«Die Frage ist: Ist Spirig der grösste Champion aller Zeiten?»

Brett Sutton, der Trainer von Nicola Spirig, traut der Triathletin alles zu – auch den erneuten Olympiasieg.

Brett Sutton fordert Nicola Spirig immer wieder heraus – «weil sie ihr Selbstvertrauen verloren hatte», wie er sagt. Foto: Urs Jaudas

Brett Sutton fordert Nicola Spirig immer wieder heraus – «weil sie ihr Selbstvertrauen verloren hatte», wie er sagt. Foto: Urs Jaudas

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Besser kann man als Olympia-Triathletin nicht logieren. Nicola Spirig wohnt mit ihrem Trainer Brett Sutton derzeit an der Rua Francisco Sá, zum Wettkampfgelände an der Copacabana sind es von hier gerade mal 100 Meter. Sutton empfängt kurz nach dem Mittag in der Hotellobby. Vorn an der Strandpromenade läuft das Männerrennen, die Brownlee-Brüder laufen voraus, Sutton nimmt es beiläufig zur Kenntnis. Sein Fokus gilt ­allein dem morgigen Frauenrennen.

Würden Sie heute, zwei Tage vor dem Rennen, für jede Medaille unterschreiben?
Das machen wir nie. Nicola muss sich nicht um Siege oder Medaillen kümmern. Sondern nur darum, ihr Bestes abzuliefern.

Haben Sie neue Erkenntnisse ­gewonnen aus dem Männerrennen?
Es wird genau so, wie ich es seit vier Jahren sage: ein Rennen von vorn. Wer auf dem Velo an der Spitze über den Hügel fährt, ist weg. An Nicola wird es sein, den Rückstand auf die Spitzenfahrerinnen im Rahmen zu halten. Dafür haben wir nun vier Jahre trainiert.

Wie genau?
Wir haben ihren Schwimmstil verändert, damit sie in den Wellen besser ­vorankommt. Und die Beine weniger braucht, damit sie auf dem Velo frisch sind. Es zählt einzig, wie gut sie sich auf dem Velo fühlen wird.

Wann dachten Sie zum ersten Mal an Rio?
Als ich in London nach ihrem Sieg heimlief. Wobei ich da dachte, dass sie zurücktreten würde. Sie wollte ja ein Baby. Ich sagte: «Das ist alles gut. Aber dies und das müssen wir machen, falls du ­zurückkommen solltest.» Das ist die ganze Story mit Nicola: Von den Spitzenathletinnen von 2012 ist heute keine mehr so gut. Sie aber ist eine stärkere Athletin. Ich sagte ihr: «Du kommst nicht zurück, um gleich gut zu sein. Sondern um besser zu sein.» Genau so denkt auch sie. Entsprechend gut war ihre Einstellung nach der Mutterschaftspause.

Wie gross dürfte Spirigs Hypothek sein nach dem Schwimmen?
1:15 Minuten holten die schnellsten Männer auf ihre Verfolger heraus. Sie kann 45 Sekunden verlieren und dank einem hervorragenden Lauf noch eine Medaille holen. Wir planen mit dem Schlimmsten und hoffen auf das Beste.

Sie bezeichnen Spirig als bessere Athletin als 2012, in allen drei ­Disziplinen. Beim Schwimmen durch die ­Technikveränderung – und beim Velo und Laufen?
Sie ist physisch einfach viel stärker geworden. Nach dem Handbruch im Frühling startete sie vor allem in längeren Rennen. Alle glaubten, das sei, um die Hektik und Schläge beim Schwimmen auf der olympischen Distanz zu vermeiden. Was stimmt: Der Arzt sagte uns, sie könne sich glücklich schätzen, wenn sie überhaupt in Rio würde starten können. Tatsächlich hatte ich aber schon zuvor mit Rennen mit Windschattenverbot geplant. Denn sie wird hier in Rio auf dem Velo ­allein fahren und aufholen müssen, und genau dafür haben wir uns vorbereitet.

