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Langlaufclub aus der Stadt ZürichStadtkinder auf der Spur von Cologna

Zürich-Doppelstock ist einer der ungewöhnlichsten Sportclubs der Stadt. Auch wegen seiner Nachwuchsförderung.

Langlaufen macht nicht nur den Grossen Spass: Der Doppelstock-Nachwuchs beim Training in Einsiedeln.
Langlaufen macht nicht nur den Grossen Spass: Der Doppelstock-Nachwuchs beim Training in Einsiedeln.
Foto: Urs Jaudas

Sie haben tatsächlich Spass dabei! Der mitgebrachte mobile Lautsprecher plärrt einen Hitparadensong, derweil auf der Langlaufloipe Trachslau in Einsiedeln eine Kinderschar Aufwärmübungen absolviert. Abwechselnd laufen sie an Ort und machen den Schulterstütz, besser als «Plank» bekannt: Beides nicht unbedingt Spassgaranten – doch die Stimmung könnte kaum besser sein.

Und sie steigt noch, als sich die Kinder wenig später ihre Ski an die Füsse schnallen und loslaufen. Hügel hoch, Hügel runter, auf einem Bein und in vielen weiteren Varianten. Sagte jemand, Langlaufen sei dröge? Erst recht für Kinder? Weit gefehlt.

Die Kinderschar gehört nicht zum lokalen Skiclub, sie ist aus Zürich und Umgebung angereist und bildet die Nachwuchsabteilung von Zürich-Doppelstock, einem so jungen wie erfrischenden Stadtzürcher Verein. Dass jeden Sonntagvormittag 14 Zürcher Kinder im Langlaufen geschult werden, ist das Werk der 10-jährigen Elin. Die Tochter von Sven Östlund erklärte ihrem Vater vor zwei Jahren, dass künftig Langlaufen ihr Sport sei. «Wenn du das wirklich willst», antwortete der Vater – und machte sich ans Werk.

Spass vermitteln: Sven Östlund beim gemeinsamen Aufwärmen.
Spass vermitteln: Sven Östlund beim gemeinsamen Aufwärmen.
Foto: Urs Jaudas

Die Tochter rannte bei ihm offene Türen ein: Der Schwede wohnt schon viele Jahre in Zürich und frönt auch hier seinem Hobby. Seine Passion sind sehr lange Langlaufrennen, wobei «sehr lang» in seinem Fall heisst: weit über 100 Kilometer. Östlunds einsame Wettkämpfe sind an diesem Morgen aber weit weg.

Schon den zweiten Winter gibt der 44-Jährige jeden Sonntag den Vermittler seines Sports. Im Sommer und Herbst macht er mit den Kindern Alternativtraining in der Stadt, und wenn es Schnee hat, sind sie auf den Loipen unterwegs. Östlund scheint als Langlauflehrer Talent zu haben: Er musste schon Kinder abweisen, die gern mitgetan hätten – die 14 sind das Maximum, das er sich zu betreuen zutraut.

Die Kinder sind zwischen 5 und 11 Jahre alt und mit viel Herzblut dabei. Dazu tragen auch ihre bunten Dresses bei: Leuchtend blau sind diese und auf den Schultern mit Palmenblättern versehen, in denen sich bei genauem Hinsehen Chamäleons verstecken. Das ist definitiv nicht die typische Langlaufkleidung. Diese ist – Langlauftrend hin oder her – weiterhin sehr konservativ.

Stolz auf ihre Clubdresses: Das leuchtende Blau sticht heraus.
Stolz auf ihre Clubdresses: Das leuchtende Blau sticht heraus.
Foto: Urs Jaudas

Womit wir beim Langlaufclub Zürich-Doppelstock wären, dem Verein, auf den Sven Östlund einst aufmerksam wurde, weil gewisse Wettkämpfe eine Vereinsmitgliedschaft voraussetzen. Doppelstock wurde 2016 von drei Seelenverwandten gegründet. Alle lieben das Langlaufen und leben im Raum Zürich. Der Verein wuchs erst im Freundeskreis. Heute zählt er gut 60 Mitglieder, und es werden stetig mehr. Längst kennt Vizepräsident Fabio Svaizer nicht mehr jedes Neumitglied schon vor dessen Beitritt.

