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«Black Lives Matter» gegen TrumpStehen die USA an einem Wendepunkt?

Seit Wochen gehen Millionen Amerikaner auf die Strasse. Und der Präsident? Er hetzt gegen eine Bewegung, die schon jetzt alles verändert hat.

Für ein besseres Amerika: Eine Demonstrantin mit Ohrringen, die Michelle Obama zeigen, an einer Kundgebung in Washington.
Für ein besseres Amerika: Eine Demonstrantin mit Ohrringen, die Michelle Obama zeigen, an einer Kundgebung in Washington.
Foto: Maya Alleruzzo (AP)

Die Hitze hat sich früh aufgebaut an diesem Morgen in Philadelphia, Mississippi. Es ist ein schwüler Junitag, und Leroy Clemons hat unter einem Holzdach Schutz vor der Sonne des amerikanischen Südens gesucht. Er schaut auf ein Baseballfeld, das überwiegend von den schwarzen Kindern aus der Nachbarschaft genutzt wird, und obwohl da gerade nicht viel mehr passiert, als dass ein paar freiwillige Helfer einen Zaun reparieren, ist es für ihn ein besonderer Moment. Denn die freiwilligen Helfer sind weiss.

«Das hätte es hier früher nicht gegeben», sagt er. Das hätte es früher in vielen Teilen der Südstaaten nicht gegeben, und schon gar nicht in Philadelphia, Mississippi, einer Stadt von 7000 Einwohnern, in der vor 56 Jahren ein Lynchmord an drei Bürgerrechtsaktivisten verübt wurde, einem Schwarzen und zwei Weissen.

Die grössten Proteste der Geschichte

In weiten Teilen des Landes fanden und finden die grössten Proteste der amerikanischen Geschichte gegen Rassismus statt, gegen Polizeigewalt, gegen Ungleichheit. Die «New York Times» veröffentlichte jüngst mehrere Erhebungen, denen zufolge sich zwischen 15 und 26 Millionen Menschen an Demonstrationen beteiligten, die unter dem Motto «Black Lives Matter» stehen.

Auch in Philadelphia hat es Proteste gegeben. Clemons ist hier aufgewachsen. Er ist Diakon einer Kirchengemeinde, Vorsteher eines Jugendzentrums und Mitglied des Stadtrats. Er ist 58 Jahre alt und hat fast sein ganzes Leben damit verbracht, die Menschen dazu zu bringen, endlich über die Morde vom 21. Juni 1964 zu reden.

Der Wandel im Kleinen: Bürgerrechtler Leroy Clemons in Philadelphia, Mississippi, wo der Ku-Klux-Klan mordete.
Der Wandel im Kleinen: Bürgerrechtler Leroy Clemons in Philadelphia, Mississippi, wo der Ku-Klux-Klan mordete.
Foto: Alan Cassidy

Jeder Ort hat seine Geheimnisse, doch was in dieser Stadt vor 56 Jahren geschah, war nie geheim. Alle in Philadelphia wissen, dass Mitglieder des Ku-Klux-Klans drei Bürgerrechtler gejagt und getötet hatten: James Chaney, Andrew Goodman und Michael Schwerner. Das FBI schickte Agenten, die in den Sümpfen nach den Leichen suchten. Sie fanden sie, vergraben in einem Erddamm. Clemons war 15 Jahre alt, als er das erste Mal darüber las.

Im ganzen Land interessieren sich die Weissen plötzlich für das Leben und das Schicksal der Schwarzen.

Er schaut auf das Baseballfeld. Die Freiwilligen sind Nachbarn, die sich ehrenamtlich engagieren. «Früher spielten hier nur schwarze Kids Baseball, und kein Weisser interessierte sich dafür, wie es hier aussah», sagt Clemons. Aber jetzt eben doch. Und das ist nicht nur in Philadelphia, Mississippi, so. Im ganzen Land, scheint es, interessieren sich die Weissen plötzlich für das Leben und das Schicksal der Schwarzen. Sie gehen mit ihnen und für sie auf die Strasse. Sie engagieren sich. Sie hören zu.

Die Frage ist: Bedeutet das etwas über den Moment hinaus? Steht das Land tatsächlich an einem Wendepunkt?

Die Sorge der Aktivistin

Was das angeht, hat Jennifer Epps-Addison vor allem eine Sorge. Seit mehr als 15 Jahren kämpft sie für die Rechte von Afroamerikanern. Nachdem George Floyd Ende Mai von einem weissen Polizisten getötet wurde, war sie, wie sie sagt, jeden Tag auf der Strasse, um gegen Rassismus und für eine andere amerikanische Zukunft zu demonstrieren. «Es hat eine spürbare Veränderung gegeben», sagt sie.

