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Kritik zu Netflix-FilmStaatsmacht vs. Jugend

«The Trial of the Chicago 7» rekonstruiert einen Prozess von 1969, in dem zwei Ideen von Amerika aufeinanderprallten. Es fühlt sich an, als wäre seither kein Tag vergangen.

Sacha Baron Cohen (l.) spielt die Hauptrolle im neuen Sorkin-Film.
Sacha Baron Cohen (l.) spielt die Hauptrolle im neuen Sorkin-Film.
Foto: Netflix

Ein Element von Show ist von Anfang an dabei, das spüren die Anklagten, die hier als Staatsfeinde vor Gericht stehen. «Dies ist die Oscarverleihung der Protestkultur», sagt einer zu Beginn sarkastisch. «Welch eine Ehre, nominiert zu sein!» Und wirklich, die Augen der Welt sind im März 1969 auf den Gerichtssaal in Chicago gerichtet, wo sich zwei Ideen von Amerika feindlich gegenüberstehen.

Die Law-and-Order-Fraktion spürt Rückenwind, sie hat gerade Präsident Nixon im Weissen Haus installiert und jetzt diesen Prozess angestrengt. Acht Führungsfiguren der Gegenkultur, vom friedensbewegten Vietnamkriegsgegner bis zu Bobby Seale, dem Gründer der militanten Black Panther Party, sind wegen gewaltsamer Umtriebe gegen den Staat angeklagt. Die Staatsanwälte in «The Trial of the Chicago 7» fordern lange Freiheitsstrafen, zur Abschreckung der aufmüpfigen Jugend.

Die Linke begehrt auf

Der Anlass ist, dass sie alle im Jahr zuvor in Chicago waren, als die Demokraten ihren erfolglosen Präsidentschaftskandidaten nominierten und die Linke der USA zu Demonstrationen aufrief, zu einem «Festival of Life» in den Parks. Die Polizei von Chicago hatte mit paramilitärischer Aufrüstung reagiert, es gab Strassenschlachten, und jetzt soll der wild zusammengewürfelten Aktivistentruppe ein gemeinsamer krimineller Verschwörungsplan nachgewiesen werden, den es nie gab.

Im alten Europa hätte man das einen «Schauprozess» genannt.

Mehr als fünfzig Jahre ist das alles her und fühlt sich doch fast so an, als wäre kein Tag vergangen – insbesondere der Umgang mit dem Black Panther Bobby Seale (Yahya Abdul-Mateen II). Dem wird jedes normale Recht verweigert, er darf weder seinen Anwalt selbst wählen noch sich selbst verteidigen, und er hört nicht auf zu protestieren – bis er schliesslich gefesselt und geknebelt in den Gerichtssaal gefahren wird. Erst als dieses Bild untragbar wird, erlaubt der Richter die Auslagerung seines Verfahrens. Aus den ursprünglichen «Chicago 8» werden die «Chicago 7» des Titels und der Geschichtsbücher.

Ein Gerichtsdrama, unterbrochen von kleinen Bilderbögen zu den einzelnen Angeklagten: Szene aus «The Trial of the Chicago 7».
Ein Gerichtsdrama, unterbrochen von kleinen Bilderbögen zu den einzelnen Angeklagten: Szene aus «The Trial of the Chicago 7».
Foto: Netflix

Ein politischer Prozess, das Urteil steht fest, schreien die Angeklagten wütend den Journalisten zu, von Anfang an. Im alten Europa hätte man das einen «Schauprozess» genannt. Im Gerichtssystem der USA aber sind alle Prozesse irgendwie Schauprozesse, es geht um eine Performance für die Öffentlichkeit, deshalb funktionieren sie auch im Kino so wunderbar. Und deshalb kann sich jetzt auch der Autor und Regisseur Aaron Sorkin über weite Strecken auf die Prozessprotokolle stützen – sie bieten Komik, Sarkasmus, Absurdität und sogar genug echte Schurkenhaftigkeit.

