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Corona bedroht die TheaterNicht mehr sein? Das ist hier die Frage

England fürchtet, dass seine Theaterlandschaft im Sommer untergeht. Einige britische Bühnen sind bereits pleitegegangen, andere stehen kurz davor.

Auch Hollywoodstars sind in den Londoner Theatern zu sehen: Keira Knightley in «The Children’s Hour», 2011.
Auch Hollywoodstars sind in den Londoner Theatern zu sehen: Keira Knightley in «The Children’s Hour», 2011.
Foto: Imago Stock & People

Auf seine Theater ist London immer mächtig stolz gewesen. Mit einer Geschichte, deren früher Star William Shakespeare war, hat sich die Bühnenwelt an der Themse stets als etwas Besonderes gefühlt.

Weit reichen die Namen vieler illustrer Spielstätten zurück in der britischen Metropole. Fast 400 Jahre ist es her, dass das Theatre Royal in der heutigen Drury Lane gegründet wurde. Einer Studie der «Gesellschaft der Londoner Theater» zufolge hat London mit mehr als 15 Millionen verkauften Tickets im Jahr an dieser Front sogar das grosse New York aus dem Feld geschlagen.

Seit März geschlossen

Das West End kann das Dunkel, in das die Corona-Katastrophe es stürzte, bis heute kaum fassen. Denn nicht nur sind die Lichter der Londoner Bühnen seit März erloschen. Bestürzt fragt man sich im West End mittlerweile auch, ob sie je wieder angehen werden – oder ob das «Theaterland» unweigerlich stirbt.

Steht vor dem Konkurs: Das traditionelle Theater Shakespeare’s Globe, 20. Mai 2020.
Steht vor dem Konkurs: Das traditionelle Theater Shakespeare’s Globe, 20. Mai 2020.
Foto: Keystone

Verzweifelt haben Theaterdirektoren in den letzten Tagen prophezeit, dass ihren Spielstätten ein sicheres Aus droht, und das schon in wenigen Wochen, wenn die Regierung sie nicht noch in letzter Minute vor dem Schlimmsten bewahrt.

In einer «äusserst bedrohlichen finanziellen Lage» findet sich bereits das Old Vic, eines der renommiertesten und ältesten Theater Londons. «Wir werden diese Krise nicht überleben», klagt auch das Globe Theatre – Shakespeare’s Globe – an seinem vertrauten Platz zwischen Tate Modern und Southwark Bridge. Noch im Vorjahr hat jede dieser beiden Bühnen Hunderttausende von Tickets verkauft. Nun aber fürchten die Theater, ihre mühsam aufgebauten Reserven bald aufgebraucht zu haben.

Und Gelder vom Staat fliessen ihnen nicht zu. «Draussen» im Land haben einige Bühnen bereits den Konkurs angemeldet: Theater in Leicester, Southport, Southampton und Edinburgh konnten sich nicht länger über Wasser halten und sahen keine Chance, den Betrieb irgendwann wieder aufzunehmen. «Zum Jahresende werden 70 Prozent aller Theater in unserem Land pleite sein», warnt die «Gesellschaft der Londoner Theater». «Und einige sehr, sehr grosse Bühnen werden sich unter diesen 70 Prozent befinden.»

Bedrohte Aufführungskultur

Rufus Norris, der künstlerische Direktor des National Theatre, des Nationaltheaters, stimmt dem zu. «Bis Weihnachten» werde die grosse Mehrheit der britischen Bühnen «mit Brettern zugenagelt» sein, wenn die Regierung in allernächster Zeit nicht einspringe, meint Norris. Auch seinem Theater drohe zum Jahresende der Ruin.

Norris’ Kollege Greg Doran von der Royal Shakespeare Company befürchtet, dass britische Bühnen ohne Beistand «ihre gesamte Aufführungskultur einbüssen» würden – und es, wenn die aktuellen Restriktionen einmal aufgehoben werden, womöglich «nicht mehr viel zu sehen geben» werde im «Theaterland». «Wenn das so weitergeht, fragt man sich, ob überhaupt irgendwelche Theater hierzulande überleben werden», fügt Norris an.

Sogar das Royal Opera House sieht sich in einer prekären Situation zu Beginn dieses Sommers. Es hat an die Regierung appelliert, «den Ernst der Lage» zu begreifen.

Kaum Hilfe vom Staat

Selbst wenn die britischen Theater irgendwann wieder ihre Tore öffnen dürfen, müssen sie sich fragen, wie sie danach mit drastisch reduziertem Publikum, auf «kleiner Flamme», weitermachen sollen – zumal in den oft engen, antiquierten West-End-Theatern, deren Idee immer eher das Gegenteil von sozialer Distanzierung war.