Die USA, glaubt sie, könnten einen Moment der Neuausrichtung erleben, wie nach dem Ersten Weltkrieg oder nach der Grossen Depression. Ihre grosse Sorge ist: dass die Demokraten es jetzt trotzdem vermasseln.

«Die Proteste werden nicht automatisch zu Trumps Niederlage führen. Ihr müsst selbst etwas tun!»

Jennifer Epps-Addison, Center for Popular Democracy

Epps-Addison ist Präsidentin des Center for Popular Democracy, das zum Ziel hat, die amerikanische Gesellschaft zu verändern. Ihr ist klar, dass dies ein langer Prozess ist. Einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg ist, Trump im November aus dem Amt zu wählen. «Deshalb rufe ich den Demokraten zu: Verschwendet die historische Chance nicht, die vor euch liegt. Die Proteste werden nicht automatisch zu einer Niederlage für Trump führen. Ihr müsst selbst etwas tun!»

Deutlicher konnte sich Trump nicht positionieren

Wie wichtig die Abwahl Trumps für die Bürgerrechtsbewegung ist, hat der Präsident Ende vergangener Woche in einer auch für seine Verhältnisse unheimlichen Rede unterstrichen. In South Dakota am Fuss des Mount Rushmore, in den die Gesichter der Präsidenten Washington, Jefferson, Roosevelt und Lincoln gemeisselt sind, sprach Trump am Vorabend des Unabhängigkeitstags. Es ist das Fest, an dem Amerika zusammenkommt. Trump jedoch hielt die wohl düsterste und spalterischste Rede seiner Präsidentschaft.

«Ihr Ziel ist das Ende von Amerika»: Donald Trump kritisierte am Nationalfeiertag die Anti-Rassismus-Proteste.
«Ihr Ziel ist das Ende von Amerika»: Donald Trump kritisierte am Nationalfeiertag die Anti-Rassismus-Proteste.
Foto: Reuters

42 Minuten lang verunglimpfte er die Menschen, die seit Wochen für ein anderes, für ein besseres Amerika auf die Strasse gehen, als «wütenden Mob» und «linke Faschisten». Mit keinem Wort erwähnte er die Opfer von Polizeigewalt. «Ihr Ziel ist nicht ein besseres Amerika», sagte er über die Demonstranten, «ihr Ziel ist das Ende von Amerika.» Es handele sich um eine «gnadenlose Kampagne» mit dem Ziel, «unsere Geschichte auszulöschen».

Deutlicher konnte Trump sich nicht positionieren. Am Unabhängigkeitstag selbst machte er klar, dass diese Rede am Mount Rushmore kein Ausrutscher war, sondern den neuen, noch brutaleren Ton seiner Präsidentschaft gesetzt hat. Man sei dabei, die radikale Linke zu besiegen, sagte er im Garten des Weissen Hauses – «die Marxisten, die Anarchisten, die Agitatoren, die Plünderer».

Offenbar hat Trump beschlossen, alles auf eine Karte zu setzen und nur noch zu seiner engsten Basis zu sprechen.

Selten, vielleicht nie dürfte ein US-Präsident so sehr entkoppelt gewesen sein von dem, was auf den Strassen geschieht. Und nicht nur in den USA: Weltweit demonstrieren Menschen gegen Rassismus, «Black Lives Matter» ist eine globale Bewegung geworden.

Offenbar hat Trump beschlossen, alles auf eine Karte zu setzen und nur noch zu seiner engsten Basis zu sprechen, ganz gleich, wie viel Zorn, wie viel Zwietracht er sät. Diese Basis reagiert zumindest zum Teil, indem sie ebenfalls auf die Strasse geht, bisweilen bewaffnet.

Was Trumps Team verunsichert, ist die Tatsache, dass sein Konkurrent Joe Biden in sämtlichen Umfragen führt. Das liegt allerdings nicht daran, dass Biden ein Programm präsentiert hätte. Seine Strategie wirkt, als habe er beschlossen, sich ruhig zu verhalten und darauf zu vertrauen, dass der Präsident sich selbst demontiert. Genau das, fürchtet Epps-Addison, könnte zu wenig sein. Hat nicht auch Hillary Clinton 2016 in den Umfragen geführt?