Inspiriert von Stockholmer Finanz-Yuppies

Gemäss Svaizer entstand die Idee zum Verein nach einer Teilnahme am Wasalauf in Schweden, dem berühmtesten Langlaufwettkampf überhaupt. «Wir lernten dort Mitglieder eines Stockholmer Langlaufclubs aus der Yuppie-Finanzszene kennen. Es war total erfrischend zu sehen, dass man Langlauf auch anders machen kann: sportlich ambitioniert, aber sich nicht so ernst nehmend», erzählt er.

Diese Leichtigkeit und Selbstironie transportieren nun auch die Doppelstöckler, wenn sie auf einer Loipe auftauchen: Dafür sorgt allein schon ihr Clubdress mit dem Palmenblätter-Print. Diesen Geist atmet auch der Instagram-Account, wo die meisten Posts mit einem Augenzwinkern geschrieben werden. Oder die freundschaftlichen Sticheleien zwischen der Klassisch- und der Skating-Fraktion.

Palmen auf der Loipe: Vor Zürich-Doppelstock gab es das nicht.
Palmen auf der Loipe: Vor Zürich-Doppelstock gab es das nicht.
Foto: Urs Jaudas

Auch sonst geht es nicht nur sportlich-bierernst zur Sache. Der Mitgliederbeitrag etwa wird von jedem Mitglied individuell bestimmt: Er entspricht dem Ruhepuls in Franken. «Wer also regelmässig mit uns trainiert, der sollte über die Jahre immer weniger bezahlen müssen», sagt Svaizer.

Vom Genuss- bis zum ambitionierten Läufer finden alle ihren Platz bei Zürich-Doppelstock. Trainings werden per Whatsapp koordiniert, zu den Höhepunkten des Vereinsjahrs gehören die Teilnahmen an La Diagonela und dem Skimarathon im Engadin sowie natürlich der Wasalauf. Zwar wohnen die Mitglieder grösstenteils in der und um die Stadt Zürich. Die Mehrheit ist aber zugezogen – oftmals aus einer Langlaufregion. Waschechte Zürcher sind eine deutliche Minderheit. Und: «Wir haben derzeit einen leichten Männerüberhang», sagt Svaizer.

«Wir sind keine Talentschmiede»

Vielleicht ändert sich das dereinst, wenn das Programm von Nachwuchschef Sven Östlund weiter so gedeiht. Hat das geschulte Auge des Schweden in der Trainingsgruppe bereits ein Talent entdeckt, einen Zürcher Cologna gar? Östlund mag die Frage nicht – oder will sie zumindest nicht beantworten. «Langlaufen ist anstrengend. Entsprechend wichtig ist die innere Motivation, gerade bei Kindern», sagt er. «Wir sind keine Talentschmiede. Sondern Talentförderer.»

Für ihn geht es beim Langlaufen um mehr als nur um Sport. «Langlaufen ist auch: einen Weg zu finden, die mentale Kraft aufzubringen, eine Runde zu laufen.» Was nicht heisst, dass der Doppelstock-Nachwuchs keine Rennen bestreitet. Im Gegenteil: Die Kinder würden sich noch so gern eine Startnummer umbinden. Nur finden in diesem Winter nirgendwo Wettkämpfe statt.

Rennen gehören dazu – ausser in diesem Winter: Zwei Doppelstöckler unterwegs bei La Diagonela.
Rennen gehören dazu – ausser in diesem Winter: Zwei Doppelstöckler unterwegs bei La Diagonela.
Foto: Sportograf

Östlunds Herangehensweise mag die Chancen nicht gerade exponentiell erhöhen, dass der nächste Langlauf-Olympiasieger aus Zürich kommt. Sie dürfte aber angesichts des Enthusiasmus, mit dem die kleinen Langläufer dabei sind, dafür sorgen, dass ihnen der Spass nicht so schnell abhandenkommt. Womit auch die Zukunft von Zürich-Doppelstock ziemlich rosig aussieht. Und das ist letztlich wohl wichtiger als eine olympische Goldmedaille.