Der grosse Plan veränderte sich nach dem Handbruch im März gar nicht allzu sehr?
Nun, zuerst dachten wir: Das wars. Aber die Ärzte machten einen tollen Job. Dann trainierten wir vier Wochen, ich sagte zu ihr: «Weisst du was, wir können es immer noch nach Rio schaffen.» Später konnte ich sagen: «Wir werden immer noch konkurrenzfähig sein.» Und dann, in den vergangenen zwei Monaten, kam die Erkenntnis: Wir können den Titel verteidigen!

Aber bis Ende Juni war es eine einzige Aufholjagd.
Ja. Es ist ausserordentlich, dass sie am Start steht. Denn das andere Problem war: Ihr brach nicht nur die Hand, sondern sie erlitt auch eine Stressfraktur in der anderen Schulter. Jedes Mal, wenn wir im Wasser mit den Handpaddeln trainierten, schmerzte wieder die Schulter. Also mussten wir damit aufhören.

Ausser am Anfang, als Sie Spirig mit einem Küchenbrettchen als ­Handschutz schwimmen liessen.
Das war aber nur direkt nach der Operation, danach nicht mehr. Das Problem ist, und das erfahren viele Triathleten: Wenn du mehr auf dem Rad und zu Fuss trainierst, verlierst du Kraft in den Schultern, dein Schwimmen wird schlechter. Darum haben wir etwas ­Innovatives gemacht: Wir schwammen nur jeden zweiten Tag, dann aber richtig viel. So hatten die Hand und die Schulter zwei Tage Zeit, um sich zu erholen. Das hielten wir so bis vor drei Wochen. Seither war es fast nur noch Schwimmen und Velofahren.

Dabei war Spirig dank ihrer Laufstärke Olympiasiegerin geworden.
Ich sagte ihr: Wenn du gewinnen oder auch nur auf dem Podest stehen willst, dann zählt bloss das Velofahren, dass du überhaupt zur Spitze aufschliessen kannst. Das haben wir auch heute wieder gesehen. Sechs Männer vorneweg, Hügel hoch und runter . . .

. . . und das Rennen war entschieden.
So ist es. Die Frage ist nun: Ist unser Pferd der grösste Champion aller Zeiten? Das muss sie sein, wenn sie gewinnen will. Ich habe das noch nicht zu ihr gesagt. Aber so sind die Fakten. So war es 2012, so ist es jetzt. Während des Männerrennens sagte sie zu mir: «Wow, alles ist genau so herausgekommen, wie du es vorhergesagt hast!»

Wie sich das Rennen entwickelt hat.
Ich antwortete nur: «Ich sagte es ja!» Das macht ihr Angst. Jetzt sitzt sie oben in ihrem Zimmer und realisiert: «Ich werde den besten Veloabschnitt meines ­Lebens abliefern müssen.» Vorher hoffte sie ­immer noch ein wenig, mit den Besten mitschwimmen zu können. Ich sagte stets: «Da wird nur ein kleines Grüppchen sein – ohne dich.» Als die Männer aus dem Wasser kamen, schrieb sie mir eine SMS: «Mein Gott, die sind wirklich weg!» Weil dieser Parcours so schwer ist.

Sie sind bekannt für Ihre Schlüsseltrainings, dank denen Ihre Athleten realisieren, dass die Form stimmt. Wie liefen die bei Spirig ab?
Sechs Monate lang haben wir dreimal die Woche eine Velorunde absolviert, nur 800 Meter lang. Den Rio-Loop. Und nur ihr habe ich es erlaubt, darauf zu fahren, keinem anderen Mitglied meiner Trainingsgruppe. Sie fuhr überhaupt vielleicht nur dreimal mit anderen Leuten diese Saison. Darum werden wir das Rennen gewinnen, wegen dieser Radrunde.