Die entscheidenden Stimmen der Schwarzen

Unter vielen demokratischen Wahlkampfstrategen herrscht die Ansicht, man dürfe nicht zu weit nach links rücken, um in den Staaten im Mittleren Westen sowie in Florida und Arizona gewinnen zu können. Epps-Addison hält diese Strategie für falsch. «In Michigan gibt es 260000 nicht registrierte schwarze Wähler», sagt sie, «und Trump hat diesen Staat 2016 mit 11000 Stimmen Vorsprung gewonnen.»

Ihrer Ansicht nach müssen die Demokraten nicht einen einzigen Trump-Wähler überzeugen, sondern einfach nur schwarze Wähler mobilisieren, indem sie diesen ein Angebot machen.

Will Afroamerikaner als Wähler registrieren: Aktivistin Jennifer Epps-Addison.
Will Afroamerikaner als Wähler registrieren: Aktivistin Jennifer Epps-Addison.
Foto: Campaign for America’s Future

In Florida, sagt sie, sei die Lage noch eindeutiger. Ihren Daten zufolge gibt es dort 1,5 Millionen nicht registrierte schwarze Wähler. Das habe zum einen damit zu tun, dass die Republikaner versuchten, die Wählerregister klein zu halten, und das liege zum anderen daran, dass diese Wähler nicht daran glaubten, dass sie einen Unterschied machen könnten.

«Aber exakt jetzt ist die Zeit, diese Leute zu überzeugen, sich am politischen Prozess zu beteiligen», sagt sie: «Wir hatten geplant, im ganzen Land an sieben Millionen Türen zu klopfen. Das geht wegen der Pandemie nicht, aber wir wollen trotzdem mit sieben Millionen Menschen interagieren und sie dazu bewegen, sich zu registrieren und wählen zu gehen. Und wenn das gelingt dank des Momentums, das wir gerade haben, dann ist ein anderes Amerika möglich.»

«Wir sind nicht naiv. Was man braucht, um die Verhältnisse zu verändern,
ist Macht.»

Jennifer Epps-Addison, Center for Popular Democracy

Die wichtigsten Schritte zu diesem anderen Amerika müssten jedoch im Kleinen getan werden. «Wir müssen die lokalen Schulbehörden erobern. Wir müssen die Rathäuser erobern, eins nach dem anderen. Die Basis für langfristigen Wandel wird unten gelegt. Wir sind nicht naiv: Was man braucht, um die Verhältnisse zu ändern, ist Macht.»

Der Hass von Mississippi

Dass es diesen Wandel im Kleinen geben kann, beweist Philadelphia, die Heimatstadt von Leroy Clemons. Was damals dort geschah, ist das Thema des Films «Mississippi Burning» von 1988. Er zeigt Gene Hackman und Willem Dafoe als FBI-Agenten, welche die Ermittlungen leiten. Längst nicht jedes Detail stimmt, aber das Grundgefühl der Zeit vermittelt der Film. Da war die Polizei, die den Ku-Klux-Klan bei den Morden unterstützte. Da waren die weissen Einwohner, die alles als Schwindel abtaten. Da war das Schweigen.

Michael Turner ist diesbezüglich skeptisch. Als er ein Bub war, fand er Polizisten nett. Die Polizei – das waren die Guten. «Als ich zwölf war, haben wir in Florida bei meinem Vater gelebt», erzählt er, «das war eine ziemlich schlimme Zeit.» Er will nicht sagen, was so schlimm war. «Aber die Polizei hat mir, meiner Mutter und meiner Schwester geholfen, zurück nach Maryland zu kommen. Ohne meinen Vater, um es mal so zu sagen, die Polizei hat mir damals das Leben gerettet.»

Heute ist Michael Turner 36 Jahre alt, ein grosser, breiter Mann, dem man ansieht, dass er in der Schule Football gespielt hat. Er trägt einen Mundschutz aus dunklem Stoff, auf den das Gesicht eines schwarzen Mannes gedruckt ist. «RIP George Floyd» steht darauf. «Immer, wenn die Polizei wieder einen Schwarzen umbringt, sehe ich mich selbst in ihm», sagt er: «Ich könnte ja jederzeit der nächste sein.»