Die Situation in Grossbritannien unterscheidet sich grundlegend von der vieler Nachbarländer. Denn die meisten britischen Bühnen erhalten wenig öffentliche Unterstützung. Sie sind ganz und gar angewiesen auf den Ticketverkauf. Selbst das Royal Opera House muss 95 Prozent seiner Eintrittskarten loswerden, um nicht in die roten Zahlen zu rutschen.

Ebenfalls existenziell bedroht: Das Royal Opera House, fotografiert am 1. Mai 2001.
Ebenfalls existenziell bedroht: Das Royal Opera House, fotografiert am 1. Mai 2001.
Foto: Ganay Mutlu (iStock)

Dahinter steht die politische Maxime der Regierenden, dass auch Kulturinstitutionen «marktgerecht» operieren sollten. David Camerons rabiate Austeritätspolitik vieler Jahre hat dazu geführt, dass den Kommunen im Lande immer weniger an Fördermitteln für «Luxusartikel» wie Kultur geblieben ist.

Heute können selbst namhafte britische Kultureinrichtungen ihre Kosten höchstens noch zu einem Viertel mit Zuschüssen aus öffentlichen Mitteln decken. «Eines der grössten Risiken besteht darin, dass man Fachleute und Künstler der Spitzenklasse verliert», erklärt Rufus Norris vom Nationaltheater. Wer ein Theater «einmotte», stoppe zum Beispiel den Zufluss allen Talents.

Auch das TV ist bedroht

Einig sind sich die Bosse der grossen Londoner Bühnen darin, dass es nicht nur um ihre «nationalen Flaggschiffe» gehe. Sondern dass von der Regierung auch kleine und Provinzbühnen gerettet werden müssten, aus denen das West End traditionell seinen Nachwuchs bezieht.

Und nicht nur das. Die berühmten Bühnen der Hauptstadt liefern ihrerseits der Film- und Fernsehwelt der Insel – einer «Top-Industrie» des Landes – häufig erst die Akteure, Regisseure und Spezialisten, die diese Branche so erfolgreich machen, dass sie auch in Hollywood eine Rolle spielt.

Sam Mendes schaltet sich ein

«Ein derart verwobenes Ökosystem, das sich über lange Zeit hin entwickelt hat, kann man nicht einfach wieder ganz von vorn aufbauen», erklärt Sam Mendes, der international renommierte Filmregisseur. Mendes, der selbst viele Jahre lang Regisseur an Londons Donmar Warehouse war, sieht in der gegenwärtigen Krise «die grösste Herausforderung für Grossbritanniens Kulturbetrieb seit dem Zweiten Weltkrieg».

Die Karrieren Tausender, die bei Film und Fernsehen arbeiteten, hingen von einer florierenden West-End-Kultur ab. Besonders kurios findet Mendes in diesem Zusammenhang, dass just zum Zeitpunkt der schwersten existenziellen Krise für Theater und Theaterleute diese Krise andere «reich gemacht» habe, die auf die Theater im Grunde angewiesen seien.

«Es wäre ja zutiefst ironisch», meint er, «wenn Streaming-Services wie Netflix, Amazon Prime und ähnliche Unternehmen mit dem Talent unserer besten Schauspieler, Produzenten, Drehbuchautoren und Dramaturgen Unmassen an Lockdown-Millionen kassierten, während man die Kunst und Kultur, die diesen Talent-Pool hervorgebracht hat, sterben lässt.»

«Einsatzgruppe» aufgeboten

«Zu den Waffen» gerufen hat Mendes darum zu Beginn dieser Woche. Die «Titanen» der Streamingindustrie, die Netflix-, Amazon-, Disney-Bigwigs, sollten angehalten werden, wenigstens «einen Teil des unverhofften Covid-19-Geldregens» an die Theater weiterzureichen. Der Vorschlag hat Beifall ausgelöst bei den Betroffenen: zumal sich die Regierung noch immer ziert, fürs «Theaterland» in die Staatskasse zu greifen. Boris Johnsons Kulturminister Oliver Dowden hat sich nämlich bisher auf kein Rettungsunternehmen fürs West End und die anderen Bühnen festlegen wollen.

Dowden hat lediglich eine «Einsatzgruppe zur kulturellen Erneuerung» zusammengestellt, die an Lösungsvorschlägen arbeiten soll. Zynische Stimmen aus den stillgelegten Schauspielhäusern in London haben diese Massnahme mit den Worten quittiert, bis die ministerielle «Einsatzgruppe» erst einmal dazu komme, irgendwelchen Beschlüsse zu fassen, sei das West End vielleicht schon mausetot.