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Hilfsgelder für FlugbrancheStreit um die Bedeutung der Luftfahrt

Wie viele Arbeitsplätze in der Schweiz sind vom Flugverkehr abhängig? Der Bund und die Flugbranche korrigieren ihre Angaben. Was dahinter steckt.

Arbeit am Flugzeug: Welche Jobs mit weniger Flugverkehr wegfallen würden, ist umstritten.
Arbeit am Flugzeug: Welche Jobs mit weniger Flugverkehr wegfallen würden, ist umstritten.
Foto: Christian Beutler (Keystone)

Ein Satz wird zum Politikum. «Gemessen an Vollzeitstellen beschäftigt die Luftfahrtbranche mehr als 190000 Mitarbeitende in der Schweiz», schrieb das Finanzdepartement am 8. April in einer Mitteilung. Der Anlass: Der Bundesrat prüft, wie der Bund die von der Corona-Pandemie stark betroffene Luftfahrtindustrie der Schweiz vorübergehend mit Liquidität unterstützen könnte. Einen Tag später stand an gleicher Stelle neu: «Die durch den privaten Flugverkehr direkt und indirekt ausgelöste Wertschöpfung beläuft sich jährlich auf rund 30 Milliarden Franken und betrifft ca. 190000 Arbeitsplätze.»

Das Finanzdepartement begründet die Justierung auf Anfrage damit, dass der ursprüngliche Satz missverständlich gewesen sei. Doch hinter der Korrektur versteckt sich mehr: ein Disput darüber, wie viele Arbeitsplätze von der Luftfahrt in der Schweiz abhängen. Die Antwort auf diese Frage ist politisch bedeutsam: Je mehr Jobs auf dem Spiel stehen, desto gewichtiger ist die Branche, und desto eher könnte es angezeigt erscheinen, ein staatliches Rettungspaket zu schnüren.

67’000 oder 190’000?

Aus der Branche selber verlauten noch höhere Zahlen, wie diese Zeitung unlängst berichtet hat: 190000 direkt und mehrere 100000 indirekt betroffene Arbeitsplätze. Aerosuisse, der Dachverband der Schweizerischen Luft- und Raumfahrt, spricht auf Anfrage von einem «Missverständnis» bei seiner Auslegung der Zahlen; konkreter wird er nicht. Korrekt sei: insgesamt 190000. Präsident und SVP-Nationalrat Thomas Hurter verweist in diesem Zusammenhang auf die erwähnte Medienmitteilung des Bunds vom 8. April und auf den luftfahrtpolitischen Bericht des Bundesrats aus dem Jahr 2016. Darin steht die ominöse Zahl 190000. Doch auch diese Angabe ist umstritten. Warum?

Gemäss Bericht sind nur 44280 Arbeitsplätze direkt von der Flugbranche in der Schweiz abhängig, das sind zum Beispiel Piloten und Flughafenangestellte. Dazu kommen weitere 22670 Arbeitsplätze, die sich aus sogenannt indirekten Effekten ergeben, also durch die Wertschöpfung und Beschäftigung, die durch Zulieferer und Auftragnehmer der Luftfahrtbranche ausserhalb der Flughäfen generiert wird. Macht insgesamt 67000 Arbeitsplätze.

Auf die weit höhere Zahl von 190000 kommt der Bund, indem er zusätzlich einrechnet, wie diese Angestellten ihr Einkommen ausgeben und so indirekt helfen, weitere Arbeitsplätze zu schaffen. Schliesslich zählt er auch jene Effekte, die entstehen, wenn etwa angereiste Touristen Geld in der Schweiz ausgeben oder Firmen dank ihrer Flughafennähe an Standortattraktivität gewinnen.

«Ich erwarte vom Bundesrat fachlich fundierte Informationen.»

Silas Hobi, Geschäftsleiter Umverkehr

An dieser Berechnung gibt es Kritik, etwa vom Onlinemagazin «Das Lamm», aber auch von der Umweltorganisation Umverkehr. Es sei dreist, sagt Geschäftsleiter Silas Hobi, Migros- und Coop-Verkäufer zu den direkt von der Flugbranche abhängigen Arbeitsplätzen zu zählen, nur weil die entsprechenden Geschäfte auf dem Flughafenareal lägen. Der Bericht blende zudem aus, dass der Flugverkehr insbesondere Millionen Schweizer Touristen ins Ausland weglocke und damit die Schweizer Tourismusindustrie um Einnahmen bringe. Wenn Aerosuisse solche Zahlen verbreite, sei das eine Sache, so Hobi. «Vom Bundesrat erwarte ich aber fachlich fundierte Informationen.»

Bazl kontert Kritik

Das federführende Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) entgegnet, die Zahlen zur Wertschöpfung beziehungsweise zu den Arbeitsplätzen seien im luftfahrtpolitischen Bericht 2016 transparent aufgeführt. Entscheidend für die ins Auge gefasste Unterstützung des Bunds seien ohnehin nicht nur die Wertschöpfungszahlen. Vielmehr ist es laut Bazl die Tatsache, dass es sich bei der Luftanbindung um eine kritische Infrastruktur handle. Ein Unterbruch wirke sich auf weite Teile einer Volkswirtschaft aus, gerade bei einem exportorientierten Land wie der Schweiz. «Der drohende Schaden wäre immens.»

Neuere Daten zu den Arbeitsplätzen liegen laut Bazl nicht vor. Eine Aktualisierung des Berichts sei derzeit nicht vorgesehen, da solche Studien recht kostenintensiv seien. Das Bazl geht jedoch davon aus, dass die volkswirtschaftliche Bedeutung der Luftfahrt seit 2016 zugenommen habe, entsprechend dem Zuwachs des Luftverkehrs vor der Corona-Krise.

24 Kommentare
    Marc-Reto Wirth

    Viele dieser Arbeitsplätze -ich meine damit nicht hochkarätige Spezialistenfunktionen) am Flughafen Zürich werden von aus dem Ausland „importierten“ Arbeitnehmern besetzt - seien es durch die zahlreichen Grenzgänger aus Deutschland oder Arbeitnehmer ohne CH-Pass.

    In den Medien wurde auch kolportiert, dass die Lufthansa und ihre Tochtergesellschaften (vor dem Corona Shut down) sogar temporär Cabin-Crew Personal nach Zürich - teilweise täglich - einfliegen liess, weil sie diesen weniger Lohn, d.h. zu deutlich tieferen Deutschen/EU-Konditionen vergütet als als in einem CH-Cabin Crew-Anstellungsvertrag mit den CH-Sozialpartnern formell vereinbart ist.