Der Footballer Colin Kaepernick kniete bereits 2016 bei der Nationalhymne, um gegen Polizeigewalt zu demonstrieren – und wurde dafür angefeindet.
Der Footballer Colin Kaepernick kniete bereits 2016 bei der Nationalhymne, um gegen Polizeigewalt zu demonstrieren – und wurde dafür angefeindet.
Foto: Keystone

Als ehemaliger Footballer hat Turner verfolgt, wie der Profi-Footballer Colin Kaepernick, damals Quarterback der San Francisco 49ers, bereits 2016 gegen Polizeigewalt protestierte, indem er vor Spielen kniete, wenn die Nationalhymne erklang. «Die weissen Reaktionen darauf haben mir die Freude an diesem Sport verdorben», sagt Turner heute, «die Liga kotzt mich an.»

Jennifer Epps-Addison sagt: «Der Protest von Kaepernick war so wichtig, weil er zeigte, wie die weisse Infrastruktur umgehend eine Kernschmelze erlebte. Mit einer einfachen Geste hat er eine grosse Lüge unterminiert, und die Leute wussten das. Daher die weisse Wut auf ihn.»

Ständig die Polizei im Nacken

Wie sehr sich die Stimmung im Land seither verändert hat, zeigt sich auch daran, dass das Football-Team der Washington Redskins gerade ernsthaft überlegt, seinen Namen zu ändern. Es war immer schon fragwürdig, dass der Club sich «Rothäute» nannte, aber im aktuellen Klima, in dem Minderheiten so entschieden für ihre Rechte eintreten, erscheint es als grotesk.

Wie für Kaepernick sind auch für Michael Turner Polizisten längst nicht mehr die Guten. Turner ist schwarz, wie Kaepernick es ist und George Floyd es war. Und wenn man wissen will, was der abstrakte Begriff «systemischer Rassismus» in der Praxis bedeutet, ist Turner ein guter Gesprächspartner. Er kann davon erzählen, wie es sich anfühlt, ständig die Polizei im Nacken zu haben, obwohl man nichts getan hat. George Floyds Hilferuf «I can’t breathe» – Ich kann nicht atmen – ist für viele Afroamerikaner eine Metapher für ihr Leben.

«Wir müssen die Polizei von Grund auf ändern. Derzeit ist ihre Arbeit
nichts anderes als die Neuinterpretation der Sklaverei.»

Jennifer Epps-Addison, Center for Popular Democracy

Zum schwierigen Verhältnis der meisten schwarzen Amerikaner zur Polizei hat Jennifer Epps-Addison eine harte These. «Es heisst jetzt überall, wir müssten die Arbeit der Polizei neu interpretieren», sagt sie, «aber das reicht nicht. Wir müssen sie von Grund auf ändern. Derzeit ist die Arbeit der Polizei nichts anderes als die Neuinterpretation der Sklaverei.»

Was sie zudem fundamental ärgert, ist die von Weissen bisweilen gestellte Frage, warum die schwarze Bewegung ausgerechnet George Floyd zum Märtyrer mache. Schliesslich sei dieser unter anderem wegen Drogenbesitzes und eines bewaffneten Überfalls festgenommen worden. «Wir haben George Floyd nicht ausgesucht», sagt Epps-Addison, «sie haben ihn ausgesucht. Sie haben ihn ermordet. Und darauf müssen wir eine Antwort finden.»

«Ich gehe jedes Mal auf Facebook Live, wenn ich in eine Kontrolle gerate.
Wer weiss, was passiert.»

Michael Turner, «Black Lives Matter»-Aktivist

Michael Turner ist das erste Mal mit 18 von der Polizei drangsaliert worden. «Ein paar weisse Kids haben es krachen lassen – Drogen, Alkohol, Lärm. Jemand hat die Polizei gerufen, aber die haben die weissen Jungs laufen lassen und sich sofort uns vorgeknöpft, obwohl wir nichts gemacht hatten», sagt er. So ging es weiter.

Zigmal sei er bei Verkehrskontrollen angehalten worden, obwohl mit seinem Auto und Führerschein alles in Ordnung gewesen sei. «Der Cop, der dich anhält, hat gerade dein Nummernschild im Computer abgefragt. Er weiss, dass du sauber bist», sagt er: «Warum also wirft er seine Lichter an und holt dich aus dem Verkehr?

Inzwischen filmt er jede Polizeikontrolle. «Ich gehe sofort auf Facebook Live, damit es Beweise gibt. Wer weiss, was passiert. Man kann alles richtig machen und trotzdem getötet werden.»

