen.

Dem Schweizer Bahnnationaltrainer Daniel Gisiger gelang es vor einigen Jahren, so eine Gruppe um sich zu scharen. Aus seiner eigenen Aktivzeit wusste er um die Dynamik, die ein solches Projekt entwickeln kann. Tatsächlich gelang es ihm, eine Zahl von Radtalenten für seine Idee zu begeistern. Für London 2012 reichten die Fortschritte noch nicht, Rio hingegen kommt für die vier Fahrer Beer, Dillier, Schir und Thièry im richtigen Moment.

Die Suche nach den «Freaks»

Lange Zeit machte der Schweizer Vierer Fortschritte, schlicht weil die Fahrer mit jedem Training und mit jedem Wettkampf zusätzliche Erfahrung sammelten. Spätestens aber auf der Zielgerade Richtung Rio galt es, auch aus der Ausrüstung die letzten Prozente herauszuholen. Dafür wurde jedes Puzzlestück des Vierers untersucht. Vom Pneu übers Kombi zum Helm, von der Sitzposition der Fahrer auf dem Velo zurück zu den Schuhen und den Kettenblättern. Weil praktisch jede einzelne Schraube an den Bahnmaschinen speziell ausgesucht worden ist, haben diese auch ihren Preis: Thomas Peter, der Chef Leistungssport bei Swiss Cycling und als solcher Koordinator des ganzen Projekts, schätzt den Wert auf 30'000 Franken. Pro Velo.

Das eingesetzte Material muss sechs Monate zuvor im Handel erhältlich sein. Aber es existiert eine Grauzone.

Trotzdem sind es nicht nur monetäre Faktoren, die den Schweizer Vierer materialmässig weitergebracht haben. «Es geht selten nur übers Geld», sagt Peter. «Sondern oft viel mehr um die Suche nach Freaks, die in irgendeinem Spezialgebiet die absoluten Fachleute sind. Das bedeutet vor allem einen enormen Koordinationsaufwand.» Oft sind die «Freaks» keine Radfachleute, müssen sich also erst in die Besonderheiten und Anforderungen der Velofahrer hineindenken. Als Gegenwert erhalten die Tüftler das Recht, damit werben zu können, dass ihre Kreation bei Olympia eingesetzt wurde.

Allerdings ist es so eine Sache mit den Massanfertigungen. Die offizielle Regel lautet: Das bei Olympia eingesetzte Material musste mindestens sechs Monate zuvor im Handel erhältlich sein. Es existiert aber eine Grauzone. So ist der speziell für Rio entwickelte Schweizer Schuh seit sechs Monaten im Webshop von Swiss Cycling erhältlich – mit dem Vermerk «lieferbar ab 1.1.17». Dasselbe gilt für das neue Kombi, welches Assos irgendwo tief auf seiner Website versteckt im Angebot hat.

Schweizer Rekord als Ziel

Andere Nationen scheren sich noch weniger um die Regeln, gerade die starken Briten, deren Fahrräder praktisch durchs Band Massanfertigungen sind.

Insgesamt, so haben Wissenschaftler der Hochschule für Sport in Magglingen in Tests errechnet, dürften die Materialoptimierungen der Schweizer einen Zeitgewinn von rund vier Sekunden ergeben, was angesichts der Fahrzeit von knapp vier Minuten enorm ist.

Am Ende wirken sich aber all die Bemühungen nur positiv aus, wenn die vier Fahrer auch in der Lage sind, in den knapp 240 Sekunden einer Mannschafts­verfolgung das Äusserste aus dem Material herauszuholen. Dass die Schweizer ohne ihren verletzten Leader Stefan Küng antreten müssen, hat die besonders nach der Heim-EM und der dort gewonnenen Silbermedaille etwas gebremst. Hatte man mit dem Thurgauer gar gehofft, um Bronze mitzukämpfen, mussten die Ziele etwas revidiert werden. In der Qualifikation heute fährt man um einen Platz in der Klassierungsrunde, Rang 5 oder 6 wäre wohl nahe am Optimum. Während für den Olympiasieg wohl eine neue Weltrekordzeit nötig ist, wären die Schweizer mit einem neuen nationalen Rekord zufrieden. Nicht nur, aber auch dank dem neuen Material.

