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Skitouren im ObergomsSteigerungslauf im Märchenland

Schneesicher, mit langen Aufstiegen und verlockenden Talfahrten: Eine Skitourenwoche im Obergoms ist perfektes Training für die Frühlingssaison.

Faszinierende weisse Weite: Das prächtige Bergpanorama lässt den Aufstieg zum Genuss werden.
Faszinierende weisse Weite: Das prächtige Bergpanorama lässt den Aufstieg zum Genuss werden.
Foto: Anne-Sophie Scholl

Die Prognosen sind der Hammer: Am Freitag ist noch einmal eine fette Ladung Schnee angekündigt, später soll die Sonne scheinen. Uns bleibt in der Ferienwoche Zeit genug, der Reihe nach fast jeden Gipfel im Goms anzupeilen. Ein kleiner Steigerungslauf, der uns bis zum Wochenende hin auch anspruchsvolle Touren unternehmen lässt: zum Grathorn zum Beispiel – ein Abenteuer, das man nur bei Topverhältnissen wagen kann.

Zeitig steigen wir am Samstag in Bern in den Zug. Zwei Stunden später kommen wir in Reckingen an, in einer Märchenlandschaft aus gleissendem Licht, glitzerndem Schnee und sonnenverbrannten Holzhäusern. Rasch stellen wir das zusätzliche Gepäck in den Keller des Ferienhauses, das Urs und seine Freunde seit Jahren immer zur selben Jahreszeit mieten. Gina und Steffi wohnen im Bus auf dem Campingplatz, sie sind bereits da. Also machen wir uns auf den Weg.

Ein Aufstieg wie aus dem Bilderbuch: Prächtiges Sonnenwetter, fast knietiefer Schnee und dick in Weiss gepackte Bäume.
Ein Aufstieg wie aus dem Bilderbuch: Prächtiges Sonnenwetter, fast knietiefer Schnee und dick in Weiss gepackte Bäume.
Foto: Anne-Sophie Scholl

Unsere Einstiegstour führt vom Dorf aufwärts, auf der Nordseite des Tals, den sonnenexponierten Südhang hinauf. Ein bisschen fuchst, dass zwei Tourengänger vor unserer Nase die erste Spur durch den frischen Schnee gezogen haben. Doch die Spur ist gut angelegt, und spätestens, als wir in den Wald kommen, erleichtert sie den Aufstieg enorm. Fast knietief liegt der frische Schnee, und dick in Weiss gepackt sind auch die Bäume – eine Landschaft wie aus Kindheitsträumen. Vom Wald geschützt, steigen wir den steilen Hang hinauf, zwischendurch bietet sich immer wieder ein Blick auf die schnell zu Spielzeugformat schrumpfenden Häuser im Talboden.

Das Ziel heisst «Dri Mannlini»

Wir erreichen die Waldgrenze, wo einzelne Lawinenverbauungen die Kuppe sichern. Hinter dieser beginnt das sanfte Tourengelände. «Dri Mannlini» heisst die Felsrippe, die wir als Ziel ausgesucht haben. Wenn er schon mit drei Frauen unterwegs sei, dann müsse er sich bei den Bergen Verstärkung holen, witzelt Urs.

Doch der eigentliche Grund für die Wahl der Tour ist ein anderer. Stufe 3, also «erhebliche Lawinengefahr» wegen des Neuschnees, meldet das Lawinenbulletin für diesen ersten Tag, ab etwa der Höhe, wo die Lawinenverbauungen zu Ende sind. Und tatsächlich wird ein Tourenfreund, der vor uns aufgestiegen ist, Bilder von zwei Schneerutschen schicken, welche er im kupierten Gelände weiter oben am Berg aus der Ferne ausgelöst hat.

Mit Sicherheitsabständen rücken wir zwischen den Lawinenverbauungen vor. Dann ziehen wir für die Mittagsrast zur Galebrunnehitte hinüber. Hier liegt uns das ganze Panorama zu Füssen, vom Galenstock bis zum Matterhorn. Wir scannen die gegenüberliegende Talseite, schauen, wo Schneerutsche abgegangen sind, wo Aufstiegs- oder Abfahrtspuren zu sehen sind, wer welche Route bereits gewagt hat, wo wir neue Abfahrtsvarianten entdecken.

Die Planung fängt immer schon am Vortag an. Also überlegen wir, welche Touren wir diese Woche machen wollen. Pulverschnee lockt eher an den Nordhängen. Pflicht ist der Ärnergalen. Gutmütig steht der Berg am Eingang des Goms. Der Skilift, der früher hinaufführte, ist längst zurückgebaut, dafür quert heute zum Auftakt eine Hängebrücke die tief eingeschnittene Schlucht der jungen Rhone. Fast flach zieht sich der Rücken zum eigentlichen Gipfel hin. Die schon fast meditative Tour fasziniert mit der weissen Weite der Schneelandschaft, endet aber mit abenteuerlichen Abfahrtsvarianten im Norden.

Fehlen darf auch das Teltschehorn nicht. Es verspricht die beste Waldabfahrt oder bei guten Bedingungen flotte Schwünge zur Nufenenstrasse. Diese Woche müsste auch das Blashorn machbar sein, ein abweisender Berg mit passendem Namen, der eine rasante Talfahrt nach Oberwald verheisst. Und das Grathorn, direkt vor uns. «Meine absolute Lieblingstour», schwärmt Gina.

Auf den schon fast meditativen Aufstieg folgt der Adrenalinschub: Abenteuerliche Abfahrt im Pulverschnee.
Auf den schon fast meditativen Aufstieg folgt der Adrenalinschub: Abenteuerliche Abfahrt im Pulverschnee.
Foto: Anne-Sophie Scholl

Am sechsten Tag wagen wir es. Seit drei Tagen meldet das Lawinenbulletin nur noch «mässige Lawinengefahr», Stufe 2. Wir sind mit der Schneedecke im Gebiet vertraut und fit, das Training der langen Aufstiege, für die das Goms bekannt ist, macht sich bemerkbar. Mühelos gelangen wir zur oberen Alp, wo die ersten Sonnenstrahlen durch den lichten Lärchenwald blitzen, und bald danach auch auf den Grat. Schwungvoll verläuft dieser zum Grathorn.

Die richtige Rippe erwischt

Zwei Spuren ziehen sich wie Girlanden durch den Pulver. Als wir näherkommen, entdecken wir auch eine Aufstiegsspur. Was soll das heissen? Wir wagen die Steilabfahrt dennoch, tasten uns langsam vor, gleichen immer wieder auf dem GPS ab, ob wir die richtige Rippe erwischt haben. Wir haben Glück: Immer wieder tut sich ein Weg auf, so wie es auf der Karte eingezeichnet ist. Die letzten 100 Höhenmeter sausen wir in luftig leichtem Pulver gegen 40 Grad steil ins Tal. Chäller heisst dieser Ort, ein schaurig-schönes Schattenloch mit engen, wild zerklüfteten Felsflanken. Am Talabschluss thront der mächtige Klotz des Rappenhorns. Über acht grosse Lawinenkegel gleiten wir hinaus ins Haupttal, wo die späte Nachmittagssonne die Fläche in warmes Orange tüncht.

Einen letzten Tag noch, dann haben wir sieben Tourentage und fast 10’000 Höhenmeter in den Beinen: Wir haben einen guten Boden gelegt für die langen Frühlingstouren. Die Saison kann kommen.