Turner ist kein auffälliger Mensch. Es gibt keinen Grund für Polizisten, ihn für verdächtig zu halten. Auch die Stadt, in der er lebt, ist nicht sonderlich kriminell. Germantown liegt in Montgomery County, einem Landkreis nördlich der Hauptstadt Washington. Das mittlere Haushaltseinkommen liegt bei knapp 110000 Dollar pro Jahr, fast doppelt so hoch wie im Rest des Landes.

Terence Monahan, Kommandant der Polizei von New York, umarmt einen Demonstranten.
Terence Monahan, Kommandant der Polizei von New York, umarmt einen Demonstranten.
Foto: Keystone

Turner ist hier aufgewachsen und zur Schule gegangen, er hat studiert und einen Job als Sachbearbeiter für Finanzhilfe beim örtlichen Community College. Er ist ein ganz normaler Amerikaner. Der einzige Grund, warum er ständig mit der Polizei zu tun hat, ist seine Hautfarbe.

Als sich in den vergangenen Wochen das Land erhob, um gegen die Brutalität der Polizei zu protestieren, organisierte auch Turner einige Demonstrationen. Bei einer Demo ging er zu den Polizisten und redete mit ihnen. Er erzählte von seinen Erlebnissen mit der Polizei. «Einige waren ziemlich cool», sagt er. Ein Polizist stieg aus seinem Wagen und kniete sich mit Turner auf den Asphalt, um George Floyd zu ehren.

Wenn Turner in Montgomery County durch Wohnviertel fährt, in denen hauptsächlich Weisse leben, dann macht ihm das immerhin ein wenig Hoffnung. Es ist in den linksliberalen Vororten chic geworden, die Kinder Schilder malen zu lassen, auf denen «Black Lives Matter» steht oder «No Justice, No Peace». Er sagt: «Wenn ich in solche Gegenden reinfahre, dann denke ich: Wow! Es tut sich was. Aber wenn ich rausfahre, denke ich: Na ja, mal sehen.»

Nachdem Trump seine düstere Mount-Rushmore-Rede gehalten hatte, schrieb Turner auf Twitter: «Wenn Rassisten sagen, Black Lives Matter ist eine terroristische Vereinigung, dann sagen sie in Wahrheit: Schwarze sind Terroristen.›»

Der Polizist, der sich entschuldigte

Als er die Demos organisierte, verhandelte er viel mit der Polizei. Er wollte, dass alles friedlich bleibt. Mit einem der Polizeikommandeure, einem weissen Captain, hat er sich etwas angefreundet. «Der hat sich vor die ganzen Leute gestellt und gesagt: Michael, es tut mir leid, was dir mit der Polizei passiert ist», erzählt Turner. «Da musste ich weinen. Wir haben alle geweint.»

Und in Mississippi erzählt Leroy Clemons, dass er als junger Mann nie gedacht hätte, dass eines Tages ein Schwarzer Bürgermeister von Philadelphia sein würde. «Doch genau das ist passiert.» Also das, was Jennifer Epps-Addison meint, wenn sie sagt, man müsse die Rathäuser der kleinen Städte erobern. Und könnte es ein symbolischeres Rathaus geben als das in Philadelphia, dem Ort der Morde von 1964, über die so lange geschwiegen wurde?

James Young, der Bürgermeister von Philadelphia, ist inzwischen in seiner dritten Amtszeit. An diesem Morgen rollt er mit seinem Pick-up-Truck heran, um mit den Freiwilligen zu reden, die das Baseballfeld herrichten. Was sich geändert habe in Philadelphia? «Noch nicht genug», sagt er, «aber wir machen Fortschritte.» Die Menschen, sagt er, müssten mit eigenen Augen sehen, dass Versöhnung nicht nur gepredigt, sondern vorgelebt werde.

Was kommt da noch?

Clemons sagt, er sei tief bewegt davon, was gerade im Land vor sich gehe. Die Polizeichefs, die nach tödlichen Einsätzen gegen Afroamerikaner und nach Attacken gegen Demonstranten zurücktreten mussten, in Atlanta, Louisville, Portland oder Nashville. Die Statuen, die überall von den Sockeln geholt werden. Die Polizei- und Justizreformen, über die jetzt in vielen Städten und im Kongress in Washington diskutiert wird.

Vor allem aber, sagt er, laufe zum vielleicht ersten Mal eine breite Debatte über die Ungleichheiten, denen Afroamerikaner ausgesetzt seien.

Ob er also Hoffnung habe, dass sich fundamental etwas ändere im Land? Leroy Clemons bejaht diese Frage nicht, und er verneint sie nicht. Aber er sagt: «Ich könnte in keiner besseren Zeit leben.»