Helm
Schweden statt USA
0,7–1,5 Sekunden kann eine gute Helmwahl auf 4 Bahnkilometer ausmachen, das haben Tests der Sporthochschule Magglingen ergeben. Doch um Zeitgewinne zu realisieren, mussten die Schweizer erst vertragsbrüchig werden. Die Geschichte geht so: US-Hersteller Bell, der Swiss Cycling seit mehreren Jahren ausrüstet, wollte den Schweizern einen möglichst aerodynamischen neuen Helm entwickeln. Die Köpfe der Fahrer wurden alle individuell ausgemessen, Änderungen besprochen (Luftlöcher sollten verschlossen werden, auf der Bahn sind die nicht nötig). Doch Bell schaffte es nicht, fristgerecht sechs neue Exemplare herzustellen. Die Schweizer standen deshalb vor der Frage: Sollten sie veraltete (und unaerodynamische) Modelle verwenden oder die Amerikaner versetzen? Nun, die Schweizer fahren jetzt mit dem schnellsten Helm auf dem Markt, jenem des schwedischen Herstellers POC.


Kombi
Tessiner Stöffchen
Es war an der WM in London im März, die Schweizer waren enttäuschend in der Qualifikation ausgeschieden. Thomas Peter, der Chef Leistungssport, sass im Innenraum des Velodroms und gab sich trotzdem optimistisch. «Wir sind im Gegensatz zu einigen Konkurrenten nicht mit unserem Topmaterial gefahren», sagte er und zeigte einen Prototyp des Olympiaanzugs in seinem Rucksack. Er zog ihn nicht heraus, die Konkurrenz hätte ihn ja erspähen können. Der Tessiner Hersteller Assos zeichnet für das feine Kombi verantwortlich, das unangezogen ein kleines Häufchen ist, so hoch ist der Kompressionsfaktor des Gewebes. Peter nennt es «den schnellsten Anzug überhaupt», er soll noch bessere Werte aufweisen als jener des belgischen Herstellers Bioracer, der aerodynamisch als Nonplusultra gilt. Gegenüber dem alten Anzug beträgt der potenzielle Zeitgewinn 1,1–2,6 Sekunden.


Schuhe
Geschnürt statt gedreht
Man denkt es kaum, aber auch der Schuh birgt Zeitgewinnpotenzial: 0,4–1,5 Sekunden. Also haben die Schweizer den Schuh auf die Anforderungen der Bahn angepasst: Der Rist ist schmaler als bei einem normalen Schuh, das verwendete Material dünner und feiner. Und: Der Berner Schuhhersteller Suplest orientierte sich bei seinem Bahnmodell am Aufbau eines Langlaufschuhs. Innen ist dieser geschnürt, ein Überzug mit Reissverschluss sorgt für eine glatte Oberfläche. Grund für diese Innovation ist der nicht windschlüpfrige Drehverschluss, der sich im Profisport durchgesetzt hat. Über dessen Drehscheiben lässt sich der Sitz des Radschuhs via dünne Drahtseile leicht verändern. Doch die Scheiben stehen vom Schuh ab – und Zeit geht verloren.

Aerodynamische Socken existieren übrigens nicht. Die ­Schweizer schlüpfen deshalb barfuss in ihre neuen Treter.


