Der Überragende

Usain Bolt hat im Sprint ein neues Zeitalter lanciert. Entscheidend dafür ist seine Grösse von 1,96 m. An diesem Wochenende setzt er zum dritten Olympiagold über 100 m an.

Mit Riesenschritten der Konkurrenz fast immer voraus – Usain Bolt beim 100-m-Olympiasieg in London. Foto: Vorname Name (Agentur)

Mit Riesenschritten der Konkurrenz fast immer voraus – Usain Bolt beim 100-m-Olympiasieg in London. Foto: Vorname Name (Agentur)

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Usain Bolt hat sich nie verstecken können. Bereits als Teenager überragte er mit seinen 1,96 m die Mehrheit der Menschen. Auffällig ist er dank seiner Sturmläufe in der wichtigsten Disziplin der Leichtathleten geblieben. Seit er 2008 als Frischling auf den Olymp sprintete und die Weltrekorde über 100 m und 200 m an sich riss, verkörpert er den Vorläufer seiner Zunft.

Eine Heerschar an Wissenschaftlern und Hobbyexperten hat seither zu ergründen versucht, was Bolt vom Rest seiner schnellen Kollegen abhebt. Das sportliche Leben des Jamaikaners ist ­darum gut vermessen und hilft, seine Überlegenheit erklären zu können. Am Anfang steht die simple Feststellung, dass es einen wie Bolt in der Geschichte des Sprints zuvor nie gab. Er ist im positiven Sinn ein Freak der Natur und damit ein biologisches Phänomen, das neben seiner vielen schnell zuckenden Muskelfasern von seiner Grösse profitiert (was unabhängig von möglichen ­illegalen Leistungsmachern die Basis seines Erfolgs bildet).

Nie war ein Weltklassesprinter höher gewachsen als Bolt. Sein Vorteil ist ­offensichtlich, wenn man ihn in Aktion sieht: Er verfügt über eine Schrittlänge, die für seine Gegner unerreichbar ist (siehe unten). 2,85 m legte er 2009 bei seinem Weltrekord in Berlin auf den letzten 20 m pro Schritt zurück. Seine damaligen WM-Finalgegner kamen im Schnitt auf 2,56 m, wie Wissenschaftler ermittelten. Bolt benötigte 41 Schritte für die 100 m, seine Konkurrenten drei bis vier mehr.

Allerdings hilft Bolt dieser Grössenvorteil nur, wenn er seinen Schwerpunkt beim Sprinten perfekt in die Schrittlinie bringt. Würde er pro Schritt einfach möglichst viel Raum herauszuholen versuchen und dabei sein Gravitationszentrum aushebeln, brächten ihm seine 1,96 m keinen Gewinn. Der 29-Jährige hat diesen Schlüsselaspekt des Sprintens über die Jahre perfektioniert ­ und gelernt, seine Schrittfrequenz gar zu verkürzen. Von Natur aus tendieren fast alle Menschen beim schnellen Rennen dazu, zu lange Schritte zu machen.

Statt schneller weniger langsam

Dass Bolt mit 41 Schritten in der Königsdisziplin auskommt, dürfte ihm auch in einer anderen Hinsicht helfen: Er muss wohl ­weniger Energie pro zurückgelegtem Meter aufwenden, was ihm gerade nach der schnellsten Phase zugutekommt. Diese erreichen alle Weltklassesprinter bei circa 70 m. Spätestens dann passiert, was seine Gegner fast immer hilflos erleben müssen: Bolt scheint in Topform einen zusätzlichen Gang zu ­finden und sie mühelos abzuhängen.

Der erste Blick täuscht. Bolt, so zeigen die Analysen, verliert wie alle Sprinter an Tempo. Allerdings büsst er im Verhältnis zu den Gegnern etwas ­weniger Speed ein. Er wird mit anderen Worten weniger langsam als die Konkurrenten.

In absoluten Zahlen und auf seinen Weltrekordlauf übertragen heisst das: Die Phase zwischen 60 und 80 m passierte er in 1,63 Sekunden, diejenige zwischen 80 und 100 m in 1,66. Seine Finalgegner kamen im Schnitt auf 1,70 und 1,75 Sekunden. Allein im letzten 100-m-Segment nahm er ihnen also neun ­Hundertstel ab ­– während es über die ersten 20 m fünf waren.

Bolt ist wegen seiner Statur am Start benachteiligt. Bis er seine langen Beine nach dem Schuss erstmals auf den Boden gebracht hat, vergeht mehr Zeit als bei seinen weniger grossen Konkurrenten. Entsprechend investierte Bolt über die Jahre viel in seinen Start, um seinen natürlichen Nachteil in dieser ersten Schlüsselphase zu minimieren.

Damit werden die 100 m für ihn und seine Gegner auch zum psychologischen Wettstreit: Bolt weiss, dass er mindestens passabel starten muss, will er ­später an der Konkurrenz vorbeischiessen. Sie wiederum weiss: Will man ihn überhaupt in die Defensive drängen, muss man ihn zu Renn­beginn unter Druck oder gar aus dem Rhythmus bringen.

Nacht auf Montag – 3.25 Uhr

Dem Amerikaner Justin Gatlin schien dieses Kunststück im letzten Jahr an der WM in Peking zu gelingen. Bolt war nach einer verletzungsgeprägten Vorbereitung nur in guter Form angereist, Gatlin auf dem Höhepunkt seines Sprinter­lebens. Bis zehn Meter vor dem Ziel führte Gatlin. Dann begann er sich leicht zu verkrampfen, die Schrittfrequenz zu verlängern und überproportional viel Tempo einzubüssen. Bolt bezwang ihn um eine Hundertstel

Die Episode belegt: Nur ein für seine Verhältnisse durchschnittlicher Bolt wird in der Nacht auf Montag (3.25 MEZ) zu schlagen sein – sofern Gegner das Rennen des Lebens laufen können. Davon waren sie wie Bolt in diesem Sommer alle entfernt. Damit liegen die Vorteile beim Hünen, der sich nach 2008 und 2012 das dritte Olympiagold über die 100 m sichern kann: Noch nie hat er sich an Olympischen Spielen in einem Einzelrennen geschlagen geben müssen.

Erstellt: 12.08.2016, 23:34 Uhr

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