Wo befindet sich die?
In St. Moritz. Es ist ein kleiner Hügel, der etwa 150 Höhenmeter hat, mit 15 Prozent Steigung, dann wieder runter. Das viermal, gefolgt von mehreren Hundert Metern voll auf der Fläche. Wenden, locker zurück, und wieder von vorn.

Wie stark muss man mental sein, um das durchzustehen?
Unglaublich stark. Sie ist die bestvorbereitete Schweizer Olympionikin. Von ­allen. Denn wir müssen den Parcours überwinden. Dass wir die Konkurrentinnen überwinden, steht für mich ausser Frage.

Komplimente sind bei Ihnen rar. Wie oft gaben Sie ihr welche?
Ich forderte sie oft heraus. Gerade weil sie ihr Selbstvertrauen durch die Verletzung verloren hatte.

Sie schauten so, dass die Athletin in ihr wach blieb.
Wir hatten viele Auseinandersetzungen. «Ich trainiere doch fantastisch», sagte sie. «Aber in diesem Rennen geht es nicht um Training, sondern um mentale Härte», antwortete ich. Aber mit den 9:07 Minuten kam das Selbstvertrauen zurück (Anm.: Über 3000 Meter lief sie Anfang August auf der Bahn persönliche Bestzeit – nach einem Trainingstag mit 6 Kilometern Schwimmen und 40 Kilometern Radfahren). Jüngst absolvierte sie eine Schwimmeinheit schneller, als sie das vor der Handverletzung getan hatte. Zudem fuhr sie beim Wettkampf in Zürich auf dem Velo fast allen Männern davon. Das machte ihr Angst – alle Disziplinen liefen gut! Ich sagte ihr: «Fürchte dich nicht, ich sagte dir, wir würden bereit sein.»

Im Idealfall steigt Spirig mit der Spitzengruppe vom Rad.
Dann wird es sehr schwierig sein, dass sie keine Medaille gewinnt.

Nach London hatten Sie einen Plan für Spirig. Nun auch?
Sie hat bereits angekündigt, dass sie mehr Kinder will – wenn sie nicht von einer Zika-Mücke gestochen wird. (grinst) Und sie wird das Kind bekommen: Weil sie mental derart im Einklang mit ihrem Körper ist. Sie sagt: «Boom, das mache ich!» Und das Kind wird kommen. Danach machen wir das, was uns Spass macht, das ist entscheidend. Vielleicht auch Velorennen?

Strassenrennen bestreiten?
Um ehrlich zu sein: Wenn es der Zeitplan in Rio zugelassen hätte, hätte sie die erste Athletin überhaupt sein können, die an denselben Sommerspielen in drei verschiedenen Sportarten angetreten wäre. Im Triathlon, im Marathon und im Strassenrennen. Mit dem Gedanken hatte ich gespielt. Sie ist so gut.

Erstellt: 19.08.2016, 00:03 Uhr

Brett Sutton

Erfolg mit Frauen

Brett Sutton ist eine Ausnahmeerscheinung im Triathlon. Niemand hat in der jüngeren Vergangenheit als Trainer grössere Erfolge gefeiert als der Australier. Besonders auf der Langdistanz, besonders mit Frauen. Darunter die Weltrekordhalterin Chrissie Wellington und die aktuelle Ironman-Dominatorin Daniela Ryf. Aber niemand arbeitete so lange mit dem sehr fordernden Trainer zusammen wie Nicola Spirig, die seit zehn Jahren mit dem 56-Jährigen trainiert. In früheren Jahren hatte dieser seinen Stützpunkt in Leysin, seit zwei Jahren nun in St. Moritz. In der Szene ist er trotz seiner Erfolge ein Aussenseiter geblieben. Wegen seiner verschrobenen Art, aber auch, weil er 1999 in seiner Heimat zu einer bedingten Gefängnisstrafe verurteilt wurde, nachdem er sich als 27-jähriger Trainer an einer 14-jährigen Schwimmerin vergangen hatte. (ebi.)

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