Kettenblatt, Ritzel und Kette
Möglichst reibungslos
Beim Antrieb geht es darum, die Reibung der Kette so tief wie möglich zu halten, auf dass möglichst viel Energie in den Vortrieb geht. Das grosse Kettenblatt vorne hat 53 Zähne und ist aus Stahl gefräst. Ziel ist, dass das Blatt möglichst verwindungssteif ist. Das ist besonders wichtig für einen effizienten Antritt am Start, wo die grössten Kräfte auf das Kettenblatt wirken. Es wurde von einem Tüftler aus dem Jura gefertigt, der sonst im Autorennsport tätig ist. Anfänglich wog es 400 Gramm, das war dann sogar für die Bahn, wo das Gewicht im Vergleich zur Strasse eine untergeordnete Bedeutung hat, zu viel. Eine Firma in Oerlikon fräste das Kettenblatt aus und legierte es, nachdem die Fahrer damit gefahren waren. Alleine die Entwicklung dieser Kettenblätter kostete rund 10'000 Franken.

Die Kette ist mit einer speziellen Beschichtung versehen, die ebenfalls für eine Verringerung der Reibung sorgen soll. Sie ist zusammen mit dem stahlgefertigten Goldritzel hinten (13 Zähne) eine der wenigen Komponenten am Rad, bei welchen die Schweizer keine zusätzlichen Anstrengungen zur Effizienzsteigerung unternommen haben.

Das liegt auch daran, dass die Reibung physikalisch eine untergeordnete Rolle spielt. Auf eine schnelle Zeit hat die Aerodynamik 95 Prozent Einfluss, die Reibung 5 Prozent. Was nicht heisst, dass man hier etwas dem Zufall überliesse.

Die Kettenlinie wurde bei jedem Velo auf einen Zehntelmillimeter genau ausgerichtet, damit die Kette wirklich in einer perfekt geraden Linie zwischen den beiden Zahnkränzen verläuft.

Mit der Übersetzung von 53×13 Zähnen legen die Fahrer pro Pedalumdrehung 8,15 Meter zurück.


Wattdaten
Direkt aufgezeichnet
Im Tretlager ist ein Wattmessgerät integriert. Dieses sendet die Daten drahtlos an den Velocomputer, der aus aerodynamischen Gründen unter dem Sattel und nicht wie bei Strassenvelos am Lenker angebracht ist. Allerdings funktioniert dieses System nur im Training einwandfrei, sprich ohne äussere Einflüsse. Bei Wettkämpfen sorgen vor allem die vielen verschiedenen Funkfrequenzen der Fernsehkameras für Störsignale, weshalb nicht an eine korrekte Datenaufzeichnung zu denken ist. Dabei wären doch gerade diese Daten wichtig für die Auswertung der Resultate.

Zusammen mit der Berner Fachhochschule in Burgdorf entwickelte Swiss Cycling eine Lösung, den Axiamo-Sensor. Dabei wird eine Speicherkarte direkt an der Kurbel angebracht. Sie zeichnet die Leistungsdaten direkt auf, die drahtlose Verbindung ist nicht mehr notwendig.


Laufräder
Rollen mit Keramik
Die Laufräder mit ihrer Verkleidung aus Karbon sind von DT Swiss, einem Westschweizer Hersteller. Fast noch wichtiger sind die Naben der Räder respektive die Lager darin. Indem solche aus Keramik verwendet werden, wird hier die Reibung minimiert. Insgesamt haben die Schweizer für den Vierer sechs schnelle Radsätze mitgebracht, also je zwei Vorder- und Hinterräder als Reserve. Zeitersparnis: 0,0–0,4 Sekunden.

Wichtig ist auch die Auflagefläche, sprich der Pneu: Nur dank guten Beziehungen konnte Swiss Cycling von Hersteller Continental einige Schlauchreifen des Typs Olympic beziehen, die sonst nur dem deutschen Nationalteam zur Verfügung stehen. Die schmalen Wunderreifen (nur 19 Millimeter breit, gegenüber den auf der Strasse üblichen 25 Millimetern) sollen ebenfalls noch für etwas schnellere Rundenzeiten sorgen. (ebi.)

Erstellt: 10.08.2016, 21:16 Uhr

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