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Elektronischer FussballStatt 47’000 schauen 47 Millionen zu

Statt auf dem Rasen jagt während Corona ein Schweizer Nationalteam auf der Konsole dem Ball nach. Wieso, weshalb, warum? Der Fussballverband denkt, dass damit ein Bedürfnis erfüllt wird.

Sie repräsentieren die Schweiz an der Konsole: Leandro Curty, Luca Boller, Stefan Beer und Fabio Pechlaner (v.l.).
Sie repräsentieren die Schweiz an der Konsole: Leandro Curty, Luca Boller, Stefan Beer und Fabio Pechlaner (v.l.).
Foto: SFV

Etwas mehr als 20 Spielminuten sind absolviert, als Steven Zuber Breel Embolo an der Strafraumgrenze findet. Dieser hat viel Platz, dreht sich und lässt mit seinem platzierten Schuss dem portugiesischen Goalie Rui Patricio keine Chance. 1:0 für die Schweiz gegen den Portugal. Doch die knappe Führung reicht nicht. Am Schluss verlieren die Schweizer 1:2. Dies war vor knapp zwei Wochen.

Fussball trotz Corona-Krise? Ja, das gibt es. Zwar nicht auf echtem Rasen, aber auf dem virtuellen des Spiels «Fifa 20». Die Schweizer Profis Luca Boller, Leandro Curty (FC Basel), Stefan Beer (Borussia Mönchengladbach) und Fabian Pechlaner (FC Sion) bilden die Schweizer E-Football-Nationalmannschaft und absolvierten die Testspiele gegen Belgien und Portugal. Anfang März vom Schweizerischen Fussballverband (SFV) offiziell vorgestellt, seien die vier wegen ihrer Bekanntheit, ihres Auftretens und ihrer E-Football-Leistungen ausgewählt worden, sagt René Merkli, beim SFV der Projektleiter der virtuellen Auswahl.

«Ein Bedürfnis der Zeit»

Die E-Football-Nationalmannschaft sei ein Bedürfnis der Zeit gewesen, sagt Merkli. Denn der E-Sport boomt. Beim Fifa E-World Cup 2019, wo die 32 besten Spieler um den Sieg kämpften, waren 1700 Fans in der Arena. Zudem konnten die Streams auf verschiedenen Plattformen 47 Millionen Views verzeichnen. Beim SFV will man von diesem Boom profitieren. Man könne neue Zielgruppen mit E-Football erreichen, sagt Merkli. «Und bestehende Sponsoren sind sehr interessiert daran und zeigen positive Reaktionen.» Auch die SRG, die langjährige Partnerin des SFV, hat den Boom erkannt und übertrug die Spiele gegen Belgien und Portugal auf ihrer Website. Dies sei sehr wichtig, um eine breitere Masse zu erreichen, sagt Merkli.

Die Schweiz ist aber keine Vorreiterin. Andere Verbände lassen sich bereits seit einem Jahr von E-Sportlern repräsentieren. Der Deutsche Fussballbund beispielsweise nominierte Ende März 2019 seine ersten beiden Nationalspieler. Mittlerweile umfasst der DFB je zehn Xbox- und Playstation-Spieler, die Deutschland im Videogame «Fifa 20» vertreten, und vier, die dasselbe im anderen Fussballsimulator «Pro Evolution Soccer 20» («PES») tun. Die Schweiz bot vier Spieler auf, die alle «Fifa» spielen. Man sei jedoch offen, die E-Nationalmannschaft zu einem späteren Zeitpunkt auszubauen, versichert Merkli.

Kritik bereits kurz nach der Gründung

Dass nur «Fifa»-Spieler aufgeboten wurden, stiess auf Kritik von Schweizer «PES»-Gamern, die sich übergangen fühlten. «Weil uns die Zeit fehlte, um eine Qualifikation für PES-Spieler durchzuführen, mussten wir auf Fifa-Spieler fokussieren», erklärt Merkli, der die Kritik verstehen kann. Zudem gebe es nur eine kleine «PES»-Community in der Schweiz, fügt Luca Boller an, der Captain der E-Nationalmannschaft.

Zudem: Der E-Nations Cup, vom Weltverband Fifa veranstaltet, wird mit «Fifa» ausgespielt. Noch sind die Details der Qualifikation nicht bekannt, genauso wenig wie die Gegner oder der Modus. Die Testspiele gegen Belgien und Portugal wurden im 85er-Modus absolviert, was bedeutet, dass alle Spieler eine Gesamtbewertung von 85 von maximal 99 Punkten aufweisen und Spieler derselben Position bis auf die Körpergrösse identisch sind. Ein Haris Seferovic schiesst also in diesem Modus gleich gut wie ein Cristiano Ronaldo. Dadurch entscheiden wirklich die Fähigkeiten des Gamers.

Hauptberuf: E-Sportler

Für Boller ist das Aufgebot für die E-Nationalmannschaft ein weiterer Schritt in seiner Profikarriere. Seit 2017 steht der 25-Jährige beim FC Basel unter Vertrag und lebt seit etwa zwei Jahren einzig vom E-Football, studiert nebenbei aber noch an einer Fachhochschule.

Sein Weg zum Profi begann 2013, als er zum ersten Mal an Turnieren teilnahm. Es sei aber nicht sein Ziel gewesen, Profi zu werden, sondern einfach sein Hobby auszuleben, sagt Boller. «Es war auch nicht so, dass ich am Anfang sehr gut war.» Doch er ging immer wieder an Turniere und begann dann auch zu gewinnen. «Irgendwann wurden dann Sponsoren auf mich aufmerksam, und so nahm das Ganze seinen Lauf», sagt Boller, der 2015 bei der deutschen E-Sports-Agentur bPartGaming unterschrieb.

Doch Erfolg kommt auch im E-Football nicht einfach so. Momentan trainiert Boller vier bis sechs Stunden am Tag. Dafür spielt er gegen einen etwa gleich starken Gegner und trainiert gezielt seine Schwächen. «Gewisse Angriffe, gewisse Schüsse trainiere ich Tausende Male, bis ich sie beherrsche», sagt Boller. Einen Trainer im klassischen Sinn gebe es aber nicht. An Turnieren sei dafür meist ein weiterer Spieler des FCB dabei. «Es ist sicher gut, wenn man zwei weitere Augen hat, die ein Spiel anschauen, vielleicht etwas sehen, was man selber in der Nervosität nicht sieht», sagt der aktuelle Schweizer Meister.

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