Ein Gerichtsdrama also, nur unterbrochen von kleinen Bilderbögen zu den einzelnen Angeklagten und nachgestellten, zum Teil mit Dokumaterial aufgepeppten Strassenszenen von Protest und Gewalt. Der bekennende Linksliberale Sorkin ist als Autor schon lange ein Beobachter von Gesellschaft und Politik in den USA, er war Showrunner der Politserie «The West Wing», er hat in «The Social Network» den Aufstieg von Facebook nachgezeichnet, und die Justiz fasziniert ihn seit eh und je. Sein erster grosser Streich am Broadway war das Gerichtsdrama «A Few Good Men», das prompt mit Jack Nicholson verfilmt wurde und seinem berühmten Ausbruch: «You can't handle the truth».

Sehr viel von Sorkins eigener Agenda steckt in der Figur des jungen Staatsanwalts.

Hier führt Sorkin nun zum zweiten Mal Regie, was noch ein wenig gehemmt wirkt. Er ist schon formal sehr darauf bedacht, dass man die einzelnen Hippies und Revoluzzer und ihre Anwälte und Ankläger auch wirklich auseinandersortieren kann. Da ist etwa der straighte Anti-Vietnamkriegsaktivist Tom Hayden (Eddie Redmayne), der den Marsch durch die Institutionen gehen will und Angst vor dem Gefängnis hat.

Mit Meditation das Pentagon in die Luft heben

Und da ist, als Gegenpol, der wild gelockte Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen), der als Kriegsgegner und Anführer der «Yippies» auch vor Gericht scheinbar nur höheren Party-Blödsinn verfolgt – berühmt wurde er mit dem Versuch, das Pentagon durch die Kraft kollektiver Meditation in die Luft zu heben. Irgendwie müssen sie sich zusammenraufen und erkennen, dass die Strategien des jeweils anderen vielleicht doch nicht so blöd sind – das wirkt wie ein Aufruf an die auch heute wieder so zersplitterte Linke der USA.

Sehr viel von Sorkins eigener Agenda steckt dann allerdings in der Figur des jungen Staatsanwalts Richard Schultz (Joseph Gordon-Levitt), der die Aufrührer von Amts wegen verfolgen muss und doch heimlich mit ihnen sympathisiert, weil er selbst nicht an eine Verschwörung glaubt. Er steht dafür, dass das Justizsystem der USA nicht final korrupt ist, dass die schlimmsten Fehlentscheidungen irgendwann wieder korrigiert werden.

Ob der echte Schulz mutmasslich ganz anders war, soll hier nicht als Kriterium herhalten, Filme sind immer noch Filme. Diese Figur zeigt Sorkin aber doch als einen Mann, der mit dem System der USA fundamental einverstanden ist, der an das Funktionieren der Justiz und Gewaltenteilung glaubt und, wie in «The West Wing», an Präsidenten, die ihre Sache gut machen. Das Ende offenbart dann auch die Hoffnung auf neue gemeinsame Werte. Die US-Kritiker fanden das in der Mehrzahl prima.

Tief in die Systeme eingeschrieben

Was es für Sorkin aber natürlich gibt, sind die berühmten Ausreisser. Im Richter Julius Hoffmann, den Frank Langella als herrlichen Grummelschurken spielt, hat er sein Musterbeispiel dafür gefunden – und wahrscheinlich den Grund, den ganzen Film überhaupt zu machen. Alt, schon halb debil, bis zur Lachhaftigkeit von der eigenen Autorität besessen, rassistisch und unrettbar voreingenommen – so war dieser Richter wohl wirklich.

Für ein politisches Gerichtsdrama ist es natürlich wunderbar, eine solche Figur zu haben. Wenn man so offensichtlich auf ein schwarzes Schaf zeigen kann, auf einen Störfaktor, den die Justiz im Zuge ihrer Selbstreinigung überwinden muss, dann muss man etwas anderes auf jeden Fall nicht – über Ungleichheiten nachdenken, die so viel tiefer in die Systeme eingeschrieben sind, dass fünfzig Jahre «Fortschritt» am Ende gar keinen Unterschied ausmachen.

The Trial of the Chicago 7, USA 2020 – Regie und Buch: Aaron Sorkin.

1 Kommentar
    Hans-Peter Bertin

    Nach 50 Jahren „Fortschritt“ gibt es sehr wohl einen Unterschied. Heute müssen sich Frauen nicht mehr mit der Rolle der ausgegrenzten Anwaltssekretärin begnügen. Protestbewegungen weltweit werden heute oft durch Frauen angeführt.