Olympiasiegerin im Tabubrechen

Die chinesische Schwimmerin Fu Yuanhui nimmt kein Blatt vor den Mund. Damit gewinnt sie die Herzen der Zuschauer.

Die «liebenswürdigste Sportlerin von Rio»: Fu Yuanhui (mit ihrer Bronzemedaille vom Rückenschwimmen). Foto: Gabriel Bouys (AFP)

Die «liebenswürdigste Sportlerin von Rio»: Fu Yuanhui (mit ihrer Bronzemedaille vom Rückenschwimmen). Foto: Gabriel Bouys (AFP)

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Sie ist eine olympische Heldin, wie China sie noch nie gesehen hat. Nicht nur weil Fu Yuanhui eine begabte Sportlerin ist, sondern weil sie so anders ist. Unter all den ernsten und kontrollierten chinesischen Hochleistungssportlern sticht die Schwimmerin mit ihrer sympathischen Unbekümmertheit und ihren emotionalen Reaktionen heraus. Mit einer Serie erfrischender Auftritte ist sie nun zum Publikumsliebling geworden.

Mystische Energien

Zum Beispiel das Interview nach dem Halbfinal im Rückenschwimmen. Als eine Journalistin Fu nach ihrem Lauf vors Mikrofon stellte und sie auf ihre Zeit ansprach, reagierte die Sportlerin überrascht und mit ansteckender Begeisterung: Ungläubig rollte sie die Augen und schnappte derart nach Luft, dass die Reporterin ihr beruhigend zusprach. Auf die Frage, ob sie sich vielleicht zurückgehalten habe, schüttelte die Schwimmerin den Kopf und erklärte, im Gegenteil, sie habe ihre «ganze mystische Energie» eingesetzt.

Ähnliches ereignete sich nach dem Final, als Fu zunächst zerknirscht wirkte, um wiederum aufzujubeln, als die Reporterin ihr mitteilte, sie habe Bronze gewonnen. Auf dem Podest schnitt sie dann lustige Grimassen und tanzte mit ihrer Medaille herum. Seither hat Fu Yuanhui Millionen Follower auf Weibo, dem chinesischen Twitter, dazugewonnen. Ihre Interviews verbreiten sich viral, sie erhält von überall her Zuspruch, und die amerikanische Website «Huffington Post» erklärte sie bereits zur liebenswürdigsten Sportlerin von Rio.

Die besten Momente von Fu Yuanhui. Video: Shanghai Expat (Youtube)

Wenig später gab Fu eine weitere Kostprobe ihrer «mystischen Energie». Nachdem sie in der 400-Meter-Staffel mit ihrem Team den vierten Rang belegt hatte, befragte sie eine Reporterin nach ihrer Leistung. Fu erklärte: «Ich bin nicht sehr gut geschwommen heute und möchte mich bei meinen Teamkameraden dafür entschuldigen.» Die Reporterin bemerkte darauf, es wirke, als ob sie unter Bauchschmerzen leide. Fu antwortete: «Ich habe gestern meine Periode bekommen und fühle mich deshalb schwach und müde. Das soll keine Entschuldigung sein. Ich bin einfach nicht besonders gut geschwommen.»

Sie nennt die Dinge beim Namen

Das ist nicht nur für eine chinesische Sportlerin eine revolutionäre Bemerkung. Denn der Einfluss des Zyklus auf sportliche Leistungen ist zwar bekannt und gut erforscht, thematisiert wird er aber kaum. Zumal in China, wo die weiblichen Körperfunktionen stark tabuisiert sind und nur gerade zwei Prozent der Frauen Tampons benutzen, wie eine Studie neulich ergab. Vielen Chinesinnen ist offenbar auch neu, dass man während der Periode schwimmen gehen kann. In den sozialen Medien erhielt Fu Yuanhui viel Zuspruch für die Unbekümmertheit, mit der sie die Dinge beim Namen nennt und andere Frauen von Scham entlastet. Das mag zwar keine olympische Disziplin sein, doch es hat Fu definitiv zur olympischen Heldin gemacht.

Das kontroverse Interview nach dem Staffelrennen. Video: Shanghai Expat (Youtube)

Erstellt: 17.08.2016, 15:25 Uhr

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