
Das hatte es vorher nie gegeben: gnadenlos trockene Nationalökonomie, Zahlen, Tabellen, Formeln, 816 Seiten dick – aber ein Sofort-Weltbestseller. Thomas Pikettys «Das Kapital im 21. Jahrhundert» verkaufte sich zwei Millionen Mal. Das war 2014. Piketty galt über Nacht als Rockstar unter den Ökonomen. Jetzt legt er nach: Am Donnerstag erscheint in Frankreich «Capital et Idéologie».
Ob sein zweites Werk denn besser sei als das erste, fragte das Magazin «L'Obs» den Autor. «O ja!», meinte der, in den letzten fünf Jahren habe er viel dazugelernt, noch mehr historische Hintergründe angehäuft und die dazugehörigen Zahlenberge. «All dies erfordert viele Seiten», sagte Piketty. Tja: 1232 Seiten hat der neue Wälzer, mehr als «Krieg und Frieden».
Stichwortgeber für die politische Linke
Zu Pikettys Rockstar-Status passt sein Wunderkind-Werdegang. Als Sohn eines Aussteigerpaars schaffte er es mit 18 an die Ecole Normale Supérieure in Paris, mit 22 doktorierte er an der London School of Economics, anschliessend wurde er Professor an einer dritten Elite-Uni, dem MIT in Boston. Heute ist er 48 und lehrt unter anderem an der Paris School of Economics, die er mitgegründet hat.
Französinnen und Franzosen sollen 120'000 Euro erhalten, damit Häuser kaufen und Firmen gründen.
In seiner Karriere beschäftigen Piketty bis heute zwei Dinge ganz besonders: erstens die Ungleichheit, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Und zweitens die Statistiken, die in den Archiven verstauben, aber eigentlich die mitreissende Weltgeschichte dieser sozioökonomischen Abgründe erzählen. Zudem scheut sich Piketty nicht, seine Forschungsergebnisse in politische Handlungsanleitungen umzugiessen, konkret und kontrovers. Er ist Stichwortgeber für die politische Linke, von Barack Obama bis zur Jungsozialistin Tamara Funiciello.
Nach allem, was Piketty im Vorfeld über «Capital et Idéologie» verraten hat, dürfte auch dieser zweite Wurf die kapitalismuskritische Linke begeistern. Der Ökonom geisselt darin die «Sakralisierung des Eigentums»: So wie man früher dem lieben Gott gehuldigt habe, werde heute das Eigentum zum unantastbaren Heiligtum überhöht.
Überwindung des Kapitalismus
Abhilfe schaffen will Piketty nicht mit der Abschaffung des Kapitalismus, sondern mit dessen «Überwindung». Er fordert auch nicht die Abschaffung des Privateigentums, sondern dessen «Umwandlung», und zwar in «temporäres Eigentum». Wie das? Etwa so: In börsenkotierten Firmen soll kein Aktionär mehr als 10 Prozent der Stimmrechte haben dürfen, eine einschneidende Einschränkung der Besitzerrechte. Dazu kommt eine radikal progressive Vermögenssteuer. Diese soll bei Milliardenvermögen 90 Prozent betragen.
Milliardäre würden so auf einen Schlag wieder ganz normale Millionäre. Das ist genau das, was Piketty will. Umgekehrt will er das Geld aus der Milliardärssteuer für eine «Universalkapitalausstattung» verwenden, ein Pendant zum bedingungslosen Grundeinkommen: Alle Französinnen und Franzosen sollen, sobald sie 25 werden, 120'000 Euro erhalten, damit Häuser kaufen und Firmen gründen.
Wenn «Capital et Idéologie» auch nur einen Bruchteil des Einflusses hat wie Pikettys Erstlingswerk, werden wir auch in der Schweiz bald über diese Vorschläge debattieren. Wetten?
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Starökonom fordert 90-Prozent-Steuer auf Milliardenvermögen
Der Franzose Thomas Piketty wurde mit seinem Bestseller «Das Kapital im 21. Jahrhundert» berühmt. Jetzt legt er einen neuen Wälzer vor.